Neue Rituale für das Ende der Welt

Die Erde brennt. Ein Genozid wird live übertragen. KI wird wie eine Gottheit verehrt. Faschisten schwingen Kettensägen. Und Sam Altman gibt fröhlich zu, dass seine Technologie die Welt wahrscheinlich vernichten wird, BigTech aber davon profitieren wird. Wir erleben die Apokalypse. Und zwar nicht metaphorisch. Die Ausstellung im HEK in Basel wirft einen Blick auf neu entstehende gesellschaftliche Strategien im Umgang mit der schwierigen Weltlage. Interessant ist, dass gegenwärtig gerade in der Verbindung von Technologie und Spiritualität neue rituelle Praktiken entstehen. Die internationale Gruppenausstellung bringt Positionen zusammen, die neue Rituale als Coping-Mechanismen entwerfen, um der gegenwärtigen Weltuntergangsstimmung zu trotzen. Die Künstler:innen erforschen, welche symbolischen Handlungen uns zusammenhalten können, wenn der Himmel einstürzt. Welche neuen Mythologien könnten uns helfen, das Ende der Welt, wie wir sie kennen, zu überleben – und zu verwandeln?

In der Ausstellung sind explizite und implizite Formen neuer Rituale und ritueller Praktiken zu sehen. Den Auftakt bildet ein Altar für eine KI-Gottheit, die von menschlichen Tränen genährt wird. Zach Blas kreiert mit „576 Tears” die Verkörperung der religiösen Erhöhung von KI, wie sie im Silicon Valley praktiziert wird. Die virtuellen Tränen der Besucher:innen werden mittels Augmented Reality der Gottheit Lacrimae gespendet – die Beweinung Christi reloaded, sozusagen, mit Tränen, die für die Ernte der emotionalen Arbeit der Nutzer:innen dieser Technologie stehen. Nach diesem kathartischen Eingangsritual befasst sich die Ausstellung mit der Beziehung zu unseren Endgeräten und dem Verhalten auf sozialen Plattformen. S()fia Bragas „Platform Workshippers” macht in einer pointierten Typologie der Content-Creation sichtbar, wie Gewohnheiten des Postens, Likens, Scrollens und Lurkens zu dogmatischen Formen der Abhängigkeit und skurrilen Ausformungen von Inhalten führen können. GRWM, Make-up-Tutorials, What I eat in a day – Bragas Arbeit fasst zusammen, welche absurden Alltagsrituale Menschen in den sozialen Medien praktizieren und wie diese im Wettbewerb des Content-Labors um die Monetarisierung von Aufmerksamkeit zu verstehen sind.

In der schwarz samtenen, gotischen Skulptur „Purgatorio” von Anan Fries können Besucher ihr Smartphone einem Cleansing von technofaschistischen Energien unterziehen, die durch die genutzten Plattformen mitschwingen. Dieses Ritual schützt nicht nur das Telefon, sondern im Endeffekt auch den Körper, der es ständig mit sich trägt und berührt, vor diesem Gedankengut. Diese direkte Verbindung von Körper und Gerät greifen auch die „Reconnection Charms” von Sian Fan auf: Kleinode, die angenehm in der Hand liegen und auf einem kleinen Display einfache Mantras anzeigen. Wie einst das Tamagotchi soll der Charm auf eine liebevoll spielerische Weise daran erinnern, sich um die Verbindung von Körper und Geist zu kümmern. In dem Videogame „LURE“, einer weiteren Arbeit von Fan, thematisiert die Künstlerin das Aufwachsen mit hyperfemininen Avataren, die in einer von Männern dominierten Gaming-Welt oft die einzige Auswahloption waren. Die Arbeit wirft die Frage auf, ob rituelle Handlungen uns auch ins Metaversum begleiten, und stellt die Frage, warum wir es selbst in Science-Fiction-Game-Welten nicht schaffen, patriarchal-kapitalistische Strukturen hinter uns zu lassen. Die Arbeit „TimeTraveller™“ von Skawennati nutzt die Spielwelt von Second Life, um genau dies zu tun: Der Protagonist ist ein zeitreisender Mohawk-Kopfjäger, der in neun Episoden wichtige historische Ereignisse besucht und die Geschichte somit aus einem anderen Blickwinkel erlebbar macht. Das spekulative Ritual des Zeitreisens führt hier schließlich in ein positives Zukunftsszenario, in dem die First Nations wieder erstarkt sind und die Apokalypse der Kolonialisierung überwunden wurde.

