Die Entstehung der griechischen Stadtstaaten, die Erfindung des griechischen Alphabets, die griechische Kolonisation und das Zeitalter Homers – sie alle könnten 50 bis 150 Jahre früher zu datieren sein. Das legt ein Befund von Archäologen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nahe.

Er galt schon in der Antike als Vorbild: Homer. Seine Geschichten, "Ilias" und "Odyssee", sind auch nach 2700 Jahren noch immer zeitgemäß – oder sind es 2800 Jahre? Die genaue Datierung seiner Epen ist bislang genauso umstritten, wie die Frage, ob es den Dichter tatsächlich gegeben hat. Ersteres könnte sich jetzt ändern. Denn: Eine bislang unerreichte Datierungspräzision durch neue C14-Daten stellt das bisherige griechische Periodisierungssystem in Frage.

Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsprojekt unter der Leitung von Stefanos Gimatzidis vom Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Befunde erfordern eine radikale Revision der griechischen Zeitordnung: Wichtige historische Ereignisse sowie die Entstehung zahlreicher Innovationen in der Philosophie, Literatur und politischen Organisation müssen demnach 50 bis 150 Jahre früher datiert werden. Die Studie ist jetzt in der US-amerikanischen Fachzeitschrift "PLOS ONE" publiziert.

Belege aus Fundstätte Sindos

In Zusammenarbeit mit Bernhard Weninger vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zu Köln wurden dabei zum ersten Mal die griechischen geschichtswissenschaftlichen Zeitraster mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden, und zwar mit präzisen Radiokarbondaten, überprüft. Dazu wurden Probematerialien verwendet, die aus gut datierbaren Kontexten aus der nordägäischen Fundstätte Sindos kamen. Ein Ort, der aus mehreren Gründen archäologisch interessant ist, u.a. aufgrund der zahlreichen importierten Keramikgefäße aus verschiedenen Regionen Griechenlands, die einen Vergleich bzw. eine Korrelation der regionalen Chronologiesysteme ermöglichen. Dank der langen durchlaufenden Stratigraphie, der archäologischen Methode der Altersbestimmung von Ablagerungen, ist nun auch eine zuverlässige statistische Modellierung der Radiokarbondaten möglich.

"Häufig leidet die Anwendung der Methode der C14-Datierung unter der Schwierigkeit, dass die vom C14-Labor tatsächlich erreichte hohe Messgenauigkeit in der archäologischen Anwendung gar nicht benutzt werden kann", erklärt ÖAW-Archäologe Stefanos Gimatzidis. Diese statistische Schwankungsbreite ist das – zunächst unvermeidbare – Resultat von realen Schwankungen des atmosphärischen C14-Gehalts: "So hat man in der Archäologie regelmäßig zwar viele sehr präzise C14-Messungen zur Hand, die aber nach Korrektur der Schwankungen des atmosphärischen C14-Gehalts leider allesamt nur eine oft lange Liste von möglichen Datierungen bieten, typischerweise mit einer Streuung im Rahmen von 100 bis 300 Jahren."

Doppelter Glückstreffer

Die aktuelle Studie profitiert nun von einer ganz ungewöhnlichen Situation, gewissermaßen einem doppelten Glückstreffer: Zum einen bietet die C14-Kalibrationskurve bei der Auswertung der C14-Daten von Sindos von vornherein eine ungewöhnlich hohe chronologische Genauigkeit, die zweitens durch die zielgerichtete Entnahme von gut datierbaren Tierknochenproben aus einem ungewöhnlich langen Profil mit Siedlungsschichten der frühen Eisenzeit noch verstärkt werden konnte. "So ergänzen sich die Vorteile der Methode in diesem Fall zugunsten einer für diese Periode bislang unerreichten Datierungspräzision", sagt der ÖAW-Forscher. Anhand der Kombination von Radiokarbondaten und Keramik können Datierungsfehler wesentlich verkleinert werden.

"Oft werden Natur- und Geisteswissenschaften als Gegensätze gesehen. In unserer Arbeit ergänzen sie sich", ist Gimatzidis überzeugt. Für ihn steht fest: Die neuen Befunde bewirken nicht einfach die Umdatierung einzelner Ereignisse oder Funde, sie legen eine neue Lektüre der antiken Geschichte nahe. Die Verbreitung des Alphabets oder des Symposiums in Griechenland und Italien kann man sich jetzt als einen längeren Prozess vorstellen, der im 9. Jahrhundert v. Chr. begann. "In dieselbe Zeit könnte jetzt auch die Konzeption der homerischen Epen datiert werden, worauf einige Verse auf einem Trinkgefäß in Pithekoussai auf Ischia hindeuten, sowie auch der Beginn der griechischen Kolonisation, die zur gleichen Zeit gemeinsam mit der phönizischen Expansion die Globalisierung des Mittelmeers verstärkte", so der Archäologe.

Publikation
"Radiocarbon dating the Greek Protogeometric and Geometric periods: The evidence of Sindos", S. Gimatzidis, B. Weninger, PLOS ONE 2020
DOI: 10.1371/journal.pone.0232906

Österreichische Akademie der Wissenschaften
Vordere Zollamtsstraße 3
A - 1030 Wien

W: https://www.oeaw.ac.at

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Attischer Krug des Spätgeometrisch I aus dem Gebiet von Dipylon in Athen mit einer der frühesten griechischen Inschriften auf der Schulter. Das Gefäß steht exemplarisch für die charakteristischen Funde der attischen geometrischen Zeit. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW
Attischer Krug des Spätgeometrisch I aus dem Gebiet von Dipylon in Athen mit einer der frühesten griechischen Inschriften auf der Schulter. Das Gefäß steht exemplarisch für die charakteristischen Funde der attischen geometrischen Zeit. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW
Attische Keramikkiste mit Miniaturimitationen von Getreidespeichern des Frühgeometrisch II aus Athen. Ihre Datierung wird aufgrund der neuen C-14-Daten beeinflusst. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW
Attische Keramikkiste mit Miniaturimitationen von Getreidespeichern des Frühgeometrisch II aus Athen. Ihre Datierung wird aufgrund der neuen C-14-Daten beeinflusst. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW
Attische Amphora des Frühprotogeometrisch aus Athen. Gefäße wie diese bilden die Grundlage für die Konstruktion des griechischen geschichtswissenschaftlichen Zeitrasters, das jetzt aufgrund neuer Befunde in Frage gestellt wird. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW
Attische Amphora des Frühprotogeometrisch aus Athen. Gefäße wie diese bilden die Grundlage für die Konstruktion des griechischen geschichtswissenschaftlichen Zeitrasters, das jetzt aufgrund neuer Befunde in Frage gestellt wird. © Stefanos Gimatzidis/ÖAW