Mohamed Bourouissa ist ein Porträtist unserer Zeit, ein Geschichtenerzähler und Erfinder. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten stehen Menschen. Nicht jene, die ohnehin schon im Scheinwerferlicht von Medien, Politik, Kunst und Geschichte stehen, sondern Menschen „von nebenan“ mit Biografien, die von Ausgrenzung, Unsichtbarkeit, aber auch Widerstand erzählen. Es sind ihre Leben, für die Bourouissa in seinen Werken Raum schafft.
In seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz lädt er das Publikum auf eine Reise ein: von Blida in Algerien, wo er geboren wurde, über die Pariser Banlieue, wo er heute lebt, bis nach Osnabrück in Deutschland, wo das bewegte Leben seiner Tante Noubia Meyer endete. Filme, Objekte, KI-Animationen und Fotografien bilden die Stationen dieser Reise und sind in immersive Raumerfahrungen eingebettet.
Die Ausstellung beginnt in Blida, einer Stadt im Norden Algeriens. Nicht nur Bourouissas Familie stammt von hier, auch ein anderer Name ist eng mit dieser Stadt verbunden: Frantz Fanon. Der auf Martinique geborene Arzt, politische Philosoph und antikoloniale Aktivist leitete von 1953 bis Ende 1956 die psychiatrische Abteilung des lokalen Krankenhauses. In der Klinik untersuchte er unter anderem die Wechselwirkung von Rassismus, kolonialen Machtstrukturen und psychischer Gesundheit. Bourouissa besuchte die Klinik während seines Aufenthalts im Jahr 2008 in Blida, um dort zu fotografieren. Neben Patient:innen der Klinik zeigen seine Aufnahmen aus der Serie „Blida” (2007–2008) das Leben in der Stadt, ihre Bewohner:innen und Familienmitglieder Bourouissas, etwa seine Tante Nassera. Ihr Porträt ist das größte in der Serie und drückt so ihre Bedeutsamkeit für die Community aus. Mit ruhigem Gesichtsausdruck überblickt sie das Geschehen in Blida und von der Fotografie aus auch jenes im Ausstellungsraum. Das quadratische Format der Aufnahmen schafft eine rätselhafte Nähe, die ein Maximum an Persönlichkeit jeder porträtierten Person vermittelt und zugleich ein Minimum an Informationen über sie offenlegt.
In der Videoinstallation „Le murmure des fantômes“ (2018–2025) setzt Bourouissa seine Auseinandersetzung mit Fanon und der Klinik fort, indem er den langjährigen Patienten Bourlem Mohamed porträtiert. Mohamed spricht mit Bourouissa über die Heilmethoden des Spitals unter Fanons Leitung. Er berichtet von Gewalterfahrungen, aber auch von Pflanzenkunde und dem Anlegen eines Gartens als Therapie. Die Holzkonstruktion im Ausstellungsraum, in der die sechskanalige Videoarbeit gezeigt wird, ist dem Grundriss der Klinik in Blida nachempfunden. Sie übersetzt die räumlichen Verhältnisse in unsere unmittelbare Nähe und ist damit Sinnbild für Kontrolle und Kontrolliertwerden zugleich.
Paris ist Schauplatz der Arbeiten im zweiten Ausstellungsraum. Bourouissas bekannteste Werkgruppe „Périphérique” ist mit älteren Fotografien vertreten, beinhaltet aber auch eine kaum gezeigte Neuauflage der Serie. Ausgangspunkt dieser Bilder sind oft historische Kunstwerke, die Bourouissa fotografisch nachstellt.
Die neueren Arbeiten sind vor allem in Gennevilliers entstanden, einer Stadt in den nordwestlichen Vororten von Paris, in der Bourouissa heute lebt und arbeitet – ebenso wie viele maghrebinische und muslimische Communities. Ein Thema, dem sich Bourouissa in mehreren Bildern annimmt, sind implizite Stereotypisierungen muslimischer Frauen. In Alyssia etwa posiert eine junge Frau für ein Selfie. Bourouissa hat das Setting gemeinsam mit Alyssia entwickelt: Es ist eine bewusst überzeichnete Inszenierung, die die Künstlichkeit und Konstruiertheit der Selfie-Kultur abbildet, aber auch eine selbstgewählte Form der Repräsentation mit rätselhaften, widerspenstigen Details im Hintergrund. Diese verursachen Unsicherheiten darüber, wie die Bilder zu lesen sind, und fordern damit vorgefertigte Vorstellungsschemata heraus.
Im Film „Généalogie de la violence” (2024) findet Bourouissa mit 3D-animierten Sequenzen starke Bilder für das Gefühlsleben eines jungen Mannes, der grundlos von der Polizei kontrolliert wird: Bilder für sein Erleben von Sprachlosigkeit, Scham, Demütigung und Leid. Bourouissa zeigt, wie sich ein Moment von unsichtbarer, struktureller Gewalt in die individuelle Erinnerung einschreibt.
