„Terminal Piece“ ist eine Eröffnungsausstellung, die eine Vision für die Zukunft entwirft und ein neues Kapitel für das Museum moderner Kunst in Wien aufschlägt. Sie lädt zu neuen Formen der Auseinandersetzung mit dem Museum und seiner Sammlung ein und richtet den Blick auf die Gesamterfahrung in all ihrer Komplexität. Als Ausstellung in mehreren Akten konzipiert, folgt „Terminal Piece“ einem klaren kuratorischen Ansatz, indem sie Arbeiten aus der Sammlung mit neuen Werken und externen Leihgaben verbindet.
Ein spezifisches Werk bildet dabei den Ausgangspunkt, von dem aus das Museum als Ganzes neu gedacht wird. Zugleich handelt es sich um den ersten Ankauf unter der Leitung von Fatima Hellberg. Die Wahl dieses Werks setzt sich mit Fragen der Betrachter:innenschaft auseinander und fordert dazu auf, die eigene Position im Verhältnis zum Kunstwerk zu reflektieren und aktiv einzunehmen.
Der Titel der Arbeit, „Terminal Piece”, ist namensgebend für die Ausstellung. Das Werk wurde 1972 von der US-amerikanischen Künstlerin, Aktivistin und Autorin Kate Millett geschaffen. Die Installation lässt sich als Bühne oder als Käfig beschreiben. Auf einem der zweireihig hinter einer Anordnung von Holzbalken aufgestellten Klappstühle sitzt ein einzelnes weibliches Mannequin und blickt den Betrachter:innen entgegen. Diese Konstellation hinterfragt herkömmliche Betrachtungsweisen, denn das Publikum nimmt zugleich die Rolle der Zuschauenden und der Betrachteten ein. Millett musste dieses Werk schaffen, da es, wie sie selbst formulierte, „nicht geschrieben werden kann“. Der Begriff „Terminal“ verweist auf einen Endpunkt oder eine Grenze, kann jedoch, wie die sitzende weibliche Figur andeutet, ebenso als Aufbruchsort oder Ausgangspunkt verstanden werden. In der Eröffnungsausstellung des neuen Programms unter der Leitung von Fatima Hellberg fungiert Milletts „Terminal Piece“ somit als Methode und Perspektive, um sich der Komplexität und Heterogenität der Bestände des Mumok von innen heraus zu nähern.
Die Auseinandersetzung mit Ausstellungsgestaltung und Betrachtungsweisen zieht sich durch das gesamte Museum, wobei jede Etage als eigener Akt konzipiert ist – der erste Akt ist Kate Milletts „Terminal Piece“.
Der zweite Akt richtet den Blick nach innen und erkundet die Dissonanz zwischen politischen Idealen und gelebter Erfahrung. Im Zentrum steht Elisabeth Subrins Video-Collage „Swallow“ (1995), die die Fragilität des Innenlebens einer jungen Frau reflektiert. Hier zeigt sich die Kluft zwischen dem aktivistischen Optimismus der Ära Kate Milletts und den ambivalenteren emotionalen Landschaften nachfolgender Generationen.
Im dritten Akt setzt sich Milletts Erkundungsreise durch Systeme und Ebenen der Komplizenschaft fort, die Unterdrückung und gewaltsame Machtstrukturen begünstigen. Sämtliche Arbeiten folgen einer persönlich-realistischen Herangehensweise und entwickeln radikale Lesarten des Dokumentarischen. Das erste Werk, mit dem das Publikum konfrontiert wird, ist der immersive Experimentalfilm „Leviathan” (2012) von Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel. Aufbauend auf den in Milletts Werk verhandelten Fragen von Perspektive und struktureller Gewalt nutzt Leviathan Handkameras, um den Mikrokosmos – und beizeiten auch das Monströse – eines industriellen Fischereischiffs im Nordatlantik sowohl über als auch unter Wasser einzufangen.
Die Ausstellungsebene im Erdgeschoss des Mumok kann als Prolog zur fünf Ebenen umfassenden Schau gelesen werden. Konzipiert von der deutschen Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, nimmt sie die Form eines umfassenden Environments an. Viebrock gestaltet den Raum radikal neu, indem sie Ausstellungs- und Backstagebereiche miteinander verschränkt und verborgene Prozesse des Museums mit dessen öffentlichen Zonen in Beziehung setzt. In diesem Spiel mit Wahrnehmung und der Rolle der Betrachtenden, dem Sichtbaren wie dem Unsichtbaren, werden in Viebrocks Installation sowohl bekannte Werke aus der Sammlung als auch selten gesehene, lange nicht präsentierte Arbeiten versammelt.
Der vierte Akt, gestaltet von der britischen Künstlerin Nina Porter, bildet zugleich einen Schlusspunkt und einen Rückbezug zum Anfang der Ausstellung und eröffnet mit einer neuen Werkserie eine Perspektive für die Zukunft. Mehrere ihrer Arbeiten beziehen sich dabei auf die Sammlung des Mumok und reagieren auf Archivmaterial zu Kate Milletts „Terminal Piece”.
Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm sowie einer von Camilla Wills von Divided Publishing mitherausgegebenen Publikation begleitet. Sie versammelt einen existierenden Text von Kate Millett sowie neue Texte von Gregg Bordowitz, Rachel Cusk und Ariana Reines. Künstler*innen: Magdalena Abakanowicz, Kobby Adi, Art & Language, Lutz Bacher, Heimrad Bäcker, Peter Baum, Herbert Baumann, Ştefan Bertalan, Joseph Beuys, Anna & Bernhard Blume, Boyle Family, Marcel Broodthaers, Günter Brus, Michael Buthe, Sophie Calle, Nina Canell, Sergio de Castro, Bruce Conner, Melanie Counsell, Moyra Davey, Carla Degenhardt, Sara Deraedt, Erik Dietman, Annie Ernaux & Marc Marie, Jean Fautrier, Robert Filliou, Lucio Fontana, Adolf Frohner, Bruno Gironcoli, Christine Gironcoli, Hermann Glöckner, Louis Goodman, Robert Graham, Hans Haacke, Raymond Hains, Richard Hamilton, Hans Hollein, Rebecca Horn, Birgit Jürgenssen, Allan Kaprow, Wilfried Klanjsek-Bratke, Jürgen Klauke, Marc Kokopelli, Kurt Kren, Oliver Laric, Louise Lawler, Zoe Leonard, Bettye Lane, Sol LeWitt, Friederike Mayröcker, Kate Millet, Yukio Nakagawa, Bruce Nauman, Chie Nishio, Anna Oppermann, Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, Michelangelo Pistoletto, Megan Plunkett, Cora Pongracz, Nina Portner, Arnulf Rainer, Robert Rauschenberg, Rudolf Richly, Dieter Roth, Susan Rothenberg, Paul Rothemund, Thomas Ruff, Gerhard Rühm, Constanze Ruhm, Kurt Schloegel, Leander Schönweger, Rudolf Schwarzkogler, Daniel Spoerri, Haim Steinbach, Takako Saito, Elisabeth Subrin, Paul Thek, Miroslav Tichy, Octavian Trauttmansdorff, Rosemarie Trockel, Richard Tuttle, Cy Twombly, Anna VieBrock, Wolf Vostell, Yoshi Wada, Franz West, Stefan Wewerka, Karl Anton Wolf und Heimo Zobernig.
Terminal Piece
bis 7. Februar 2027
Kuratiert von Fatima Hellberg und Lukas Flygare