An der Schnittstelle von Fotografie, Installation und performativer Geste entwickelt Nicole Weniger eine künstlerische Praxis, die Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und räumlicher Verortung verhandelt. Ihre Arbeiten entstehen in Landschaften im ökologischen, politischen oder symbolischen Umbruch. Sie setzen auf temporäre Eingriffe, die dokumentarische Präzision mit erzählerischer Offenheit verbinden.
Im Zentrum der Ausstellung im Bildraum Bodensee in Bregenz steht die fortlaufende Serie „Homes” (seit 2019), in der Nicole Weniger provisorische Behausungen aus Zelten, Wäscheleinen und Autoteilen in unwirtliche Umgebungen integriert. Diese improvisierten Architekturen evozieren Schutz und Rückzug, bleiben jedoch bewusst unbewohnt. Sie wirken wie Erinnerungen an ein „Wir“, das einmal da war, aber längst weitergezogen ist. Als hybride Gebilde zwischen Realität und Imagination werden sie zu Projektionsräumen: flüchtig, fragil und offen für kollektive sowie persönliche Interpretationen. „Homes” wird durch fotografische und installative Arbeiten ergänzt, die an Orten des Verschwindens entstanden sind – an Gletschern, in der Atacama-Wüste und in Zonen ökologischer Ausbeutung. In der Serie „Desire” etwa ragen aus Ton und Alpakakot gebrannte Zungen wie stille Signaturen aus dem Boden: skulpturale Markierungen eines tastenden Begehrens zwischen Sinnlichkeit, Irritation und Ekel. Textilien treten in Wenigers Werk als Hüllen, Spuren oder Überreste auf – kulturell codiert und zugleich offen für neue Zuschreibungen. In „In a place where secrets have been told“ verwandeln sich Pflanzenüberwinterungszelte in temporäre Schutzräume, die sich still in die Landschaft einfügen – wie Fühler, die auf Empfang schalten. Dabei wird die Topografie mystischer Orte wie der Wüste ebenso verhandelt wie die der inneren Landschaft.
Nicole Wenigers Arbeiten entfalten sich über reduzierte Setzungen, die assoziative Zwischenräume aufspannen – zwischen Begehren und Abwehr, Oberfläche und Tiefe, Intimität und Distanz. „Die Sinnlichkeit liegt irgendwo dazwischen“ versammelt Werkgruppen, die das Verhältnis von Mensch, Raum und Erinnerung als durchlässig und in Bewegung begreifen. Im Zusammenspiel aus Material, Geste und Atmosphäre entstehen im Bildraum Bodensee Resonanzräume, in denen sich die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Erinnerten auflöst.
Nicole Weniger (*1987) lebt und arbeitet in Innsbruck.
Nicole Weniger
Die Sinnlichkeit liegt irgendwo dazwischen
9. August bis 4. Oktober 2025
Eröffnung: Freitag, 8. August, 19 Uhr
Zur Ausstellung: Karin Pernegger, Sustainable Art Association Tyrol
Künstlerinnenführung: Samstag, 13. September 2025, 14 Uhr