26. August 2014 - 3:40 / Film 

Internationales Autorenkino bestimmt das Line-up des 71. Filmfestivals von Venedig (27.8. – 6.9. 2014), doch die amerikanischen Regiestars David Fincher und Paul Thomas Anderson präsentieren ihre neuen Filme lieber Ende September beim New York Film Festival.

Dicht bepackt ist der Filmfestival-Kalender im Herbst. Nur wenige Tage nach Venedig startet in Toronto das nordamerikanische Festival, mit dem die Award-Season eingeleitet wird. Parallel dazu findet in Colorado das Telluride Film Festival statt und einen Monat später steht das baskische San Sebastian ganz im Zeichen des Films und auch in New York ist dann Festivalzeit.

Groß ist folglich der Kampf um die Filme, die die Fachwelt schon mit Spannung erwartet. Das scheint auch Venedig zu spüren bekommen, denn die großen Amerikaner wie David Finchers Verfilmung von Gillian Flynns Bestseller "Gone Girl" und Paul Thomas Andersons Thomas Pynchon-Verfilmung "Inherent Vice" fehlen hier. – Beide werden in New York ihre Uraufführung erleben.

Am Lido dagegen wird das Rennen um den Goldenen Löwen mit "Birdman" des Mexikaners Alejandro González Iñárritu eröffnet. 19 weitere Filme konkurrieren um die begehrte Auszeichnung, potentielle Publikumshits finden sich vermutlich kaum darunter, gepflegt wird vielmehr der anspruchsvolle Autorenfilm.

Fatih Akin präsentiert hier nun "The Cut", den der Regisseur selbst vom Festival von Cannes zurückgezogen hatte. Diese Auswahl könnte auch dazu geführt haben, dass man am Lido zwecks nationaler Ausgewogenheit auf Christian Petzolds neuen Film "Phoenix" verzichtet und ihn Toronto überlassen hat.

Schräges ist zu erwarten vom Schweden Roy Anderson, der "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence" in die Lagunenstadt bringt, gespannt sein darf man, was Xavier Beauvois mit "La rancon de la gloire" seinem meisterhaften "Des dieux et des hommes" und Alix Delaporte mit "Le dernier coup de marteau" ihrem viel beachteten Erstling "Angèle et Tony" folgen lassen.

Unabhängiges US-Kino ist angesagt mit Ramin Bahranis "99 Homes" und David Gordon Greens "Manglehorn", während Joshua Oppenheimer nach dem Blick auf die Täter des Massenmordes im Indonesien der 1960er Jahre in "The Act of Killing" nun in "The Look of Silence" die Opfer in den Mittelpunkt stellt.

Abel Ferrara setzt sich in "Pasolini" mit den letzten Tagen im Leben des 1975 ermordeten italienischen Filmregisseurs auseinander und Andrew Niccol baut in "Good Kill" die Handlung um den umstrittenen Drohnenkrieg der USA auf.

Mit drei Produktionen gewohnt stark vertreten ist am Lido Italien, doch kann man bislang weder Francesco Munzi noch Mario Martone oder Saverio Costanzo, auch wenn letzterer vor einigen Jahren in Locarno den Hauptpreis gewonnen hat, zu den großen Regisseuren des Weltkinos zählen.

Ein Insidertipp ist bislang auch der Japaner Shinya Tsykamoto, der mit "Fires on the Plain" eingeladen wurde, während die großen Erfolge des Altmeisters Andrei Konchalovsky ("Runaway Train"), der "The Postman´s White Nights" zeigt, schon rund 30 Jahre zurückliegen.

Abgerundet wird der Wettbewerb mit Produktionen aus Frankreich, der Türkei, dem Iran und China, doch die bekannteren Namen findet man "Out of Competition". Hier laufen neben Ulrich Seidls neuem Dokumentarfilm "Im Keller" unter anderem Joe Dantes "Burying the Ex", Peter Bogdanovichs "She´s Funny that Way", James Francos Faulkner-Adaption „The Sound and the Fury und "The Old Man of Belem" des 105-jährigen Portugiesen Manoel de Oliveira.

Sehen lassen kann sich auch das Line-up der Sektion "Venice Days", die in etwa dem Panorama der Berlinale oder der Quinzaine des realisateurs in Cannes entspricht. Zwischen der Eröffnung mit Kim Ki-duks "One on One" und dem Abschluss mit Alex de la Iglesias Dokumentarfilm über den argentinischen Fußballstar Lionel Messi ("Messi") finden sich immerhin auch neue Filme des Cannes-Siegers Laurent Cantet ("Return to Ithaca") oder von Christophe Honoré ("Metamorphoses").

Nicht zu übersehen ist aber, wenn man die vor wenigen Tagen präsentierte erste Tranche des Line-ups für Toronto betrachtet, dass speziell die Amerikaner eine Uraufführung in ihrer Heimat einem europäischen Festivalstart vorzuziehen scheinen. Der Bogen spannt sich hier von neuen Filmen von Jason Reitman ("Men, Women and Children") und Jean Marc Vallée ("Wild") über Dan Gilroy ("Nightcrawler") und Hal Hartley ("Ned Rifle") bis zu Antoine Fuquas "The Equalizer" und Noah Baumbachs "While We´re Young".

Aber auch europäische Filme wie der schon erwähnte "Phoenix" von Christian Petzold, der bei dieser teilweise recht mainstreamigen US-Dominanz leicht untergehen könnte, Liv Ullmanns Strindberg-Verfilmung "Miss Julie", Mia Hansen-Loves "Eden", Francois Ozons "Une nouvelle amie" oder der neue Filme der "Ziemlich beste Freunde"-Regisseure Olivier Nache und Eric Toledano ("Samba") feiern in der kanadischen Metropole und nicht am Lido di Venezia ihre Uraufführung.

Und daneben gibt es natürlich noch die Filme, die zwar schon lange erwartet werden, aber in keinem dieser Line-ups aufscheinen wie Todd Haynes Patricia Highsmith-Verfilmung "Carol", Tim Burtons "Big Eyes", Thomas Vinterbergs "Far from the Madding Crowd", JC Chandors "A Most Violent Year", Werner Herzogs "Queen of the Desert" oder einer der drei bis vier Filme, an denen Terrence Malick arbeiten soll.

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