Teresa Fernández-Pellos „The Heart of the Hurt“ ist ein High-Tech-Neo-Altarbild, das genau an der Rückwand von Zach Blas’ KI-Altar platziert ist und in gewisser Weise als Ergänzung oder Gegenstück dazu funktioniert. Das Werk greift den Grundriss einer Kathedrale auf und verwertet auf verschiedenen demontierten iPhone-Screens Daten der Künstlerin. Es ist ein Selbstporträt in Form eines Altars, das dazu auffordert, sich selbst zu verehren statt eine neue technologische Gottheit. Christliche Ikonografien finden sich auch im Werk „Idol.App” von Auriea Harvey. Inspiriert von den Propheten der Bibel gibt das Orakel Prophezeiungen aus, sobald Besuchende das spezielle Keyboard benutzen. Dies ist die perfekte Analogie zur heutigen Blackbox der KI, die Weisheiten produziert, nach denen sich die Menschen richten, ohne zu wissen, wie sie entstanden sind oder welche Intentionen dahinterstehen.

Die Soundinstallation „Neokaryotes” von Maya Hottarek spricht nicht die Kognition, sondern die Sinne an. Die von der Decke hängenden Tonskulpturen verströmen heilende Duft- und Tonfrequenzen und verbinden die Besucher wieder mit ihrem eigenen Körper und der Erde. Durch die titelgebende Spezies der Neokaryoten funktioniert die Arbeit als Erinnerung an unsere gemeinsamen evolutionären Vorfahren und unser Verbundensein. Auch in der Installation von Christiane Peschek geht es um Heilung. Das Fieber als Sinnbild für die Erderwärmung bringt eine globale Krise auf die Ebene des menschlichen Körpers. Als Heilungsmethoden werden Schlangengift oder ein Tarot-Reading vorgeschlagen – ungewöhnliche Medizin, die jedoch den aktuellen Zeitgeist widerspiegelt.

Neue Interpretationen traditioneller Rituale finden sich bei Etsuko Ichihara, Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė. Etsuko Ichihara bringt mit „Namahage in Tokyo” eine Figur aus der japanischen Folklore in die Gegenwart: Das furchteinflößende Monster Namahage fängt in der Silvesternacht böse Kinder, sofern es nicht mit Speis und Trank beruhigt wird. Ichihara stattet Namahage mit Kameras und Drohnen aus und überführt die Folklore so in ein DIY-Splatter-Movie-Format. Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė greifen in ihrer neuen Videoarbeit „Spit and Image” die Séance als historisches Format des Rituellen wieder auf. In den äußerst ästhetischen, cineastischen Bildern verspeist eine verwundete Protagonistin ein rituelles Mahl in einem Spiegelkabinett, während sie auf ihrem iPhone durch KI-generierte Bilder scrollt – ein Bild, das die gefühlte Endzeitstimmung nicht pointierter widerspiegeln könnte.

Zum Schluss erwartet die Besucher:innen eine immersive Soundinstallation von Robin Meier Wiratunga, die eine meditative Auseinandersetzung mit dem Ende des Universums verspricht. Weg von weltlichen Problemen zoomt diese Arbeit auf die planetarische, kosmische Ebene heraus, auf der die Existenz der menschlichen Spezies eine andere, geringere Bedeutung erhält.

Als spezielle Performance während der Art Basel können Besucher:innen die Soundinstallation „Sonic Energetics” von Stefanie Egedy erleben. Die tiefen Frequenzen des Stücks sprechen die körperliche Ebene direkt an und beruhigen das Nervensystem – ein Ritual, das durch seine undogmatische, minimalistische Direktheit eine fast universelle Sprache spricht.

Mitwirkende Künstler:innen sind Zach Blas, S()fia Braga, Stefanie Egedy, Sian Fan, Teresa Fernández-Pello, Anan Fries, Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė, Auriea Harvey, Maya Hottarek, Etsuko Ichihara, Christiane Peschek, Skawennati und Robin Meier Wiratunga.

Neue Rituale [für das Ende der Welt]
Bis zum 9. August 2026
Kurator:innen: Anan Fries und Marlene Wenger