26. August 2021 - 6:56 / Ausstellung / Geschichte 
27. August 2021 5. Dezember 2021

Zahlreiche renommierte Akteure des nationalsozialistischen Kunstbetriebs arbeiteten auch nach 1945 hauptberuflich als bildende Künstler: Sie produzierten Werke für den öffentlichen Raum, erhielten wichtige Aufträge von Staat, Wirtschaft und Kirche, lehrten an Kunstakademien, nahmen an Wettbewerben teil und waren in Ausstellungen vertreten.

Ihre Gestaltungen von Standbildern, Reliefs und Gobelins auf Plätzen, an Fassaden und in Foyers prägen bis heute das Gesicht vieler deutscher Innenstädte. Dabei konnten sie auch von dem antimodernistischen Klima der ersten Nachkriegsjahrzehnte profitieren.

Das Deutsche Historische Museum nimmt die "Gottbegnadeten-Liste" zum Ausgangspunkt für die Untersuchung dieses bislang weitgehend vernachlässigten Themas: die Nachkriegskarrieren "gottbegnadeter" Künstler wie Arno Breker, Hermann Kaspar, Willy Meller, Paul Mathias Padua, Werner Peiner, Richard Scheibe und Adolf Wamper. Die Liste war im August 1944 im Auftrag von Adolf Hitler und Joseph Goebbels zusammengestellt worden: 378 Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen 114 Bildhauer und Maler, galten fortan als "unabkömmlich" und blieben vom Front- und Arbeitseinsatz verschont.

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt erstmals, wie präsent diese Akteure im öffentlichen Raum, aber auch in Einrichtungen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens waren. Dabei werden ihre Netzwerke, die Wahl der Bildthemen und die Rezeption ihrer Arbeiten ebenso in den Blick genommen wie die damit verbundene Frage nach Kontinuität und Anpassungsleistung. Parallel zur Ausstellung "Documenta. Politik und Kunst" (18. Juni 2021 - 9. 1. 2022) wird so die Vorstellung eines vermeintlich radikalen kunstpolitischen Neuanfangs in der jungen Bundesrepublik revidiert.

Rund 300 Skulpturen, Gemälde, Gobelins, Modelle, Zeichnungen, Fotografien, Film- und Tondokumente, Plakate, Originalpublikationen sowie TV- und Presseberichte zeigen auf zwei Etagen, wie ehemals "gottbegnadete" Maler und Bildhauer bis in die 1970er Jahre in der Bundesrepublik, aber auch in Österreich und vereinzelt in der DDR abseits der bedeutenden Museen hauptberuflich arbeiteten. Exemplarische Biografien und städtische Karrierenetzwerke belegen, wie weit die strukturellen Spielräume dabei reichten. Am Beispiel von Arbeiten wie Arno Brekers "Pallas Athene" (1957) macht der Kurator Wolfgang Brauneis stilistische und ikonografische Eigenheiten, die Rahmenbedingungen ihrer Entstehung und ihre Rezeption deutlich: Mit seiner Wuppertaler Plastik verabschiedete sich Breker vorübergehend von der Monumentalität der Skulpturen, wie sie heute noch auf dem ehemaligen Berliner Reichssportfeld zu sehen sind. Gleichzeitig war das Motiv der Pallas Athene eine in der NS-Zeit populäre Darstellung. Den Auftrag verdankte Breker der Initiative des ebenfalls "gottbegnadeten" Architekten Friedrich Hetzelt.

Um den Erwartungshaltungen öffentlicher Auftraggeber und dem Kunstgeschmack des breiten Publikums gerecht zu werden, erbrachten diese Künstler zum Teil erhebliche inhaltliche und formale Anpassungsleistungen an die politischen Systeme. Anders als bei Werken moderner Kunst gab es bei der Präsentation von gegenständlichen Arbeiten ehemals renommierter Künstler des Nationalsozialismus kaum Debatten oder Proteste. Eine Ausnahme ist Hermann Kaspars Gobelin "Die Frau Musica" (1969) in der Nürnberger Meistersingerhalle: Das Geschenk des Bayerischen Staates an die Stadt Nürnberg führte über mehrere Jahre zu Diskussionen. Symbolträchtige Mahnmale wie Richard Scheibes "Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944" (1953) im Berliner Bendlerblock oder Willy Mellers Skulptur "Die Trauernde" (1962) vor dem ersten bundesrepublikanischen NS-Dokumentationszentrum in Oberhausen sorgten dagegen kaum für kritische Stimmen. Auch Richard Eichlers antimodernistischer Bestseller "Könner Künstler Scharlatane" aus dem Jahr 1966 belegt, dass weder die Künstler noch die Kunstauffassung des Nationalsozialismus nach 1945 verschwunden waren.

