25. Februar 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Die 50-Jährige Joe erzählt dem älteren Junggesellen Seligman in acht Kapiteln ihre von Sex bestimmte Lebensgeschichte. – Trotz expliziter Sexszenen ist Lars von Triers skandalumwitterter Abschluss seines "Triptychons der Depression" kein Sexfilm, sondern eine immer wieder ironisch gebrochene Auseinandersetzung mit Sex und Liebe, Zwang und Freiheit, Einsamkeit und Ängsten.

Gegenüber dem 145-minütigen Director´s Cut ist die 118-minütige Kinofassung des ersten Teils von "Nymphomaniac" zwar deutlich entschärft, doch explizite Sexszenen fehlen auch hier nicht. Die Kürzungen betreffen aber nicht nur diese Ebene, sondern auch kulturgeschichtliche Verweise wurden teilweise gestrichen, während die Exposition dagegen leicht ausgebaut wurde.

Wie Lars von Triers "Dancer in the Dark" beginnt "Nymphomaniac 1" mit einer langen Schwarzblende. Vorbereitet werden soll der Zuschauer mit dieser Ouvertüre auf den Film, das Geräusch von tropfendem Wasser und ein leises Brummen soll seine Ohren sensibilisieren.

Bilder eines nächtlichen Hinterhofs folgen. Langsam wandert die Kamera rinnendem Wasser entlang eine Backsteinmauer hinunter, gleitet über eine Dachrinne, blickt schließlich ins Schwarz eines Lüftungsschachts.

Leise rieselt der Schnee, doch die Farben sind schmutzig und verwaschen, erleuchtet wird der Hof nur von einer Neonröhre. Der Ton ist zurückgenommen, man hört wiederum nur das Tropfen von Wasser, dann einen sich im Wind langsam drehenden rostigen Ventilator. In der Mitte des Hofes liegt eine verletzte Frau (Charlotte Gainsbourg), während in einer Parallelmontage der Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) – eine Szene, die in der Langfassung fehlt – sein Haus verlässt und in einem jüdischen Geschäft einkauft. Auf dem Rückweg findet er in dem labyrinthartigen Hinterhof die verletzte Frau und abrupt setzt dröhnend laut Rammsteins "Führe mich, halte mich, verlass mich nicht" ein.

Ein unglaublich starker, dichter Auftakt ist dies – und die einzige Szene in der Gegenwartshandlung, die außerhalb von Seligmans Schlafzimmer spielt. Denn der ältere Junggeselle nimmt die Frau, die trotz ihres zerschundenen Gesichts nicht will, dass ein Krankenwagen oder die Polizei gerufen wird, in seine armselige, ganz in Braun getauchte Wohnung mit, gibt ihr Tee und bittet sie, ihm zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie verletzt im Hinterhof lag. Sie aber weigert sich zunächst, bezeichnet sich als schlechten Menschen, woraufhin er erklärt, er sei noch nie einem schlechten Menschen begegnet.

Über einen an der Wand hängenden Köder fürs Fliegenfischen – eine so genannte Nymphe – kommen sie tiefer ins Gespräch. Seligman erzählt von seiner Begeisterung fürs Fischen und über Izaak Waltons 1653 erschienenes Buch "The compleat angler". Damit ködert er Joe gewissermaßen und sie beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen von der Entdeckung ihrer Vagina im Alter von zwei Jahren, über Kinderspiele im Badezimmer der Eltern, die Entjungferung mit 15 durch Jerôme (Shia LaBeouf) und einen Wettbewerb im Männer Aufreißen in einem Zug bis zur Bildung einer Frauengruppe, die sich verspricht, mit jedem Mann nur einmal zu vögeln.

Wenn diese Frauen im Chor "Mea vulva, mea maxima vulva" skandieren, dann stellen sie damit dem katholischen Schuldgefühl das hemmungslose Ausleben der Lust gegenüber. Witz entwickelt der Film dabei auch, wenn Joe über die Schwierigkeit berichtet die Termine mit den verschiedenen Sexpartnern zu koordinieren und sie deshalb mittels Würfeln den Zufall entscheiden ließ.

Bezeichnenderweise erhält hier auch nur Jerôme einen vollständigen Namen und ihm wird auch ein eigenes Kapitel gewidmet, während alle anderen Figuren auf ihre Initialen reduziert bleiben.

Die Beichte Joes wird immer wieder durch Inserts unterstrichen, beispielsweise zur Anzahl der Stöße bei der Entjungferung, sodass die Zahlen das Mechanisch-Lustlose des Akts versinnbildlichen, während bei Seligman die Zahlen "3" und "5" wieder Assoziationen an die Fibonacci-Folge wecken. Immer wieder unterbricht der Bildungsbürger, der quasi der Stellvertreter des Zuschauers ist, die Ausführungen Joes und stellt nicht nur Bezüge zum Angeln her, die mit Filmmaterial unterstrichen werden, sondern bringt auch kulturhistorische Betrachtungen ins Spiel.