Mit solchen Arbeiten stellt sich Bourouissa in den Dienst der Repräsentation von Menschen, die fremd-, unter- oder missrepräsentiert sind. Er spricht nicht über und auch nicht für seine Protagonist:innen, sondern – mit den Worten der Theoretikerin und Filmemacherin Trinh T. Minh-ha – „in ihrer Nähe” (Speaking Nearby).
Im Obergeschoss macht die Reise schließlich Halt in Osnabrück. Ausgangspunkt der hier gezeigten Arbeiten ist Noubia Meyer, Bouroussias Tante. Sie sind alle für diese Ausstellung entstanden, die bis Januar 2026 im Museum Marta Herford zu sehen war.
Noubia Meyer, die ebenfalls in Blida geboren wurde, verließ Algerien als junge Frau und ließ sich nach einigen Umwegen in Osnabrück nieder. Sie war seit ihrer Jugend in der Sexindustrie tätig und machte sich später in dieser Branche selbstständig. Tante und Neffe teilten eine Faszination: die Fotografie. Noubias in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Leben ist daher fotografisch gut dokumentiert. Vor ihrem Tod im Jahr 2022 hinterließ sie Bourouissa ihren umfangreichen Bildnachlass mit der Einladung, diesen am Leben zu erhalten. Seitdem arbeitet der Künstler mit diesem einzigartigen Material: Der Alltag von Sexarbeiter:innen in den französischen Bordellen Algeriens, aber auch in der europäischen Sexindustrie der Nachkriegsjahrzehnte ist kaum dokumentiert – schon gar nicht aus der Perspektive einer Sexarbeiterin.
In der Videoarbeit „Noubia“ (2025) erzählt Noubia ihre Geschichte. Mit ruhiger, bestimmter Stimme spricht sie über zentrale Stationen ihres Lebens und bricht mit den Tabus ihrer Tätigkeit. Fotografien aus ihrem Bildarchiv begleiten ihre Stimme. Spontane Aufnahmen in Algerien, mit Familienmitgliedern in Deutschland oder aus ihrem Alltag machen die Lebensrealitäten sichtbar, in denen sie sich bewegte. Durch den Einsatz von KI bringt Bourouissa diese Fotografien zum Leben: In einem instabilen Zwischenzustand von Fotografie und Film erwachen die Figuren für einen Moment zum Leben. Fehler und Verzerrungen erzeugen dabei etwas Fragiles und Befremdliches.
Das Video wird auf einen Vorhang projiziert und ist Teil einer immersiven Rauminstallation. Anstatt auf dem bekannten Museumsboden gehen wir auf Kies. Das Knirschen der Schritte verbindet den Gang durch die Ausstellung symbolisch und klanglich mit Orten außerhalb des Museums, wie beispielsweise Friedhöfen, Parkanlagen oder Spazierwegen. So wird die Geschichte von Noubia Meyer bildhaft nach außen getragen. Skulpturale Arbeiten bilden weitere Ankerpunkte auf dem Kies und führen die im Film gezeigte Erinnerungsarbeit räumlich fort. Sie fungieren als Memento mori, als Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens. Ein überdimensionaler, von Karies befallener Zahn aus Aluminium verweist auf den erweiterten geopolitischen Kontext von Noubias Biografie und das Nachwirken der französischen Kolonialherrschaft in Algerien. Mit der französischen Kolonialisierung wurde die Ernährung in Algerien viel zuckerhaltiger. Die dadurch bedingten Karieserkrankungen konnten aber nur ungenügend behandelt werden. Mit dem Zahn schafft Bourouissa hierfür ein einprägsames Bild. In einer Serie von Lightboxes richtet Bourouissa schließlich den Fokus auf Freundinnen und Weggefährtinnen seiner Tante. Mittels KI verändert er ihre Porträts, um ihre Identität zu schützen und dennoch ihren Platz im kollektiven Bildgedächtnis einzufordern.
Es mag ein Zufall sein, dass einer der größten antikolonialen Denker unserer Zeit, Frantz Fanon, in Bourouissas Heimatstadt tätig war. Dieser Zufall verdeutlicht eine Grundgegebenheit von Bourouissas Arbeit: Er versteht das Persönliche und Intime immer als integralen Ausdruck größerer sozialer und politischer Zusammenhänge. Alle Werke in der Ausstellung basieren auf erlebten Erfahrungen – eigenen Erfahrungen des Künstlers oder von Menschen, die ihm nahestehen: Freund:innen und Bekannte in den Pariser Banlieues, Mitglieder der maghrebinischen Community in Gennevilliers, ein Langzeitpatient der psychiatrischen Klinik in Blida und Familienmitglieder. „Pour Noubia” ist eine Widmung an sie alle.
Mohamed Bourouissa
Pour Noubia
bis 6.9.2026