26. Juli 2022 - 12:12 / Ausstellung / Textil 

Die Auseinandersetzung mit dem Stofflichen, neuen Textilien und Trägermaterialien begeistert aktuell Künstler:innen unterschiedlicher Generationen und Herkunft. Vorhänge, Tapeten und Teppiche werden als Bildträger zeitgenössischer Darstellungen wiederentdeckt, Produktionsprozesse und Materialien werden zu Bedeutungsträgern.

Mit Stoffen, textilem Dekor und Kleidung lassen sich Geschichten sowie Hintergründe historischer, bildlicher und globaler Zusammenhänge neu erzählen. Der Wiederentdeckung traditioneller Techniken steht die Begeisterung für neue digitale Technologien gegenüber: Digitale Technologie steuert die Webstühle in der heutigen Zeit oder spinnt die Fäden in eine erweiterte Realität.

Die Ausstellung "Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst" zeigt farbmächtige Arbeiten, haptische Stoffe und raumgreifende Installationen und stellt unterschiedliche Positionen von international renommierten Künstler:innen in einen Dialog, die sich explizit mit textilen Materialien beschäftigen und zugleich deren gesellschaftspolitische Bedeutung erkunden. Stoffe und ihre Musterungen sind oft auch kulturelle Identitätssymbole. Im Kontext von Massenproduktion von Textilien und ökologischer Nachhaltigkeit eröffnet die künstlerische Materialforschung neue Sichtweisen und Möglichkeiten. Die Ausstellung möchte zeigen, wie facettenreich Popkulturelles, (Post-)Feministisches und Tagespolitisches mit textilen Materialien aktuell ihren Ausdruck finden.

Rosemarie Trockel, die mit ihren Strickbildern in den 1980er-Jahren Kunstgeschichte geschrieben hat, ist ebenso vertreten wie Positionen eines jungen, libertären Feminismus wie etwa Magdalena Kita. Kitas Darstellungen ̶ nackte Frauen in grellen Farben auf Tierfellen ̶ rücken erotische Fantasien lustvoll ins Bild und hinterfragen stereotype Rollenbilder. Die körperlich erfahrbaren Räume Erika Hocks bestechen hingegen durch eine subtil feministische wie ironische Haltung: fließende Fäden mit kräftigen Farben bilden reduzierte Formen und erinnern an die Pop-Art. Auf eine imaginäre Bildreise lädt die großformative intermediale Arbeit von Laure Prouvost ein: von Flandern bis Italien, von der Tradition der Gobelins und mit Bildzitaten von Boticellis Venus bis hin zu Angelina Jolie entfalten sich paradiesische Zustände. Die pulsierende Bildmontage zeigt zahlreiche Körperempfindungen wie Wärme, Feuchtigkeit, Zärtlichkeit, Hunger, Lust und Begehren.

Anhand der Wandteppiche von Yelena Popova, die Entwürfe von Mausoleen für stillgelegte Kernreaktoren darstellen und Atomenergie metaphorisch thematisieren, lassen sich ebenso Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit diskutieren wie in Hinblick auf Roland Stratmanns Tierskulpturen in textiler Gewandung. Mit bunten, anschmiegsamen Kleidungsstücken gibt Stratmann Tierformen eine zweite Haut und verweist auf die Verbindung der Billigproduktion von Konsumartikeln mit dem Aussterben der großen Säugetiere. Helen Mirra wählt in ihren Arbeiten dagegen eine körperverbundene Produktionsform, die sich Zeit nimmt. Mirra kennt die Herkunft ihrer Wolle und Garne und webt traditionell: Es ist der Weg und nicht das Ziel, das sich hier im Handwerklichen vermittelt, ebenso wie eine verdichtete Authentizität des Werkstoffs.

Die gerenderten Fäden und Knäule der ortsspezifischen, wandfüllenden Arbeit "Future Gipsy. Auf die Zukunft wettend. anaglyph II" (2022) von Tim Berresheim führen schließlich in virtuelle Welten. Wie der Titel besagt, stellt das Arbeiten im Digitalen für den Künstler generell ein "Wetten auf die Zukunft" dar.

