6. Oktober 2022 - 15:26 / Aktuell / Literaturpreise 

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die französische Schriftstellerin Annie Ernaux. Die 1940 geborene Autorin, die schon seit Jahren immer wieder als Kandidatin gehandelt wird, werde für ihr ambitioniertes autofiktionales Projekt ausgezeichnet, das die Grenzen zwischen eigenem Leben und Fiktion verschwimmen lässt, heisst es. Mit diesem über Jahrzehnte betriebenen Projekt einer Vermessung ihrer Herkunft und ihres Lebens in einer Serie von Romanen hat Ernaux den Begriff der Autofiktionalität geprägt.

Ernaux bekomme den Preis "für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt", erklärte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, bei der Preisbekanntgabe in der Altstadt von Stockholm.

Als Ernaux im Schatten eines Alain Robbe-Grillet, Michel Butor und Claude Simon zu schreiben begann, war die Sehnsucht nach Klarheit, Direktheit und Minimalismus groß. Mit "Der Platz“ ("La Place“) lieferte sie Mitte 1983 ein Werk ab, das seinesgleichen sucht. Darin seziert sie ausgehend von der Erinnerung an den Tod ihres Vaters ihre kleinbürgerliche Herkunft, vermisst rückwirkend den sozialen „Platz“, der ihr durch die Geburt zugeteilt wurde, und welche Möglichkeiten ihr dadurch offenstanden oder eben verschlossen blieben. „Mir ist das Prinzip der Fiktion immer fremd geblieben“, meinte Ernaux rückblickend auf „Der Platz“ und fügte hinzu: „Die Realität ist so ein außergewöhnliches Feld und das gelebte Leben eine letztlich so enorme Größe.“

Ihren Zugang breitet Ernaux seit den 1970er Jahren konsequent aus: In Romanen wie „Die Scham“, „Erinnerungen eines Mädchens“ und „Die Jahre“ – der bei der Verkündung des Nobelpreises explizit als „erste kollektive Biografie“ gewürdigt und auf die technische Höhe von Marcel Proust gehoben wurde – verarbeitet sie Aspekte ihres Lebens und der Leben ihrer Familienmitglieder.

Der Nobelpreis ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 920.000 Euro) dotiert. Die Überreichung aller Nobelpreisen erfolgt am 10. Dezember. Das ist das Sterbedatum von Alfred Nobel. Pandemiebedingt wird der Preis neuerlich in den Heimatländern der Preisträgerinnen und Preisträger und nicht bei einer Zeremonie in Stockholm übergeben.