Mimi Ọnụọha – Instabilität von Wissen

Was können wir in einem Zeitalter der Hypervisibilität eigentlich noch über uns selbst und unsere Geschichten wissen, wenn Algorithmen und gesellschaftliche Strukturen nicht nur bestimmen, was wahrgenommen wird, sondern auch, was in die Unsichtbarkeit oder Bedeutungslosigkeit abgedrängt wird?

In „Soft Zeros” erforscht Mimi Ọnụọha die Unzuverlässigkeit von Archiven und die Instabilität von Wissen. Sie untersucht, wie Abwesenheit und Schweigen, die von algorithmischer Voreingenommenheit, historischem Verdrängen und kollektivem Vergessen geprägt sind, bedeutsam werden. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was nicht gesammelt, erfragt, zugelassen oder dargestellt wurde. Einige Statistiker:innen verwenden den Begriff „Soft Zero“ für Werte, die als Nichts erscheinen, als Abwesenheit oder Inaktivität gelesen werden, ohne dass erwiesen wäre, dass es das, wofür sie stehen, tatsächlich nicht gibt. Ein Datensatz, der keinerlei Einträge zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufweist, belegt somit nicht, dass diese Gruppe abwesend ist, sondern lediglich, dass sie nicht erfasst wurde. Für Ọnụọha ist das „Soft Zero“ eine Metapher für Macht und Unsichtbarkeit in Datensystemen. Sie veranschaulicht, wie Leere selbst politisch hergestellt wird. Zudem generieren sprachbasierte Werkzeuge wie ChatGPT Wissen aus existierenden Datensätzen und reproduzieren so linguistische Vorprägungen und einseitige Kanons. Sie begünstigen englischsprachige, westliche und institutionelle Sichtweisen, während sie informelle, queere, dekoloniale und spekulative Perspektiven marginalisieren. Weil solche Systeme darauf trainiert sind, „hilfreich” zu sein, stützen sie den Status quo, anstatt ihn zu hinterfragen.

Ọnụọha hingegen versucht, neue Formen von Daten hervorzubringen, die das systematisch Ausgeschlossene sichtbar machen. Der dokufiktionale Film „Ground Truths“ (2025), der das Herz der Ausstellung bildet, zeichnet den Versuch der Künstlerin nach, ein maschinelles Lernmodell darin zu trainieren, potenziell in Texas befindliche Massengräber zu identifizieren. Was als technisches Experiment begann, entfaltet sich zu einer Reflexion über die Grenzen der kollektiven Erinnerung, über das, was wir dokumentieren, was wir uns ins Gedächtnis rufen und worüber wir Gras wachsen lassen.

Wie alle neu produzierten Arbeiten in „Soft Zeros“ reagiert „Ground Truths“ auf das Schweigen und Nichtwissenwollen, das die Geschichte der sogenannten „Sugar Land 95“ prägt. Ohne unmittelbar sichtbar zu sein, ist sie auf geradezu unheimliche Weise präsent. Mit „Sugar Land 95” sind die sterblichen Überreste von 95 schwarzen Menschen gemeint, die 2018 während der Bauarbeiten für eine neue Schule in Sugar Land, Texas, nicht weit von Ọnụọhas Elternhaus, entdeckt wurden. Sie waren im Rahmen des sogenannten Convict-Leasing-Systems zur Arbeit gezwungen worden, einer Art Leibeigenschaft, die nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei eingeführt wurde. In diesem System wurden Menschen – insbesondere, aber nicht nur Schwarze – aufgrund oftmals erfundener Anschuldigungen festgenommen und als billige Arbeitskräfte an Privatunternehmen verpachtet. Die Überreste gehörten zu Gefangenen, die auf der Imperial State Prison Farm arbeiteten und Zucker für die regionale Industrie produzierten – daher der Name „Sugar Land“.

Zu diesen Menschen existierten kaum offizielle Dokumente, da weder ihr Tod noch ihre Identitäten in den öffentlichen Archiven Spuren hinterlassen hatten. Ihre Auffindung wirft ein Schlaglicht darauf, wie institutionelle Systeme Auslöschung produzieren. Die Geschichte der „Sugar Land 95” offenbart die Kontinuität zwischen der Sklaverei und der heutigen Gefängnisindustrie. Der 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung legalisierte Zwangsarbeit und ermöglichte es den Bundesstaaten somit, Schwarze Menschen erneut zu versklaven und andere als „unerwünscht“ bezeichnete Gruppen mittels massenhafter Verhaftungen zu kriminalisieren. Dieses Erbe besteht in den USA auch heute noch fort: Die Inhaftierungsquote schwarzer Männer bleibt unverhältnismäßig hoch und in manchen Staaten des Südens betreiben Gefängnisse noch immer Einrichtungen auf ehemaligem Plantagenland. In „Soft Zeros” thematisiert Ọnụọha die „Sugar Land 95” stellvertretend für all die Gewalt und Unterdrückung, die durch vorsätzliches kollektives Vergessen zum Verschwinden gebracht werden kann – und erinnert so daran, dass das, was einmal begraben wurde, wieder zutage treten kann.

In „Everything You Bury Will Come Back Up Again“ (2025) zeigen zwei große Fotografien – eine an der Wand, eine auf dem Boden – Hände, die in der Erde wühlen. Es bleibt unklar, ob sie die erkennbaren Gegenstände vergraben oder ans Licht fördern: einen altmodischen Sack, in dem verarbeiteter Zucker verladen wurde, sowie zwei handgeschnitzte hölzerne Würfel aus dem 19. Jahrhundert. Dies sind die einzigen persönlichen Gegenstände, die bei der Ausgrabung gefunden wurden, und sie ermöglichen es den Sugar Land 95, nicht als Gefangene, sondern als Menschen zu sprechen. Die Arbeit ist von einem Absperrband umgeben, das mit Phrasen bedruckt ist, mit denen Menschen ihrer Mitschuld ausweichen. Diese Geste klingt auch im Titel der Arbeit „No One Told Me“ (2025) an – einer von mehreren Ausdrücken, die Leugnung an die Stelle von Verantwortung setzen. In „we don’t talk about that“ (2025) bezieht sich Ọnụọha mit einem kleinen, mit Kunstrasen überzogenen Hügel ironisch auf die größeren Strukturen, die gesellschaftliche und historische Unsichtbarkeit produzieren – als absurde Hommage an das, was man nicht sieht, obwohl es direkt vor der Nase liegt. Der Hügel lässt an die sorgfältig gepflegte Oberfläche vorstädtischer Wohnlandschaften denken, unter der Gewalt und Auslöschung buchstäblich begraben liegen.

Mit ihrer forschungsbasierten Praxis fragt Ọnụọha letztlich, welche Wissensformen uns in einem von Desinformation und Polarisierung geprägten Umfeld vorenthalten werden – und welche Rolle wir bei diesem Vergessen spielen. Sie schreibt: „Die Gegenwart aufzuarbeiten bedeutet, lesen zu lernen, was scheinbar nicht da ist.“

Mimi Ọnụọha wurde 1989 in Italien geboren und lebt in New York.

Mimi Ọnụọha
Soft Zeros
Bis 22. Februar 2026
Kuratiert von Jeanette Pacher
Galerie