4. März 2008 - 5:59 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Mit jedem Film aufs Neue arbeiten sich die Coen-Brüder an den Genres des klassischen Hollywood-Kinos ab, zitieren und interpretieren sie, verleihen ihren Filmen aber gleichzeitig durch die lakonische Erzählweise, den pechschwarzen Humor und die zutiefst pessimistische Weltsicht eine unverkennbare individuelle Handschrift. - Ein Musterbeispiel dieses Kinos ist dieser mit vier Oscars ausgezeichnete, makellos inszenierte und gespielte, ebenso spannende wie düstere Neo-Noir-Thriller.

Illusionslos beklagt Sheriff Ed Bell (Tommy Lee Jones) im einleitenden Off-Kommentar die Brutalisierung der Gesellschaft und erzählt von einem 14-Jährigen, den er auf den elektrischen Stuhl geschickt habe, weil er einfach aus Lust am Töten ein Mädchen ermordet habe. Im Kontrast zu dieser angeblichen menschlichen Verrohung stehen die ruhigen grandiosen Landschaftstotalen der texanischen Halbwüste (Kamera: Roger Deakins): Unberührt scheint das Land vom behaupteten gesellschaftlichen Wandel.

Die in den folgenden zwei Stunden nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy erzählte Geschichte freilich scheint Beleg für die Klage des Sheriffs. Doch revidiert wird diese Perspektive wiederum in einem Gespräch des Sheriffs von einem alten Freund, der von einem kaum minder brutalen Mord berichtet, der Anfang des 20. Jahrhunderts verübt wurde. – Sieht Sheriff Bell vielleicht die Vergangenheit rückblickend nur verklärt und war die Welt – oder genauer der Mensch – schon immer abgrundtief böse, gemein und brutal?

Für die nicht motivierte, sinnlose Gewalt sorgt in "No Country for Old Men" in erster Linie der Killer Anton Chigurh (Javier Bardem). Fast hölzern trottet er durch den 1980 spielenden Film, wirkt mit einer Frisur, die an Schlagersänger der 1970er Jahre erinnert, und mit Bolzenschussgerät samt Sauerstoffflasche ziemlich bescheuert, doch nur ein Mensch wird die Begegnung mit ihm überleben.

Schon kurz nach Filmbeginn wird er den Polizisten, noch während dieser telefonisch mitteilt, den Killer in sicherem Gewahr zu haben, brutal ermorden, und mit einem harmlosen Tankwart wird er in einer atemberaubend spannenden Szene ein sadistisches Spiel treiben: Kopf oder Zahl entscheidet hier über ein Leben. – Für Sheriff Bell wird dieser Psychopath, dem er nie begegnen wird, ein Phantom bleiben, weniger reale Figur als vielmehr das personifizierte Böse.

Dritter Protagonist neben Killer und Sheriff ist in diesem Männerfilm der Vietnamveteran Llewelyn Moss (Josh Brolin). Auf der Antilopenjagd stößt er auf mehrere zerschossene Autos und einige Leichen – ein Drogendeal ist offensichtlich gehörig daneben gegangen. Zurückgeblieben ist nicht nur die wertvolle Ware, sondern auch ein Koffer mit zwei Millionen Dollar. Letzteren nimmt Moss mit, kehrt aber nachts zum Tatort zurück um einem Sterbenden, dem er zunächst Hilfe versagt hat, nun doch Wasser zu bringen. Der Mexikaner ist inzwischen zwar tot, doch dafür sind die Drogenhändler da und aus dem Jäger Moss wird ein Gejagter. – Bittere Ironie ist es, dass gerade der einzige Akt von Menschlichkeit in der kalten Welt der Coens den Verlierertyp Moss ins Verderben treibt. Denn, was er sich hier eingehandelt hat, weiß er nicht, mag er auch Witze über Chigurhs Namen machen und ihn als "Sugar" aussprechen…

"No Country for Old Men" vereint in sich alle Qualitäten des klassischen US-Kinos ebenso wie die der besten Coen-Filme. Schnörkellos und stringent ist die Inszenierung. Auf formale Spielereien wird verzichtet. Knochentrocken und äußerst ökonomisch ist die Erzählweise, ausgespart wird, was sich aus dem Kontext der Bilder ergibt, wie beispielsweise in einer Szene mit einem Hühnertruck.

Auch Musik ist kaum nötig. Das Rauschen des Windes oder das Knirschen von Schuhen auf Sand reicht hier aus um eine dichte Atmosphäre zu schaffen. Durch die Situierung in den Weiten von Texas und die Figur des Sheriffs wird zwar ebenso auf den Western Bezug genommen wie durch den Killer auf den Gangsterfilm und den Verlierer Moss auf den Fatalismus des Film noir, doch nie gerät den Coen dies zur selbstzweckhaften Spielerei. – Wie aus einem Guss ist dieser Film und ganz dezent und beiläufig gesetzt ist durch einen TV-Ausschnitt der Verweis auf den 1953 entstandenen Krimi "Flight to Tanger", in dem mehrere Menschen den an Bord eines abgestürzten Flugzeugs versteckten Millionen nachjagen.

Die Dialoge sind wie gewohnt bei den Coens ungemein prägnant, lakonisch und voll pechschwarzem Humor. Was "No Country for Old Men" aber über ihre bisherigen Filme hinaushebt, ist der Blick auf die Menschen. Kannten die Brüder bisher kaum Mitgefühl mit ihren sturen und selbstsüchtigen Protagonisten, so ist der Zuschauer hier ganz auf der Seite des Flüchtenden und des Sheriffs, der versucht das Ärgste zu verhindern, gleichzeitig aber nicht daran glaubt, den Lauf der Dinge kontrollieren zu können.

Hoffnungslos ausgeliefert einer höheren – und zwar einer bösen – Macht scheinen die Menschen. Nur Kopf oder Zahl – also der Zufall - entscheidet in diesen hochspannenden, aber auch brutalen 122 Minuten über das Schicksal. – Den Job als Sheriff kann man zwar desillusioniert mit der Feststellung "No Country for Old Men" quittieren und somit sich der ständigen Konfrontation mit der Gewalt entziehen, Brutalität und Morden werden damit freilich nicht aus der Welt geschafft, sondern ziehen weiter ihre Kreise. – Ausweg gibt es in der zutiefst pessimistischen Weltsicht der Coens keinen.

Wird am Donnerstag, den 24.7. um 20 Uhr und am Sammstag, den 26.7. um 22 Uhr vom Filmforum Bregenz im Bregenzer Metrokino gezeigt (engl. O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A - 6900 Bregenz

E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Ähnliche Beiträge


Das Kino der Coen-Brüder Mo, 03.03.2008

3405-3405nocountryforoldmanplakat.jpg
Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A - 6900 Bregenz

E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse