Nederlands Dans Theater. Bereits das dritte Highlight beim Bregenzer Frühling

Weiter träumen, Räume öffnen, mit Visionen in tänzerisch inspirierte Dimensionen vordringen – das verspricht der Bregenzer Frühling mit dem internationalen zeitgenössischen Tanzfestival. Dass das Nederlands Dans Theater wieder alle Erwartungen übertreffen würde, war abzusehen. Jedes Mal aufs Neue überrascht die Companie mit Grenzen der Beweglichkeit und die Ausdruckskraft im Kollektiv auslotenden Choreografien.

Seit 1959 gibt es das Nederlands Dans Theater und gehört zu den führenden Tanzcompanien der Welt. Die erste mit 28 Tänzer:innen, das NDT 1, ist weltberühmt für Theatralik, atemberaubende Technik und den unvergleichlichen Ausdruck. 1978 wurde eine zweite Companie gegründet. Ursprünglich ein Talente-Förderprogramm, hat sich das NDT 2 zu einer unabhängigen Gruppe mit eigenem Repertoire und weltweitem Tourneeplan entwickelt.

Diesmal sind es zwei Stücke unterschiedlicher Choreograf:innen, die auf der Bregenzer Festspielhaus-Bühne emotionale Wucht und den Blick auf die Menschen, in all den Widersprüchen und Verletzlichkeiten verbinden. Folkå ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Mythos und Identität, mit lebendigen Bildern von Gemeinschaft und kollektiver Erinnerung. Der spanische Choreograf Marcos Morau ist ausgebildet in Fotografie, Bewegung, Theater und arbeitet seit über zehn Jahren mit der Tanzkompanie La Veronal, Barcelona, als Regisseur, Choreograf und Ausstatter für Bühne, Kostüme sowie Licht zusammen. Dem Stücktitel entsprechend tragen die Tänzerinnen und Tänzer volkstümliche Kostüme. Zu pulsierenden Trommelrhythmen und Frauengesängen werden Rituale lebendig, archaische Zeremonien, die an die existenzielle Suche des Menschen nach Zugehörigkeit und Sinn denken lassen. 

Im Kontrast dazu steht „SAABA“, eine pulsierende Studie über Körper und Ekstase. Sharon Eyal gehört zu der kleinen Gruppe israelischer Künstler:innen, die aus der berühmten Batsheva Dance Company hervorgegangen sind. Seit 2005 arbeitet sie mit dem aus Tel Aviv stammenden Musikproduzenten Gai Behar zusammen, der als Techno-Rave-Organisator die Nachtszene Tel Avivs prägte. Ihre Bühnenwelten sind hypnotisch, intensiv und unverkennbar. In SAABA, nun für das NDT 2 neu inszeniert, entführen die beiden in ein emotional aufgeladenes Spannungsfeld aus Leidenschaft und Verletzlichkeit. Die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwimmen, in Linien und rhythmisiertem Abstand schweben Gestalten vorbei, Erscheinungen treten vor, dazu ihre Schatten, formen sich in fließenden, doch kräftigen Bewegungen, verschwinden wieder, die suggestive Klangwelt von Ori Lichtik schafft eine traumähnliche Ästhetik, minimalistisch-elegante, körperenge Kostüme von Maria Grazia Chiuri – zum Zeitpunkt der Produktion Chefdesignerin bei Dior – ergänzen dieses faszinierende Gesamtbild.

PS: Und das ikonische Gebäude des Nederlands Dans Theater, entworfen von Rem Koolhaas – Office for Metropolitan Architecture OMA? Ende der 1980er Jahre sind wir Architekturinteressierte deshalb nach Den Haag gepilgert. Doch die Recherche ergibt, dass es 2015 abgerissen und durch das 2021 eröffnete Kulturzentrum Amare – ein Konzerthaus inklusive Königlichem Konservatorium, mit rhythmisierter, Stimmgabeln assoziierender Fassade – ersetzt wurde! Aber warum? Die Stadt Den Haag wollte sich für 2018 als „Europäische Kulturhauptstadt“ bewerben – und dafür das Frühwerk eines der wichtigsten Kulturträger ihres Landes abreißen. Im Wettbewerbsentwurf von OMA wäre das Danstheater erhalten geblieben, geladen waren weitere internationale Namen wie Zaha Hadid, Diller Scofidio + Renfro, Aedas, Cruz y Ortiz … gewonnen haben allerdings regionale Architekten.

„Keep Dreaming, Baby“|Bregenzer Frühling
Nederlands Dans Theater – NDT 2
Folkå: Marcos Morau, Niederlande 
SAABA: Sharon Eyal & Gai Behar, Israel, Frankreich
7. Mai 26 im Festspielhaus Bregenz