verfasst von Haimo L. Handl / 21. Oktober 2007 - 6:59 / Wort zum Sonntag
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Nationalmannschaften stören nur dann, wenn sie für die Nation nicht gewinnen. Der Identifikationswille ist so überstark, dass die Einzelleistung subsummiert wird unter dem Nationenetikett: es hat nicht ein Einzelner eine gewinnträchtige oder gepriesene Leistung erbracht, sondern die Nation.

Eine tiefe Wahrheit drückt sich darin aus, ein Stück Menschenverachtung, das sich noch im Jubel nicht verleugnen lässt: ohne uns, das Kollektiv, den Staat, den Leviathan, bist du, Einzelner, nichts. Nur durch uns, den Staat. Nach der blutigen, langen Geschichte der Aufklärung ganz unschön ernüchternd.

Kultürlich schafft der Staat Bedingungen, in und mittels derer gearbeitet werden kann. Das ist trivial, weil es überall so ist. Zudem ist der Nationalstaat schon lange nicht mehr "souverän" und unterliegt selbst Determinanten für seine Politiken. Also auf wen beziehen und Voraussetzungen, Leistungen und "Bedingungsarbeit" ausweisen oder gar loben?

"Das Ganze ist das Unwahre" (Adorno), der Teil verrät mehr über die Teilwahrheit. Die meisten identifizieren sich mit ihrem Staat, stellen die Nation vorne an, rücken sie auf den Altar und leben ihre Gefühle aus. Substitut. Widerspruch meist nur in Steuerfragen oder hinsichtlich eigener Verantwortung. Sonst eitel Wonne und blödes Geblöke im Chor der Herdenmitglieder: die dumme Überhöhung des falschen Wir.

In solchen Mentallandschaften sumpft die Gefühlspolitik stinkend peinlich, blasig, plusternd. Dass in Österreich, mit ganz wenigen Ausnahmen, sich so viele so bereitwillig in die Gefühlspolitik einfügen, suhlen und die gefährliche Kehrseite nicht erkennen wollen, ist nicht nur widerlich, sondern gefährlich.

Es hat oder hätte schon seinen Sinn, dass man der Plebs nicht direkten Zugang zur politischen Entscheidung gewährt. Leicht konvertierte sie in den Mob, der nicht argumentiert, sondern einfordert, und zwar brachial, dumm, mehrheitlich. Ohne Rücksicht auf Minderheiten. Ohne Fragen nach Legitimation. Es gilt der Bauch vor dem Kopf, das Gefühl, das Authentische.

Jetzt interpretieren das einige Deppen im Land als Ausweis humaner Politik. Morgen, wenn dieselben Massen lynchen wollen, Menschenjagden veranstalten, Häuser brennen, Streiks brechen, dann jammern sie ob der rohen Gewalt. Doch sie ist nur die andere Seite der gefühlsduseligen Gefühlspolitik. Wenn ich das Gekläffe und Geplärre als Argumentationsersatz akzeptiere, darf ich mich nicht wundern, wenn es nächstens ganz anders tönt, als es den Gutmenschlern und Politkorrekten in den Kram passt.

Dass die enorm hohe Medienwirkung kaum kritische Beachtung findet, passt ebenfalls in dieses Szenario. Fernsehen und Radio, bei uns immer noch staatsmächtig, zwangsfinanziert tätig, im Verbund mit den sogenannten unabhängigen Medien, von denen viele als Gratisblätter von den leseunkundigen Massen gierig aufgenommen werden, weil sie alles fressen, wenn es nur nix kost", bestimmen stark die Nationalpolitik.

Wichtige Gerichtsprozesse bewirken da nichts in der politischen Landschaft. Sie scheinen ins Unterhaltungsprogramm billigster US-Soap Operas zu passen. Die Wahrnehmungsfilter über die Mediendrogen haben gegriffen und verbürgen, dass nichts wirklich mehr rührt, schon gar nicht "er-schüttert". Es ist teil der Gefühlspolitik.

Was woanders Korruption genannt und verfolgt wird, gilt bei uns als Kulturleistung. Doch die frechen Visagen und noch frecheren Sprüche von "Rechts-Anwälten" irritieren nicht. Sie sind Teil der Inszenierung, des Gefühlspolitspektakels.

Die Relativierungen durch Blick auf andere Nationen, wo es kaum besser, oft noch schlimmer zugeht, helfen nicht. Hier, bei uns, wo wir leben und meinen, politische Rechte ausüben zu können, sind Zustände, die schier unerträglich sind. Und hier greifen die Filter, die Ablenkungen besonders geübt. Ein Besuch vom Papst oder irgend einem Potentaten, ganz gleich wer, Hauptsache, wirklich "wer", und man macht Bückling und Beugen und Grinsen. Oder irgendwo gibt"s einen Erfolg zu vermelden, dann hat ein Grossteil der Österreicher seinen Happen zur Selbstbestätigung: wir, also er, also sie, haben es erreicht.

Für die andern, in der nächst höheren Riege, gibt"s Millionen-Ratespiele und hohe finanzielle Belohnung für Einfach-Faktenwissen. Währenddessen ungefragt bleibt, was die Untersuchung über die Plagiatsverdächtigung des Wissenschaftsministers erbrachte, der letzthin, im Sinne der Gefühlspolitik, so klug meinte, dass Österreich einen Nobelpreis einheimsen werde (müssen). Und die Bildungspolitik der Unbildung frönt. Und die Medien Geschichterln davon bringen. Und das Fernsehen seitenblickt. Wer ist Österreich? Was ist Österreich? Eine Nationalmannschaft in der auch Frauen (,) Weiber, sind? Wo die Frau Landeshauptmann, wenn sie"s denn wurde, die Frau Bezirkshauptmann in der Bezirkshauptmannschaft besuchen darf?

Unsere Nation schlittert in eine Plebeisierung neuer Art. Nein. Das klingt so, als "passiere" es. Als werde die Nation Opfer ungünstiger Umstände. Schlüpfrigen Bodens, wo man halt schlittert. Nein, die nationalen, heimischen politischen Kräfte sind plebeisch und erstarken. Es ist hausgemacht, trotz globaler Interdependenz. Es ist unsere Nationalleistung. Leider gibt es keine gängigen Tabellen und Vergleichswerte (die berühmten "ProzentPUNKTE"!) wie beim BIP oder anderer Kennzahlen. Wenn man den erreichten Stand der Plebeisierung messen und angeben könnte wie Pegelstände, wäre vielleicht eine Flutwarnung möglich. Obwohl Sandsäcke hier nicht helfen würden.