Mire Lee - Dysfunktionale Körper-Maschinen-Hybride

Mire Lees großformatige Installationen bestehen oft aus undichten Mechanismen und quasiorganischen Strukturen, die auszulaufen und zu verfallen scheinen. Absichtlich defekte motorisierte Elemente scheinen unter ihrer eigenen Funktionsweise zu ächzen und widersetzen sich somit der nahtlosen Effizienz, die man mit der Technologieästhetik der Gegenwart verbindet. Anstelle polierter Oberflächen und reibungsloser Leistung inszeniert die Künstlerin eine Welt der Widerspenstigkeit, der Reibungsverluste und der Abnutzung. Instabile Materialien, die an Flüssigkeiten, Ausscheidungen, Fleisch oder innere Organe erinnern, erscheinen in unheimlichen, fabrikähnlichen Szenarien.

In der Secession ist die Luft dick – die Atmosphäre fühlt sich stickig, heiß und ermattet an. Der sonst spiegelglatte Boden des Hauptraums weist Spuren einer zähflüssigen Substanz auf, die sich von einer schrägen Wand ausbreitet, herabfließt und zu dichten, verkrusteten Formationen erstarrt. Das Hindernis dient als Sichtschutz, hinter dem sich ein riesiger Betonmischer träge dreht. Von der Maschine geht ein dumpfes, ununterbrochenes Dröhnen aus, das wie ein monotoner Puls wirkt. Ihr aufgeschnittener Bauch wirkt wie eine Wunde, ihr inneres Skelett liegt bloß und zittert, ohne zur Ruhe zu kommen. Der Betonmischer wirkt weniger wie ein Werkzeug als wie ein Körper in Not, gefangen in einem Zustand zwanghafter Wiederholung.

Der kinetische Apparat schwankt zwischen Lebendigkeit und Kollaps. Seine groteske Präsenz ist zugleich abstoßend und verwundbar, ja sogar auf seltsame Weise tragisch. In seinem Inneren entfaltet sich ein entropischer Zyklus – ein mechanischer und doch instinktiver Stoffwechsel. PVC-Rohre durchziehen den Raum wie ein Gefäßsystem und pumpen Ton, Wasser und Holzspäne in endlosen Kreisläufen. Die Materialien werden in ein Becken ausgestoßen, nur um wieder angesaugt und erneut in Umlauf gebracht zu werden.

Mire Lees Skulpturen sind dysfunktionale Körper-Maschinen-Hybride, die in unablässigen Kreisläufen von Produktion und Entkräftung gefangen sind. In diesen Systemen beginnen sich Grenzen aufzulösen: zwischen Mensch und Maschine, Weichem und Hartem, Innen und Außen, Vergangenheit und Gegenwart sowie Vertrautem und Unheimlichem. Entstanden ist kein stabiler Gegensatz, sondern ein ständiges Abgleiten, ein Zustand fortwährender Verwandlung.

Mire Lee, 1988 in Seoul (Südkorea) geboren, lebt in Amsterdam (Niederlande) und Seoul.

Ihre Einzelausstellung wird gleichzeitig in der Secession und im Koreanischen Kulturzentrum Wien gezeigt. Die Ausstellung im Koreanischen Kulturzentrum mit dem Titel „Women I loved 내가 사랑한 여자들” umfasst eine Auswahl der Filmwerke der Künstlerin.

Mire Lee
The Heart of My Machine is Golden Lead
Kuratiert von Haris Giannouras
26.06.–30.08.2026