Als Bundespräsident Theodor Heuss 1955 die erste Documenta eröffnete, konnten bildende Künstler des Nationalsozialismus schon deshalb nicht vertreten sein, weil ihre Karrieren und Werke mit dem dort propagierten Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik nicht vereinbar waren. Zahlreiche repräsentative Auftragsarbeiten zeigen allerdings, dass auch sie maßgeblich an das kulturpolitische Programm der Bundesrepublik gebunden waren. Nur zwei Monate vor der ersten Documenta hatte Heuss den Kongresssaal des Deutschen Museums in München eröffnet. Dessen monumentales Wandmosaik hatte Hermann Kaspar, Chefausstatter der Reichskanzlei, 1935 begonnen und 1955 nach kriegsbedingten Unterbrechungen vollendet.

Die historisch-kritische Ausstellung führt mit einer geografischen Spurensuche zurück in die Gegenwart: Eine multimediale Präsentation dokumentiert am Ausstellungsende fotografisch etwa 300 Arbeiten von Künstlern der "Gottbegnadeten-Liste" in Deutschland und Österreich, die sowohl im Nationalsozialismus als auch nach 1945 entstanden und noch heute im öffentlichen und halböffentlichen Raum zu finden sind. Eine interaktive Karte bietet weiterführende Informationen zu den Werken, Künstlern und Auftraggebern und soll stetig erweitert werden.

Die Liste der 'Gottbegnadeten'. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik
27. August bis 5. Dezember 2021

Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
D - 10117 Berlin

W: http://www.dhm.de/

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  •  27. August 2021 5. Dezember 2021 /
  Auszug aus der "Gottbegnadeten-Liste",  Berlin, September 1944 © Bundesarchiv Berlin, R 55/20252a, Bl. 2
Auszug aus der "Gottbegnadeten-Liste", Berlin, September 1944 © Bundesarchiv Berlin, R 55/20252a, Bl. 2
Anschreiben der Reichskammer der Bildenden Künste an Eduard Bischoff,  5. September 1944 © Ostpreußisches Landesmuseum, Lüneburg
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Das 'Ehrenmal Opfer des 20. Juli 1944' von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt,  Berlin, 1953 © DHM/Fotografi n: Liselotte Orgel-Köhne
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  Rudolf Hermann Eisenmenger, Gemälde im Stadtkino im Künstlerhaus Wien,  Wien, 1948 Courtesy Künstlerhaus, Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Wiens © DHM/Fotograf: Eric Tschernow, 2020
Rudolf Hermann Eisenmenger, Gemälde im Stadtkino im Künstlerhaus Wien, Wien, 1948 Courtesy Künstlerhaus, Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Wiens © DHM/Fotograf: Eric Tschernow, 2020
  Oberbürgermeisterin Luise Albertz und Oberstadtdirektor Dr. Petersen besichtigen das Modell der "Trauernden" in Willy Mellers Atelier,  Juni 1961 © Stadtarchiv Oberhausen, Fotograf: Hermann Feldmann
Oberbürgermeisterin Luise Albertz und Oberstadtdirektor Dr. Petersen besichtigen das Modell der "Trauernden" in Willy Mellers Atelier, Juni 1961 © Stadtarchiv Oberhausen, Fotograf: Hermann Feldmann
Enthüllung von Hermann Kaspars "Die Frau Musica" in der Meistersingerhalle Nürnberg,  Nürnberg, 12. Januar 1970 © Stadtarchiv Nürnberg, E 55 Nr. 176
Enthüllung von Hermann Kaspars "Die Frau Musica" in der Meistersingerhalle Nürnberg, Nürnberg, 12. Januar 1970 © Stadtarchiv Nürnberg, E 55 Nr. 176
Modell für das "Paracelsus-Denkmal" von Josef Thorak,  Salzburg, 1935–1940 © Salzburg Museum: 1408-2020 © VG Bildkunst
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  Richard Scheibe, Ehrenmal für die Opfer des 20.Juli 1944,  Berlin, 1953 © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020
Richard Scheibe, Ehrenmal für die Opfer des 20.Juli 1944, Berlin, 1953 © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020
  Adolf Wamper, Denkmal mit Bergleuten Friedhof  in Rotthausen in Gelsenkirchen, 1953 © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020
Adolf Wamper, Denkmal mit Bergleuten Friedhof in Rotthausen in Gelsenkirchen, 1953 © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020
  Eiserner Vorhang der Wiener Staatsoper nach Entwürfen von Rudolf Hermann Eisenmenger,  Wien, November 1955 © ullstein bild - Imagno / Votava
Eiserner Vorhang der Wiener Staatsoper nach Entwürfen von Rudolf Hermann Eisenmenger, Wien, November 1955 © ullstein bild - Imagno / Votava