Neoconcretismo – Werkschau der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark

Mit einer groß angelegten Retrospektive präsentiert das Kunsthaus Zürich Arbeiten der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark, die zu den bedeutendsten Stimmen der lateinamerikanischen Avantgarde zählt. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie Berlin und ist die erste umfassende Ausstellung der Künstlerin im deutschsprachigen Raum – und weltweit die größte seit der Präsentation im MoMA New York im Jahr 2014.

„If you hold a stone (Marinheiro Só) / Hold it in your hand / If you feel the weight / You'll never be late / To understand”. Diese Zeilen aus einem Lied von Caetano Veloso, das 1971 Weltruhm erlangte, beschwören einen einzigartigen Dialog zwischen Musik und Kunst herauf. Veloso, der bedeutendste Vertreter des „Tropicalismo”, widmete das Stück der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark – einer Pionierin, die den Kunstbegriff radikal erneuerte.

Lygia Clark (1920 in Belo Horizonte geboren, 1988 in Rio de Janeiro gestorben) zählt zu den prägendsten Kunstschaffenden Südamerikas. Ihr Werk hat Kunstgeschichte geschrieben, weil es die Grenze zwischen Kunstwerk und Betrachter auflöste. Clark verzichtete auf klassische Bild- oder Objektformen und entwickelte prozessorientierte Arbeiten, die nur durch die aktive Teilnahme von Menschen entstehen oder vollendet werden konnten.

Mit dieser Haltung stellte sie sowohl die Institution Museum als auch das Verständnis von Kunst als abgeschlossenes Werk infrage. Sie forderte ein ganzheitliches Erleben, das Körper und Sinne einbezieht und Kunst zu einem offenen Prozess macht.

Als Hauptvertreterin des 1959 in Rio de Janeiro gegründeten Neoconcretismo verfolgte Clark seit den 1960er-Jahren konsequent die Idee einer körperbezogenen Kunsterfahrung. Der Neoconcretismo war ein Verbund von rund zehn brasilianischen Kunstschaffenden, die von den modularkonstruktiven Prinzipien der Gründerfiguren Theo van Doesburg und Max Bill ausgingen, sich davon aber auch abgrenzten, indem sie menschliche Intuition über rational-mathematische Prinzipien stellten.

Zunächst erweiterte Clark das Bild in den Raum, dann erhielt die Skulptur einen immer stärkeren Körperbezug, bis sie das physisch-objekthafte Kunstwerk in den 1970er-Jahren schließlich ganz aufgab. Ihre begeh- und berührbaren Installationen machen Betrachter:innen bis heute zu aktiven Mitgestalter:innen. In dieser Lebensphase und in den folgenden 25 Jahren bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 widmete sich Clark der Erkundung des individuellen und kollektiven Körpers gemeinsam mit ihrem Kunstpublikum. Clark nannte ihre Kunstwerke „proposiciones” (Vorschläge für partizipative Performances), die keine Originale mehr benötigten, sondern vielmehr Handlungsanweisungen zur Aktivierung speziell angefertigter Kleider, Masken oder Brillen waren, die einen Blick auf die Welt, aber auch auf uns selbst ermöglichen. Diesem Prozess ist laut Clark immer auch die Möglichkeit einer Heilung eingeschrieben. Damit reiht sie sich in das nachhaltige Interesse des Kunsthauses rund um diese Frage ein. Erstmals in diesem Umfang sind sowohl originale Frühwerke als auch die sinnlich-partizipativen Repliken in einer Ausstellung zu entdecken. Clark selbst sagte: „Für mich ist Kunstschaffen, sich selbst als Mensch zu entwickeln, was überhaupt das Wichtigste ist. Kunst sollte keinem Namen oder irgendeinem Konzept nacheifern.”

Clarks Werk lässt sich in vier Phasen gliedern: die frühen 1950er-Jahre bis zum Neoconcretismo-Manifest 1959; die Weiterentwicklung des konkreten Bildes in den Raum während der 1960er-Jahre, etwa mit den „Bichos” (Tiere), beweglichen Metallskulpturen; ab 1963 die Abkehr vom objektgebundenen Werk hin zur partizipativen Kunst, wie bei „Caminhando” (Unterwegs); ab den 1970er-Jahren die „proposiciones” und parallel dazu bis zu ihrem Lebensende die „Strukturierung des Selbst”, eine Form von Einzeltherapie mit alltagsnahen Materialien wie Steinen oder Muscheln.

Ihre Praxis spiegelte sowohl die Aufbruchsstimmung Brasiliens als auch die Spuren politischer Unterdrückung wider, hat aber bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Besonders bekannt sind die Werkgruppen der „Bichos” und „Caminhando”. Die „Bichos” bestehen aus beweglichen Metallplatten, deren Gestalt sich erst im Dialog mit den Betrachtenden entfaltet. Clark verglich sie mit lebenden Organismen, deren Wesen sich aus der Interaktion ergibt. Mit „Caminhando” (1963) setzte Clark einen radikalen Schnitt. Inspiriert durch die Auseinandersetzung des Schweizer Multitalents Max Bill mit der Möbiusschleife entwickelte sie eine Handlungsanweisung, bei der nicht mehr das Objekt, sondern die Handlung selbst das Kunstwerk bildet. „Die Handlung ist das, was ‚Caminhando‘ produziert. Es existiert nichts davor und nichts danach”, schrieb Clark.

Diese Arbeiten verdeutlichen den Bruch mit dem repräsentativen Kunstverständnis und markieren zugleich die Nähe sowie die Abgrenzung zur Zürcher Konkreten Kunst.

Retrospektive: Lygia Clark
14. November 2025 bis 8. März 2026