8. Juni 2010 - 2:17 / Ausstellung / Fotografie 
23. April 2010 13. Juni 2010

Jochen Lemperts Schwarz-Weiss-Fotografien sind der Natur- und Tierwelt gewidmet. Der 1958 in Moers geborene und in Hamburg lebende Künstler arbeitet seit den 1990er Jahren mit der Kennerschaft eines ausgebildeten Biologen, dem Blick eines Fotografen und den Verfahren eines Wissenschaftlers. In seinen frühen Arbeiten sammelte, archivierte und ordnete er die Motive in großen Gruppen, die das vergleichende Sehen anregen und vielfache assoziative Bezüge eröffnen.

In seinen letzten Werkgruppen richtet sich sein Interesse mehr und mehr auf Formationen, Muster, Strukturen, deren aleatorische Kraft sich in Vogelschwärmen, Wasserstrukturen und Wolkenformationen zeigen. Er untersucht, wie sie im Spannungsfeld von Natur und Kultur anthropomorph gedeutet oder industriell genutzt wird, und zeigt, wie sie sich unbeobachtet im urbanen Raum neue Nischen erobert. Die schwarz-weißen analogen Fotografien sind auf dickem Fotopapier abgezogen, deren Materialität durch die, immer auf die Räume abgestimmte Hängung betont ist. Auf 500 qm Ausstellungsfläche wird Jochen Lempert im Museum Ludwig sein Werk mit rund 60 Fotografien der letzten 15 Jahre vorstellen.

Eine Reihe von schwarzen Vogelköpfen im Profil, alle kennzeichnet ein markanter weißer Fleck am Auge. Auf den ersten Blick dominiert der Schwarz-Weiß-Kontrast und damit ihre Ähnlichkeit. Bei genauem Hinsehen fallen hingegen die Unterschiede auf, die die Vögel alle als Individuen erscheinen lassen. Es handelt sich um den bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorbenen Riesenalk, der heute in ausgestopften Varianten in Naturkundemuseen vor allem in Europa, aber auch in den USA zu finden ist. Es ist die früheste, noch nicht abgeschlossene Werkgruppe von Jochen Lempert "The skins of Alca impennis".

Bereits hier wird deutlich, wie Lempert seine wissenschaftshistorischen Interessen als Biologe mit denen als Künstler verbindet. Ebenso wie der Fotoapparat gleichsam als ornithologisches Instrument des Sammelns dient, dokumentiert Lempert in seinen Katalogen Berichte von Zeugen des zeitgenössischen Aussterbens dieser Vogelart. Wie der Mensch die vermeintlich unberührte Natur beeinflusst, wie sich Natur- und Kulturraum gegenseitig durchdringen, beobachtet Lempert in vielfacher Hinsicht. Er entdeckt und fotografiert in Tokyo, London, Hamburg, Köln und Rom Kormorane in urbanen Landschaften, er zeigt Lachmöwen, die über einer Großstadt Ameisenköniginnen jagen, oder beobachtet die erstaunliche Zusammenkunft von Mensch und Tier in Kulturlandschaften.

Die ebenfalls als Langzeituntersuchung angelegten "Morphologischen Studien" verdeutlichen zugleich, dass Lemperts systematische Arbeitsweise zwar an die Haltung eines Wissenschaftlers erinnern mag, dass aber sein Interesse auf nicht festlegbare, häufig assoziativ begründete Ordnungen gerichtet ist. Scheinbar zufällig wechseln in Reihen Fotografien aus Mensch- und Tierwelt, sind Ähnlichkeiten über Gestalt und Strukturformen zu entdecken. Aber neben den formalen Entsprechungen sind auch solche aufzuspüren, die die aufgerufenen Welten über ein inhaltliches Element kurzschließen.

So sieht man aufgehängte Hasen mit abgezogenem Fell beim Schlachter neben einem Blick in das Knochengerüst eines Wals im Naturkundemuseum, oder die nackte Schulter einer Frau gerahmt durch den weißen Träger des T-Shirts gegenüber einem weißen großen Fisch, der sich über einen langen Flossenstrahl orientiert. Der taktile Reiz, der die abgebildete Haut der Schulter auslöst, korreliert in der benachbarten Fotografie mit dem abgebildeten Sinnesorgan. Es sind diese zu entdeckenden Analogien und Assoziationen, die den Besuch einer Fotoausstellung von Jochen Lempert zu einer besonderen Erfahrung des Sehens und Entdeckens macht.

Seit einigen Jahren vereinzelt Lempert Fotografien an den Wänden. Die wechselnd großen und kleinen Abzüge werden zu „Lehrstücken“ des Sehens, wenn Ähnlichkeiten und Korrespondenzen entdeckt werden können oder Bewegungselemente im Bild mit Bewegungen des Betrachters durch den Raum korrespondieren. In den Ausstellungen ist auch der materiale Eindruck der Fotografien besonders deutlich, den Lempert verstärkt, indem er sie ohne Rahmen und unverglast an der Wand befestigt. Die auf Barytpapier handabgezogenen Aufnahmen, die sich leicht an den Rändern aufwellen, korrelieren mit solchen materialen Experimenten wie Luminogramme oder Fotogramme, die vor allem in jüngerer Zeit Lemperts Interesse einnehmen: Er gießt Meeresleuchttierchen (Noctiluca scintillans) auf Fotopapier oder belichtet Reptilien und Insekten und stellt diese Unikate aus.

Mit diesen Arbeiten knüpft er an Erfahrungen an, die er Ende der 1980er Jahre in der Gruppe "Schmelzdahin" mit experimentellem Film gemacht hatte. In der Tradition des Materialfilms ließ die Gruppe belichtetes Filmmaterial in der Erde oder im Teich lagern, und nutzte die zufälligen organischen Anlagerungen als Teil des Filmbildes. Es sind diese künstlerischen Fragestellungen, die zum Beispiel Lemperts Aufnahmen von Blässgänseschwärmen am Himmel von der Dokumentation eines Ornithologen unterscheiden: Bei Lempert sind diese Schwärme weit oben im wolkenfreien Himmel zusehen, so dass auf den ersten Blick nur ein weißes Blatt mit winzigen Bewegungsspuren zu sehen ist. So lassen sich die Aufnahmen nicht nur als Abdrücke der Wirklichkeit, sondern auch als autonome Bilder in einer Bildtradition der Moderne wahrnehmen.

Lemperts neueste Fotoserie ist 2009 während seines Aufenthalts in der Villa Massimo in Rom entstanden. Sie zeigt den aktiven Vulkan Stromboli: Eine schwarze Wolke steigt auf und verfliegt langsam, bis der helle Horizont gegen den dunklen Vordergrund und den rauchgeschwärzten Himmel zu sehen ist – ein Motiv, das Anlass sein könnte mit Lemperts jüngstem Werk seine frühen Arbeiten neu zu entdecken.

Jochen Lempert
23. April bis 13. Juni 2010

Museum Ludwig Köln
Bischofsgartenstrasse 1
D - 50667 Köln

W: http://www.museum-ludwig.de

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