Inmitten der eindrucksvollen Kulisse der Dolomiten läuft derzeit im Grödnertal die nunmehr zehnte Ausgabe der „Biennale Gherdëina“. Unter dem Titel „(Future) Paradise Gardens“ widmet sich die diesjährige internationale Kunstschau drängenden Fragen der Zeit. Der Schweizer Kurator Samuel Leuenberger lädt das Publikum dazu ein, den Garten nicht mehr nur als rein ästhetisches Motiv zu begreifen. Vielmehr wird er als lebendiger Spiegel für Biodiversität, Klimawandel, koloniale Spuren und das soziale Zusammenleben verstanden. Die Natur soll hier als offener, fluider und oft auch „wilder“ Raum fungieren, in dem das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt neu verhandelt wird.
Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler greifen das Leitthema auf sehr unterschiedliche Weise auf und schlagen Brücken zwischen globalen Diskursen und lokaler Verwurzelung.
Der 1984 in Basel geborene mexikanisch-schweizerische Künstler Leonardo Bürgi Tenorio zum Beispiel setzt sich historisch-kritisch mit Ökologie auseinander. Er präsentiert in der zentralen Ausstellungsstätte „Sala Trenker“ in St. Ulrich seine Werkgruppe „Homescapes“ (2025). Seine Installationen nutzen die historische Form der Wardschen Kasten – jener viktorianischen Terrarien, die einst für den globalen Transport kolonialer Pflanzen genutzt wurden. Bürgi Tenorio zeigt darin alpine Vegetation auf den originalen, groben Transportkisten und thematisiert so die Natur als koloniale Infrastruktur im Spannungsfeld von Fürsorge und Isolation.
Die Basler Künstlerin Sandra Knecht schlägt mit ihrer partizipativen Holzfigur "Sirocco", die in der Fussgängerzone von St. Ulrich in der Luft schwebt und welche durch Seilzüge vom Publikum wie ein Hampelmann bewegt werden kann, eine Brücke zwischen alpiner Folklore sowie traditioneller Holzschnitzkunst des Grödnertals. Sie regt an, darüber nachzudenken, wie Geschichten, Identitäten und kollektive Ängste ständig inszeniert und neu erfunden werden. Gemeinsam mit Bürgi Tenorio gestaltete sie im Rahmen der Eröffnung der Biennale zudem eine kulinarische Intervention im öffentlichen Raum“.
Die Südtiroler Künstlerin Gabriela Oberkofler wiederum widmet sich intensiv archivarischen Prozessen und dem Erhalt von Biodiversität. Ihre Arbeiten untersuchen lokale Mythen sowie traditionelles Pflanzenwissen und beleuchten das fragile Zusammenleben von Menschen, Mineralien und Flora im alpinen Raum.
Pedro Abu Wirz hinterfragt in Kollaboration mit Michael Marder das statische Bild der Natur. Mit Prozessen des Werdens und Vergehens schufen sie zudem partizipative Formate wie die Kinder-Workshops "Making, Unmaking, and Remaking Us", um ökologische Verwandlungen erfahrbar zu machen. Am zentralen Brunnen in St. Ulrich sprichtt Wirz desweiteren mit zwei menschenähnlichen „Gartenkörpern“ aus Zweigen, Erde und lebendem Pflanzenmaterial Themen wie Wachstum, Zerfall und Transformation an.
Der mexikanische Künstler Bosco Sodi, Jahrgang 1970, hat eine Serie von Gemälden entwickelt, die direkt auf den Bäumen am St. Ulricher Antoniusplatz aufgehängt sind. In einfachen Rahmen montiert, wirken die Werke zugleich geschützt und exponiert, als schwebten sie zwischen Fürsorge und Verletzlichkeit. In unterschiedlichen Höhen hängend, treten die leuchtend roten Flächen in einen lebendigen Dialog mit dem umgebenden urbanen und belebten Kontext. Jedes Gemälde trägt eine einzige, verdichtete Geste in sich. Durch dicke Schichten aus Pigmenten und Rohmaterialien aufgebaut, reißen die Oberflächen beim Trocknen auf und bilden Spalten, die an trockene Landschaften, verbrannte Erde oder Mineralformationen erinnern. Hoch in den Bäumen platziert, nehmen die Gemälde eine fast anomale Präsenz an – teils Opfergabe, teils Signal, teils Schutz. Seine rohen, texturreichen Arbeiten entstanden im direkten Dialog mit den Dolomiten und fangen das Vergehen von Zeit, Erderosion und die Transformation natürlicher Materialien ein.
Insgesamt vereint die Biennale „(Future) Paradise Gardens“ 24 Projekte von 28 lokalen und internationalen Künstler:innen und erstreckt sich über die Ortszentren von St. Ulrich und St. Christina sowie Pilat. Viele Arbeiten der „Biennale Gherdëina“ entstanden in enger Zusammenarbeit mit Grödner Holzschnitzern und Handwerkern, was dem internationalen Festival eine tiefe lokale Verankerung verleiht. Besucher können bzw. konnten bei offenen Ateliers Einblicke in diese Arbeitsprozesse gewinnen oder können bei geführten Themenwanderungen Kunst und Natur direkt miteinander verknüpfen. Die Jubiläumsschau belegt einmal mehr, dass das Grödnertal nicht nur ein Ort des alpinen Tourismus, sondern auch ein lebendiger Hotspot des zeitgenössischen Diskurses ist.
Der 1974 in Basel geborene Kurator Samuel Leuenberger ist vor allem als Gründer und Leiter der Ausstellungsräume "City SALTS" in Birsfelden bei Basel und "Country SALTS“ in Bennwil bekannt. Von 2016 bis 2023 zeichnete er zudem als Kurator für den renommierten Sektor „Art Basel Parcours“ verantwortlich, bei dem er ortsspezifische Skulpturen und Performances in die urbane Landschaft Basels integrierte. Weiters kuratierte er 2022 gemeinsam mit Heidi Brunnschweiler den Schweizer Pavillon auf der 59. Biennale von Venedig.
Wie Leuenberger im Katalog zur 10. Ausgabe der "Biennale Gherdëina“ festhält, befindet sich der zukünftige Paradiesgarten nicht am Ende der Geschichte und auch nicht hinter den Mauern eines wiedergewonnenen Eden. Sondern "er beginnt überall dort, wo wir akzeptieren, dass das Leben geteilt ist, dass Kontrolle nur teilweise möglich ist, dass Wachstum relational ist und dass selbst in geschädigten Landschaften noch etwas Unerwartetes Wurzeln schlagen kann. Hier, in den Dolomiten, zwischen Stein, Holz, Nebel, Erinnerung, Arbeit und Geschichte, fühlt sich dieser Anfang sowohl zerbrechlich als auch vollkommen real an.“
10. Biennale Gherdëina
St. Ulrich, St. Christina, Pilat
Noch bis 13.9.
https://www.biennalegherdeina.org