Viele weitere poppige und politische "Stoffe" werden in den komplexen textilen Bildwelten der teilnehmenden Künstler:innen verarbeitet: Kleidungsstücke wie T-Shirts, die nicht nur schützende Hülle, sondern vielmehr Ausdruck von Zugehörigkeit sein können, die Verletzlichkeit des Körpers in den Arbeiten Alexandra Birckens, Fragen nach Formen der Aneignung und Kolonialisierung in den großformatigen Bildcollagen Shannon Bools sowie die Teilung Koreas bei Kyungah Ham oder Themen rund um Selbstbestimmung, Identität und Herkunft in Parastou Forouhars Designobjekten und den Teppichfragmenten Nevin Aladağs, die als Ornamente komplexer gesellschaftlicher Strukturen gelesen werden können. Schließlich wird der Blick in der Videoarbeit "One Second of Silence" (2018) von Edith Dekyndt durch transparente Flaggen auf einen leicht wolkenverhangenen Himmel geleitet. Ein höchst poetisches wie politisches Bild frei von jeglicher Repräsentation von Macht, Staatlichkeit oder Grenzziehung.

Mit Arbeiten von Nevin Aladağ, Alexandra Bircken, Tim Berresheim, Shannon Bool, Edith Dekyndt, Parastou Forouhar, Kyungah Ham, Tobias Hantmann, Erika Hock, Magdalena Kita, Helen Mirra, Laure Prouvost, Yelena Popova, Sara Sizer, Oliver Sieber, Heidi Specker, Roland Stratmann und Rosemarie Trockel.

Die Ausstellung wurde 2020/2021 für die Kunstsammlungen Chemnitz konzipiert und realisiert, aber wegen des Lockdowns nicht eröffnet. In Ravensburg, über Jahrhunderte hinweg eine Textilstadt, findet sie nun in modifizierter Form ihr Publikum (Ravensburg zählte vom 13. bis 16. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Textilreviere Europas, und im 19. Jahrhundert war Ravensburg einer der wichtigster Standorte der Textilfabrikation im Königreich Württemberg.

Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst
Bis 30. Oktober 2022

Kunstmuseum Ravensburg
Burgstrasse 9
D - 88212 Ravensburg

W: http://www.kunstmuseum-ravensburg.de/

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Alexandra Bircken, Yamaha , 2020, Leder, Nägel, Courtesy die Künstlerin und BQ, Berlin, Foto: Roman März, Berlin
Alexandra Bircken, Yamaha , 2020, Leder, Nägel, Courtesy die Künstlerin und BQ, Berlin, Foto: Roman März, Berlin
Ausstellungsansicht »Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst« mit Arbeiten von Erika Hock und Kyungah Ham, Kunstmuseum Ravensburg, 2022, Courtesy die Künstlerinnen, COSAR, Düsseldorf, carlier | gebauer, Ber- lin, Madrid, © VG Bild-Kunst, 2022, Foto: Wynrich Zlomke
Ausstellungsansicht »Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst« mit Arbeiten von Erika Hock und Kyungah Ham, Kunstmuseum Ravensburg, 2022, Courtesy die Künstlerinnen, COSAR, Düsseldorf, carlier | gebauer, Ber- lin, Madrid, © VG Bild-Kunst, 2022, Foto: Wynrich Zlomke
Laure Prouvost, Swallow me, From Flanders to Italy a tapestry , 2019 (Detail), Courtesy die Künstlerin und carlier | ge- bauer, Berlin, Madrid, © VG Bild-Kunst, 2022, Foto: Trevor Good
Laure Prouvost, Swallow me, From Flanders to Italy a tapestry , 2019 (Detail), Courtesy die Künstlerin und carlier | ge- bauer, Berlin, Madrid, © VG Bild-Kunst, 2022, Foto: Trevor Good
Ausstellungsansicht »Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst« mit Arbeiten von Parastou Forouhar, Kunstmuseum Ravensburg, 2022, Courtesy die Künstler:innen und SNA – Studios New Amerika, © VG Bild- Kunst, 2022, Foto: Wynrich Zlomke
Ausstellungsansicht »Musterung. Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst« mit Arbeiten von Parastou Forouhar, Kunstmuseum Ravensburg, 2022, Courtesy die Künstler:innen und SNA – Studios New Amerika, © VG Bild- Kunst, 2022, Foto: Wynrich Zlomke