Ndidi Dike – Seltene Erden, seltene Gerechtigkeit

Die in London geborene Ndidi Dike ist eine international anerkannte britisch-nigerianische Bildhauerin und multidisziplinäre Künstlerin. „Rare Earth Rare Justice” ist ihre erste große institutionelle Einzelausstellung in Österreich. In Mixed-Media-Werken, Gemälden, Skulpturen, Collagen, Fotografien, Videos und Installationen untersucht sie die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen sowie das Erbe von Kolonialismus, Postkolonialismus, Fluchtmigration und globalem Kapitalismus, die die moderne Welt prägen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die fortwährende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des afrikanischen Kontinents, insbesondere der Abbau von Kobalt in der Demokratischen Republik Kongo. Dike zeichnet die Verantwortung der Rohstoffindustrien für Umweltschäden, Klimawandel, Vertreibung und Konflikte um Bodenschätze nach und deckt auf, wie die weltweite Nachfrage nach Technologie mittels systemischer Gewalt und Plünderung befriedigt wird.

Die Schau entfaltet sich als großräumige Installation, deren Struktur durch die Themen Abwesenheit, Tod und Trauer bestimmt ist. Von der Decke hängt eine monumentale Skulptur aus etwa 900 Autopsie-Nackenstützen in Form einer Gewehrkugel vor einem großen, kreisrunden Spiegel herab. Das Objekt erinnert sowohl an die tödlichen Praktiken der Rohstoffindustrie als auch an historische Ladepläne von Sklavenschiffen, in denen versklavte Menschen dicht gedrängt untergebracht waren. Damit wird auf die lange Geschichte der Brutalität verwiesen, mit der Schwarze Menschen zu Waren gemacht wurden. Anstatt Gewalt direkt darzustellen, regt die Arbeit die Erinnerung und Vorstellungskraft der Betrachtenden an und ruft Assoziationen wach. Die Künstlerin erklärt: „Die Autopsie-Nackenstützen beziehen sich auf Polizeibrutalität […], auf George Floyd, auf die Demonstrationen in Amerika, die bis zu den Unruhen in Los Angeles im Jahr 1992 zurückreichen, auf die #EndSARS-Demonstrationen in Nigeria im Jahr 2020, auf die im Jahr 2018 in Rio de Janeiro ermordete, prominente schwarze Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco und auf die 43 Student:innen, an deren Entführung in Iguala, Guerrero, Mexiko, im Jahr 2014 angeblich Behördenvertreter beteiligt waren – die Mehrheit von ihnen wird weiterhin vermisst und gilt offiziell als ‚verschwunden‘.“

Rund um die zentrale Skulptur erstrecken sich künstliche topografische Landschaften in den Farben Weiß, Rot und Blau. Weiß steht für weiße Vorherrschaft und Kaolin, Rot verweist auf die charakteristische Farbe des Erdbodens in der Heimat der Künstlerin im Südosten Nigerias und Blau spielt auf den industriellen und informellen Kobaltbergbau an, in dem Jugendliche, Frauen und Kinder unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Die Farben erinnern auch an die Nationalfarben jener Länder des Globalen Nordens und Chinas, die tief in die globale Rohstoffgewinnung verwickelt sind. So unterstreicht die Installation die politische Mitschuld, also die Beteiligung multinationaler Konzerne im Einverständnis mit afrikanischen Eliten, staatlichen Akteur:innen, der politischen Klasse und internationalen Machtstrukturen.

Eine Klanginstallation erfüllt den Raum mit dem unermüdlichen Rhythmus von Geldzählmaschinen. Ohne sichtbare Quelle wird das mechanische Geräusch zu einem allgegenwärtigen Puls – kalt, repetitiv und unerbittlich. Es ist der Klang von Finanzsystemen, die fernab der von ihnen verursachten menschlichen und ökologischen Kosten operieren und Leben, Land und Arbeit in abstrakte Werteinheiten verwandeln. Sein gleichmäßiges Tempo entspricht der Logik des extraktiven Kapitalismus selbst: Anhäufung ohne Unterlass, Kalkulation ohne Rechenschaft. Innerhalb der Ausstellung bildet der Klang eine akustische Erinnerung daran, dass Extraktion ein wirtschaftlicher Prozess ist, der von unsichtbaren Transaktionen, globalen Märkten und Finanzinfrastrukturen getragen wird, in denen Gewalt nur als Profit aufscheint.

In der Installation ist darüber hinaus ein Rollstuhl angeordnet, dessen Sitz und Rückenlehne in Feinarbeit aus gebrauchten Patronenhülsen geflochten wurden. Er steht für verwundete, verletzte oder dauerhaft geschädigte Körper. Die Verwandlung von Patronenhülsen in eine Art Textil hebt die Unterscheidung zwischen Leid und Fürsorge, Schutz und Verletzung auf. Zugleich verweist der Rollstuhl auf strukturelle Versehrungen, auf Länder, Gemeinschaften und Landschaften also, die durch die Rohstoffwirtschaft systematisch erschöpft wurden und nun mit langfristigen physischen, gesellschaftlichen, kulturellen und ökologischen Schäden zurückbleiben.

Überall in der Ausstellung fungiert Materialität als Medium historischer, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Die Objekte zeigen Spuren ihres früheren Lebens in Systemen von Handel, Gewalt und Arbeit und geben so Zugang zu den verflochtenen Geschichten des transatlantischen Sklavenhandels und der neokolonialen Ökonomien von heute. Hier erzeugt Dikes Praxis bewusst eine Spannung zwischen Anziehung und Abstoßung. „Rare Earth Rare Justice” stellt eine grundlegende Frage: „Wo bleibt die Gerechtigkeit für die Menschen, deren Land, Arbeitskraft und Leben unablässig im Namen des Fortschritts ausgebeutet werden?”

Ndidi Dike
Rare Earth Rare Justice
Bis zum 31.05.2026
Kuratiert von Jeanette Pacher