„Nichts über uns ohne uns!“ – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit

Die Geschichte der Sexarbeit lässt sich von der Antike bis in die Gegenwart verfolgen. Die Art und Weise, wie in einer Gesellschaft mit Sexarbeit umgegangen wurde, verrät einiges darüber, welches Menschenbild vorherrschte, welche Werte galten und wer Macht ausübte.

Für Frauen wurde sie in manchen Zeiten als eine von wenigen Möglichkeiten angesehen, selbständig Einkommen zu generieren. Ihre Geschichte wurde bislang meist aus einer Außenperspektive geschildert. Die Ausstellung „Sex Work” in der Bundeskunsthalle in Bonn erzählt diese Geschichte anders: Gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiter:innen werden Kunst, Kulturgeschichte und Archivmaterialien präsentiert. Dabei orientiert man sich an dem zentralen Prinzip: „Nichts über uns ohne uns!”

Die Ausstellung setzt Schlaglichter auf Kunst- und Kulturgeschichte ebenso wie auf gesellschaftspolitische Themen der Gegenwart. In der bildenden Kunst spielten Hetären, Dirnen, Kurtisanen und Nackttänzerinnen lange Zeit vorrangig eine motivische Rolle und wurden allenfalls als Musen wahrgenommen. Dass Sexarbeiter:innen auch eine schöpferische, künstlerische Rolle einnehmen, ist eine Perspektive, die hier sichtbar gemacht wird. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit zu erzählen, bedeutet, ein Terrain zu betreten, das von moralisierenden und hochpolitischen Diskursen durchzogen ist. Medien und Popkultur greifen bei der Darstellung von Sexarbeiter:innen nur allzu gerne auf eindimensionale Stereotypen zurück. Die öffentliche Debatte schwankt zwischen moralischer Verurteilung und Positionen, die jede Form der Sexarbeit pauschal als Ausbeutung einstufen. Die im Kontext der Sexarbeit gebräuchlichen Begriffe spiegeln seit jeher soziale Verhältnisse, Machtstrukturen und Geschlechterordnungen wider. Während historische Bezeichnungen wie „Hure” oder „Dirne” primär eine moralische Stigmatisierung markierten, rückt der Begriff „Sexarbeit” den Aspekt der Erwerbstätigkeit in den Fokus und löst diese von einer festgeschriebenen Identität. Zusammen mit Sexarbeitenden entwickelt, ermöglicht die Ausstellung historische und aktuelle Einblicke in die Sexarbeit sowie Perspektiven auf Arbeits- und Menschenrechte.

Die Geschichte der Sexarbeit ist geprägt von einem Wechselspiel aus Restriktion, Verfolgung, Duldung und Liberalisierung. Im 17. Jahrhundert waren Dirnen ein gängiges Motiv niederländischer Genremalerei – als Projektionsfläche erotischer Fantasien oder als Spiegel moralischer Vorstellungen. Die enge Verbindung von Handel, Migration und Sexarbeit war kein Randphänomen, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen urbaner Räume. Auch im Paris des 19. Jahrhunderts waren Kunst und Erotik eng verflochten: Von Tänzerinnen der Oper erwarteten wohlhabende Männer sexuelle Gefälligkeiten als Gegenleistung für ihr „Mäzenatentum“. Im Nachtleben der großen westlichen Metropolen entwickelte sich ab 1900 ein neuer, freiheitlicher Zeitgeist, mit dem sich Künstler:innen, Intellektuelle und die Bohème gegen die konservative Gesellschaft auflehnten. Im Berlin der 1920er Jahre, zwischen Glitzer, Rauch und Jazz, entstand ein kurzer Traum, der auch Frauen und queeren Personen mehr Rechte versprach – bis die Nationalsozialisten diese Vielfalt gewaltsam zerstörten. Zu den Verfolgten und in Konzentrationslagern ermordeten Opfern des Nationalsozialismus zählten auch vermeintliche oder tatsächliche Sexarbeiter:innen. Seit den 1980er-Jahren verschaffen sich Sexarbeiter:innen zunehmend Gehör. Restriktive Maßnahmen und öffentliche Stigmatisierung im Zuge steigender Polizeigewalt, Gentrifizierung und der AIDS-Krise führten zu Protesten und organisiertem Widerstand – oft in Solidarität mit der queeren Community. Trans:Sexarbeiter:innen standen an vorderster Front der queeren Bürgerrechtsbewegung. Für Sexarbeiter:innen ist diese Erfahrung von Gemeinschaft entscheidend, um Stärke und Unabhängigkeit zu entwickeln. Räume, in denen über Erfahrungen und Traumata gesprochen werden kann, ohne auf eine Opferrolle reduziert zu werden, schaffen Selbstwirksamkeit und Schutz. Davon handeln viele der Objekte und Erzählungen aus dem Sexarbeitenden-Archiv „Objects of Desire”. Die persönlichen Geschichten drehen sich um Liebe, Freude und Scham, um Angst und Frustration, aber auch um ganz alltägliche Erfahrungen bei der Arbeit. Die Ausstellung lädt dazu ein, Einblick in diese Räume zu nehmen und neue Perspektiven auf ein von Vorurteilen und Tabus geprägtes Thema zu gewinnen.

Sex Work
Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit
2. April – 25. Oktober 2026