Nanne Meyer – Gezieltes Umherirren

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zeigt eine große Ausstellung der Berliner Zeichnerin Nanne Meyer. Zu sehen sind mehr als 500 Arbeiten, darunter zahlreiche neue Werkgruppen, die eigens für Karlsruhe entstanden sind.

Die Ausstellung präsentiert keine geradlinige Erzählung. Stattdessen öffnen sich immer neue Verbindungen: Linien werden zu Wegen, Flecken erinnern an Landschaften, Orangen an Planeten oder Sonnen. Vieles scheint im Entstehen begriffen, manches löst sich wieder auf. Gerade darin liegt die besondere Qualität der Kunst von Nanne Meyer (* 1953), die seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Positionen der zeitgenössischen Zeichnung zählt. Von 1994 bis 2016 war sie Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und ist seit 2019 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Schrift und Sprache sind essentielle Bestandteile ihres Schaffens. Seit den späten 1970er Jahren arbeitet die Künstlerin fast ausschließlich auf Papier. Zeichnen ist für sie eine Form des Denkens, die immer bei der eigenen Wahrnehmung beginnt und bei der Assoziationen eine große Rolle spielen.
Sie verwendet häufig gefundenes Material wie Landkarten, stockfleckige Papiere und Fehldrucke aus der Produktion eigener Publikationen. Was gewöhnlich übersehen oder aussortiert wird, wird bei ihr zum Ausgangspunkt neuer Arbeiten. Dabei verbindet sich zeichnerische Präzision mit einem offenen, oft überraschenden Blick auf die Welt und existenzielle Fragen nach dem eigenen Standort und der Orientierung im Prozess von Werden und Vergehen.

Das gezielte Umherirren entspricht dem Arbeitsprozess von Nanne Meyer: Sie ist eine Zeichnerin, die mit Stift und Pinsel Denkmöglichkeiten öffnet und sich dabei unbekannten Prozessen und einem unvorhersehbaren Ausgang stellt. Ihre Zeichnungen entwickeln sich tastend und manchmal suchend. Die Ausstellung lädt die Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich ohne feste Richtung durch die Räume zu bewegen und neue Wege des Schauens zu entdecken. Die historische Orangerie bietet dafür einen besonderen Rahmen. Der Bau von Heinrich Hübsch aus dem 19. Jahrhundert verbindet auf einzigartige Weise Architektur, Licht und Natur. Für Karlsruhe hat sich die Künstlerin intensiv mit diesem Ort beschäftigt. Viele der neuen Arbeiten kreisen um das Motiv der Orange – als Frucht, Farbe und Bildform. Mal erscheinen Orangen wie kleine Sonnen oder Planeten, mal erinnern verschimmelte Früchte an fremde Landschaften oder kosmische Oberflächen. Naturbeobachtung, Humor und poetische Bilder greifen dabei ineinander.

Nanne Meyer. Gezieltes Umherirren
Sonderausstellung in der Orangerie der Kunsthalle Karlsruhe
Bis zum 16. August 2026