8. Januar 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Ein Mann wird nach seiner Entlassung aus einer psychiatrischen Anstalt in eine Verschwörung hineingezogen. – Die während der Bombardierung Englands durch die Nazis spielende Handlung mag unglaubwürdig sein, doch Fritz Langs an Hitchcock-Filme erinnernder Thriller besticht durch eine Atmosphäre der permanenten Unsicherheit und Bedrohung. Bei Koch Media ist "Ministerium der Angst" in der Reihe "Film noir Collection" auf DVD erschienen.

Von einer Pendeluhr fährt die Kamera zurück und öffnet den Blick auf ein Zimmer. Nach zwei Jahren langen Wartens wird hier Stephen Neale (Ray Milland) endlich aus einer psychiatrischen Anstalt in der englischen Provinz entlassen. Wieso er eingewiesen wurde, wird man erst spät erfahren. Spannung und ein Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung entwickelt Fritz Langs Verfilmung eines Romans von Graham Greene vor allem dadurch, dass der Zuschauer fast immer nur auf dem Wissensstand des Protagonisten ist – oder sogar weniger weiß als dieser.

Mit dem Zug will Neale nach London, nützt aber die Wartezeit noch für den Besuch einer Wohltätigkeitsveranstaltung, bei der er eine Torte gewinnt, hinter der aber bald auch andere her sind. Neale stellt Nachforschungen an, will herausfinden, was es mit der Torte auf sich hat, wird bald eines Mordes verdächtigt, wird verfolgt und bedroht, und nachts muss die Bevölkerung immer wieder in Luftschutzbunkern Zuflucht vor den Luftangriffen der Nazis suchen…

Der Unschuldige und Ahnungslose, der in ein Verbrechen gerät, ist ein klassisches Hitchcock-Motiv von "The 39 Steps" (1935) bis "North by Northwest" (1959). Auch von Nazi-Verschwörungen hat der "Master of Suspense" erzählt, wenn auch erst zwei Jahre nach Lang in "Notorious" (1946).

Nichts ist hier was und niemand wer er zu sein scheint. Niemandem ist hier zu trauen, nur scheinbar blind ist ein Mitreisender im Zug, ein vermeintlicher Verfolger entpuppt sich als Polizeibeamte - wird dadurch aber nicht weniger bedrohlich -, undurchsichtig bleiben ein Arzt und eine Wahrsagerin und auch hinter einem biederem Buchhändler und einem Schneider verbergen sich andere Personen.

Die alptraumhafte und hanebüchene Handlung könnte wie in "Das Cabinet des Dr. Caligari" auch ein Hirngespinst des soeben aus der Nervenheilanstalt entlassenen Protagonisten sein, an Langs "Dr Mabuse" knüpft eine Séance an und der aus der Anstalt Entlassene, der nun ein ruhiges Leben führen möchte, erinnert an Henry Fonda in Langs zweitem US-Film "You Only Life Once" (1937). Selbst mögliche Bezüge zum Leben des Meisterregisseurs deckt Thomas Willmann im 16-seitigen Booklet auf.

Lang selbst hielt nichts von seinem Film. Er interessierte sich zwar zunächst für Greenes Roman, wollte ihn nach genauerem Studium dann aber doch nicht verfilmen. Nur aufgrund eines Vertrags mit Paramount musste er dann doch die Regie übernehmen, hatte aber weder bei Drehbuch noch bei Kameramann und Ausstattung ein Mitspracherecht.

Doch mag die Handlung von "Ministerium der Angst" noch so unglaubwürdig, sprunghaft und voller Lücken sein, angeklebt die Liebesgeschichte wirken, die Lang auch noch einbaut, so evoziert er gerade durch die Krudheit in Verbindung mit starker Schwarzweiß-Fotografie und der subjektiven Erzählweise eindringlich ein Klima der Bedrohung und Verunsicherung, das durch den realen Hintergrund der deutschen Luftangriffe verstärkt wird.

An Extras bietet die bei Koch Media als 18. Titel in der Reihe Film Noir Collection erschienene DVD, die durch digitale Restaurierung bestechende Bildqualität bietet, außer dem Booklet leider nur den originalen englischen Trailer und eine Bildergalerie. An Sprachversionen verfügt die DVD über die englische Originalfassung sowie die deutsche Synchronfassung und englische Untertitel.

Trailer zu "Ministerium der Angst - Ministry of Fear"



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