3. März 2009 - 3:56 / Walter Gasperi / Filmriss
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Gus Van Sant zeichnet mit einem überragenden Sean Penn in der Titelrolle bewegend die letzten acht Lebensjahre von Harvey Milk nach, der sich entschieden für die Rechte der Homosexuellen einsetzte und 1977 als erster offen sich zu seiner Homosexualität Bekennender in den Stadtrat von San Francisco gewählt wurde.

Am Beginn stehen schwarzweiße Archivaufnahmen und dazwischen Sean Penn, der als Harvey Milk seine Biographie auf Tonband spricht. Vorgegeben ist damit einerseits der rückblickende Charakter, der durch die sich gleich anschließend eingeblendete TV-Meldung von der Ermordung Milks und des Bürgermeisters von San Francisco noch verstärkt wird, andererseits aber auch die formale Struktur. Denn nicht nur am Beginn, sondern durchgängig mischt Van Sant in die inszenierten Szenen Archivmaterial, durch die er die 70er Jahre förmlich zum Leben erweckt und weit über ein Biopic hinaus ein packendes Zeitbild zeichnet.

Das Leben, das hier fiktionalisiert geschildert wird, war schon einmal Thema eines Films. Nur sechs Jahre nach Harvey Milks Ermordung schuf Rob Epstein mit "The Times of Harvey Milk" (1984) einen Dokumentarfilm, der nicht nur mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, sondern auch ein zentraler Film in der Geschichte des Queer Cinema ist. Homosexualität war in der ersten Hälfte der 80er Jahre im Kino noch kaum ein Thema, und schon gar nicht im Mainstreamkino. Dass dies sich in den letzten 27 Jahren geändert hat, ist zunächst vor allem unabhängigen Filmemachern wie Gus Van Sant zu verdanken, der schon in seinen frühen Filmen "Mala Noche" und "My Own Private Idaho" homosexuelle Figuren in den Mittelpunkt stellte. Im Hollywoodkino fand das Thema nur zögerlich und viel beachtet dann erst vor wenigen Jahren mit Todd Haynes "Far from Heaven" und Ang Lees "Schwulen-Western" "Brokeback Mountain" Eingang.

Van Sant nun entfernt sich mit "Milk" von seinen letzten ästhetisch avancierten Meisterwerken wie "Elephant", "Last Days" oder "Paranoid Park" wieder weit. Konventionell erzählt und - weil es hier in erster Linie um Inhalt und Anliegen und nicht um ein filmisches Experiment für eine kleine Cineastenclique geht - sichtlich auf ein großes Publikum abzielend, finden sich gleichwohl auch hier für das Werk des 1952 in Kentucky geborenen Regisseurs typische Motive. Denn wie in seiner Trilogie vom Tod hübscher junger Männer“ ("Gerry", "Elephant", "Last Days") spielt auch hier der Tod eine zentrale Rolle.

Indem Van Sant die Ermordung des charismatischen homosexuellen Aktivisten und Politikers an den Beginn stellt, wird der ganze Film gewissermaßen zu einer Chronik eines angekündigten Todes. Von Biopics klassischer Machart unterscheidet sich Van Sants Film einerseits dadurch, dass er sich konsequent auf die letzten acht Lebensjahre der Titelfigur beschränkt und erst am Vorabend seines 40. Geburtstags einsetzt und andererseits, dass nicht Lebensstationen anekdotisch abgehakt werden, sondern vielmehr ein Zeitbild gezeichnet und ein übertragbares Beispiel engagierten Handelns und Einstehens für eine Überzeugung vorgeführt wird.

Das Private lässt Van Sant zwar nicht außen vor, rückt aber eindeutig das Politische in den Mittelpunkt. Am Beginn steht so zwar die mit einem kurzen Gespräch und einem für einen Mainstreamfilm geradezu unverschämten Kuss zweier Männer beginnende Liebe zwischen Milk und Scott Smith, doch schon mit der Übersiedlung von New York nach San Francisco und der Übernahme eines Fotoladens in der Castro Street rückt das bürgerrechtliche Engagement in den Mittelpunkt. Während die ersten politischen Anläufe Milks relativ schnell durchlaufen werden, nimmt sein letztes Lebensjahr, in dem er Stadtrat von San Francisco war, die ganze zweite Hälfte des gut zweistündigen Films ein.

Als durch und durch amerikanisch erweist sich "Milk" dabei im Glauben Milks an die amerikanische Demokratie und die Möglichkeit einer Veränderung. Nicht nur wenn er zu einem jungen Schwulen aus Arizona sagt "We can change Phoenix" klingt das wie ein Film zur Obama-Wahl, sondern auch im Pochen auf die Durchsetzung der Bürger- und Menschenrechte. Bedauerlich aktuell erweist sich "Milk" dabei besonders im Kampf des leidenschaftlichen Politikers gegen die von ultrakonservativen Christen eingebrachte "Proposition 6", die die Entlassung homosexueller Lehrer erlauben sollte, verwarfen doch im November 2008 die Kalifornier in der "Proposition 8" die kurz zuvor erlaubte gleichgeschlechtliche Ehe wieder – ein Fall, der nun den Obersten Gerichtshof beschäftigt.

Trotz aller Sympathie für Milk und seine Sache lässt Van Sant nie Pathos aufkommen, inszeniert vielmehr sachlich und zurückhaltend und verzichtet auf alle filmischen Mätzchen. So genau er die Zeit und die damaligen Ereignisse dabei aber auch rekonstruieren mag, so sehr weitet sich "Milk" über das Engagement für die Gleichberechtigung der Homosexuellen hinaus auch zu einem universellen Plädoyer gegen Diskriminierung.

Getragen wird so ein Biopic immer zu einem guten Teil von seinem Hauptdarsteller. Und Sean Penn leistet als Milk fraglos Großartiges. Im Gegensatz zu vielen anderen SchauspielerInnen, die solche Rollen zu einer One-Man-Show nutzen und ihre schauspielerischen Qualitäten richtiggehend vorführen, ordnet sich Penn ganz der Rolle unter und geht in ihr auf. Nicht nur physiognomisch ist er nach einer Nasenverlängerung dem realen Milk täuschend ähnlich – dies sieht man schön in den eingeschnittenen Archivbildern –, sondern auch in jeder Geste nimmt man ihm den Homosexuellen ab.

Und trotz Milks Ermordung steht am Ende die Hoffnung, die ihm Kraft für sein ganzes Engagement gab. Nicht mit dem Trauermarsch, zu dem sich 30.000 einfanden, schließt der Film nämlich, sondern Van Sant schlägt nochmals den Bogen zum Anfang, zu Milks 40. Geburtstag, dem Beginn einer neuen Liebe, dem sich nun als prophetisch erweisenden Satz "Ich bin 40 und habe noch nichts getan, 50 werde ich nicht werden", auf den noch ein – auch das erinnert an die Philosophie und Politik Obamas - Bekenntnis zur Hoffnung, ohne die kein Leben lebenswert sei, folgt.

Trailer zu "Milk"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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