"Neue Wildnis" - Projekte aus Landschaftsarchitektur, Forschung und Ökologie

Im urbanen Umfeld breitet sich zunehmend eine Spontanvegetation aus, die jede verfügbare ökologische Nische nutzt, um ein ungezähmtes Leben zu führen. Kräuter sprießen zwischen Pflastersteinen, seltene Pflanzen besiedeln Brachflächen und entlang von Bahngleisen oder Autobahnen wachsen wilde Gewächse und nicht heimische Arten. Das Gewerbemuseum Winterthur rückt die einzigartigen Qualitäten dieser besonderen Art von Natur in den Fokus und zeigt das Potenzial solcher Stadtlandschaften auf.

Zu sehen sind unter anderem überraschende Kräuter, die zwischen Pflastersteinen wachsen, Pionierbäume auf brachliegenden Grundstücken, seltene Pflanzenarten auf ungenutztem Ödland, wilde Gewächse entlang der Bahngleise sowie nicht heimische Arten, die sich an den Rändern der Autobahnen ausbreiten. Wir sind in unserem urbanen Umfeld von einer Spontanvegetation umgeben, die jede verfügbare ökologische Nische nutzt, um ein ungezähmtes Leben zu führen. Diese besondere Art von Natur verdient es, nicht nur für ihre einzigartigen Qualitäten gewürdigt, sondern auch gefördert zu werden. Sie bietet das Potenzial, einen hoffnungsvollen Ansatz für unsere heutigen Stadtlandschaften und Lebenswelten zu entwickeln, der sowohl ökologisch bewusst als auch frei von Nostalgie ist.

Die Ausstellung „Neue Wildnis” präsentiert ausgewählte Projekte aus den Bereichen Landschaftsarchitektur, Forschung und Ökologie. Diese Projekte fördern mit innovativen Perspektiven eine neue Wildnis und teilen ein zukunftsweisendes Verständnis von Stadtnatur.

Unkraut oder wilde Stadtlandschaft?
Diese neue Wildnis wird in der Regel ignoriert oder als Unkraut betrachtet. In ihrem Projekt „Cohabitat” porträtiert Franziska Klose städtische Pflanzen und ihre vielfältigen Lebensräume. Sie erkundet die Natur als vernetzten Organismus und die Stadt als Lebensraum für vielfältige Arten. Auf Verkehrsinseln, Baustellen und Dächern, aber auch in Blumenbeeten und Gemeinschaftsgärten findet sich eine überraschend hohe Artenvielfalt, die sogar größer ist als in ländlichen Kulturlandschaften.

Dass eine solche wilde Vegetation aktiv gefördert werden kann, zeigt die Abteilung Ökologie und Freiraumplanung der Stadt Winterthur mit dem Projekt „Stadtwildnis”. Es leistet einen Beitrag zu einer größeren Vielfalt von Biotopstrukturen, die sich dem städtischen Klima anpassen und die Biodiversität fördern. Neben ihren visuellen Qualitäten verströmen diese Pflanzen auch überraschende Düfte. Die Landschaftsarchitektin Fanny Brandauer lädt mit „Scent Lab” dazu ein, diese zu entdecken.

Autobahnen und andere anthropogene Landschaften
Die „Autobahn für Insekten” im Überlandpark in Zürich-Schwamendingen der Landschaftsarchitekten Krebs und Herde zeigt, wie selbst die künstlichste Umgebung einer Autobahnüberdachung in eine ökologische Infrastruktur für Wildbienen, Spinnen und Käfer verwandelt werden kann. In ihrer Doktorarbeit „Towards a Vital Milieu” untersucht die Architektin und Postdoktorandin Johanna Just, wie die hochgradig technisierte Landschaft der Oberrheinischen Tiefebene im Laufe der Zeit eine dynamische Umgebung geschaffen hat, in der neue Formen der Wildnis entstehen können.

Einheimische und nicht heimische Pflanzen und Bäume
Auf dem Campus der Landschaftsarchitekturschule in Rapperswil-Jona pflanzen und pflegen Studierende einen Miyawaki-Wald. Dieses didaktische Experiment soll natürliche Prozesse beschleunigen, indem ein winziger Wald von Grund auf neu angelegt wird. Damit werden gängige Vorurteile über die Pflege sowie die Mischung einheimischer und nicht heimischer Baumarten hinterfragt. Auch die Landschaftsarchitektin Céline Baumann thematisiert unsere ambivalente Beziehung zu nicht heimischen Pflanzen. Mit der Collage „Trial of Invasives” hinterfragt sie unsere Beziehung zur fremden Natur und stellt den Begriff des Eingreifens selbst in Frage.

Stadtökologie-Bewegung
In der Dokumentation „Natura Urbana” untersucht der Geograf Matthew Gandy die „andere Natur”, die in brachliegenden städtischen Räumen gedeiht. Im Kontext West-Berlins nimmt diese eine Vorreiterrolle für die Entwicklung des Fachgebiets der urbanen Ökologie ein. West-Berlin ist aufgrund seiner außergewöhnlichen Geschichte der vergangenen achtzig Jahre ein Wegbereiter für die Etablierung der urbanen Ökologie als neues Fachgebiet. In der Schweiz übernahm die Naturgartenbewegung der Nachkriegszeit eine Vorreiterrolle innerhalb der Stadtökologie und der Erforschung urbaner Lebensräume. Die Ausstellung ermöglicht mit bisher unveröffentlichten Originalplänen und Archivdokumenten aus dem Schweizerischen Archiv für Landschaftsarchitektur einzigartige Einblicke in diese Bewegungen. Abgerundet wird „Neue Wildnis” mit der Präsentation von Präparaten aus Fauna und Flora aus der Sammlung des Naturmuseums Winterthur – von Rosskastanien-Keimlingen über Wildbienen bis zum Alpensegler.


Neue Wildnis
2. April bis 23. August 2026

Mit Projekten und Leihgaben von

  • Archiv für Schweizer Landschaftsarchitektur, Rapperswil, Schweiz
  • Céline Baumann, Landschaftsarchitektin, Schweiz
  • Fanny Brandauer, Landschaftsarchitektin und Gastprofessorin an der Universität Kassel, Deutschland
  • Matthew Gandy, Geograf und Urbanist, Großbritannien
  • Johanna Just, Architektin, Schweiz
  • Franziska Klose, Künstlerin und Fotografin, Leipzig, Deutschland
  • Krebs und Herde Landschaftsarchitekten, Winterthur, Schweiz
  • Leihgabe: Naturmuseum Winterthur
  • OST – Ostschweizer Fachhochschule, ILF Institut für Landschaft und Freiraum, Rapperswil, Schweiz
  • Stadtgrün Winterthur, Stadtwildnis, Schweiz