So führt eine Bemerkung über eine Kuchengabel neben einem jüdischen Rugelach zu einer Anekdote Seligmans über die Vernichtung der Kuchengabel während der Oktoberrevolution, weil die Bolschewisten dieses Besteck angeblich als ein Symbol der Bourgeoisie ansahen. Andererseits bringt der Blick Joes auf ein Gemälde in Seligmans Wohnung, von dem sie nur den Anfang des Titels "Mrs. H" lesen kann, sie zur Erzählung über Mrs. H. Eine grandios zwischen absurdem Witz und Tragik pendelnde Szene gelingt von Trier hier, wenn diese von Uma Thurman furios gespielte Frau, die von ihrem Mann wegen Joe verlassen wurde, mit ihren drei Kindern Joe in ihrer Wohnung besucht und ihr bewusst macht, dass sie eine Familie zerstört.

Ebenso bringen Gedanken Seligmans zum Tod Edgar Allan Poes im Delirium Joe dazu vom qualvollen Tod ihres geliebten und liebevollen Vaters (Christian Slater) zu erzählen und wie sie Schmerz und Trauer nur durch Sex mit den Krankenhausangestellten kompensieren konnte.

Doch das Verlangen nach Sex schafft hier kein Glücksgefühl, sondern vielmehr wird in Joe eine tiefe Einsamkeit und Leere sichtbar. Die Lust auf Sex wird zum Zwang und Erfüllung scheint nur möglich – Seligman stellt den Bezug zum harmonischen Zusammenspiel mehrerer Stimmen in Bachs Cantus firmus her – wenn zum Sex die Liebe kommt. Im Splitscreen zeigt von Trier, wie Joe zwar verschiedene Aspekte erlebt, doch der Zusammenklang fehlt am Ende des ersten Teils und verzweifelt muss sie beim Sex mit Jerôme feststellen "Ich fühle nichts", während zum Nachspann wieder Rammsteins "Führe mich" einsetzt und sich damit den Kreis zum Anfang schließt und gleichzeitig schon Ausschnitte aus "Nymphomaniac 2" andeuten, wie die Lebensbeichte weitergehen wird.

Während Lars von Trier in den ersten beiden Teilen seines "Triptychons der Depression" "Antichrist" und "Melancholia" runde Geschichten erzählte, gibt es in "Nymphomaniac" zwar die Lebensbeichte Joes als Leitfaden, doch ist dieser Film einerseits durch die Gliederung in acht Kapitel, andererseits durch die Bezüge, die Seligman herstellt, bewusst voller Brüche.

Dazu kommen auch die formalen Freiheiten, die sich von Trier nimmt. Er wechselt zwischen Schwarzweiß und Farbe, arbeitet mit Inserts, setzt Fotos und fingiertes Archivmaterial ein, um die verbal formulierten Analogien zu visualisieren. Fällt das Wort Erinnerung, zeigt der Film, wie Joe den abgereisten Jerôme durch Details anderer Männer puzzleartig zusammensetzt, bis das Bild langsam schwindet, kommt die Rede aufs Fliegen, wird ein Flugzeug eingeblendet, muss Joe einen Wagen einparken, illustriert eine Grafik mit den entsprechenden Winkeln, wie manövriert werden muss, den Parkvorgang.

Im Gegensatz zu den überlegt komponierten Bildern von "Melancholia" - auch dort gab es allerdings daneben schon Handkameraeinsatz - steht hier weitgehend ein Handkamerastil, der ganz auf die Personen fokussiert, den Raum ausspart und mit seinem unruhigen Gestus und seiner Unmittelbarkeit immer wieder den Eindruck authentischer oder auch mit versteckter Kamera gefilmter Aufnahmen vermittelt.

Das Letzte holt der Däne damit aus seinen Schauspielern heraus. Mit ungeheurer Intensität und Körpereinsatz spielt die 23-jährige Stacy Martin die junge Joe, eindrucksvoll ist aber auch Charlotte Gainsbourg als vom Leben geschlagene und bemitleidenswerte 50-Jährige, wunderbar zurückhaltend, schon fast zu gütig Stellan Skarsgård als Seligman.

Diese Schauspieler müssen den Film tragen, bei dem es nicht so sehr um ästhetischen Genuss geht, sondern ganz klar – freilich ironisch und spielerisch gebrochen – auch um eine Lektion, die von Trier dem Zuschauer erteilen will. Da wird – nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern eben auch durch die von Zwängen befreite Form - ganz gezielt provoziert, mit Moralvorstellungen gespielt, werden ständig neue Fragen aufgeworfen und vermeintliche Sicherheiten erschüttert.

Den runden Kinogenuss beschert "Nymphomaniac 1" damit kaum, doch formal und inhaltlich aufregendes Kino ist das allemal. Unbefriedigend ist allerdings, dass der Film in zwei Teile geteilt wird, da dadurch eine geschlossene Geschichte zerrissen wird. Gleichzeitig spielt von Trier damit aber auch mit dem Suchtverhalten des Zuschauers, ködert ihn mit der Vorschau auf den zweiten Teil und hat ihn mit seinem Bedürfnis das Ende der Geschichte zu erfahren, an seinem Angelhaken.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 24.4., 20 Uhr + Sa 26.4., 22 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu "Nymphomaniac"

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