Der Kunstraum Dornbirn präsentiert mit „Hyle” die erste institutionelle Einzelausstellung von Michail Pirgelis in Österreich. Der 1976 in Essen geborene, in Griechenland aufgewachsene und in Köln lebende Künstler hat für die historische Montagehalle eine raumgreifende Installation entwickelt: Erstmalig werden monumentale Werke aus den Jahren 2012 bis 2026 präsentiert, die Bezug auf die besonderen räumlichen Bedingungen des Ortes nehmen. Dies kann zugleich als Statement zum Skulpturbegriff gelesen werden. „Hyle” stellt die Frage nach dem Wesen der Skulptur ins Zentrum – nach Material, Form und dem Prozess ihrer Verschmelzung.
Hyle (ὕλη) – das griechische Wort für Materie und Rohstoff – bezeichnet die noch ungestaltete, formlose Masse. Bei Aristoteles entfaltet der Begriff seine philosophische Tiefe: Hyle ist stets in Relation zu Morphe (μορφή) gedacht – Gestalt, Form, Erscheinung. Materie und Form bedingen einander, keine existiert ohne die andere. Erst in diesem Verhältnis wird Hyle zum Prinzip der Formwerdung, zum Potenzial, das auf Gestaltung wartet. Für Pirgelis ist dies kein abstraktes Konstrukt, sondern eine präzise Beschreibung seiner eigenen Praxis und ihres konzeptuellen Kerns.
Seit mehr als zwanzig Jahren entnimmt der Künstler Material aus ausrangierten Passagierflugzeugen, wie Fensterreihen, Außenwände oder Bodenplatten. Er wählt diese überwiegend auf Flugzeugfriedhöfen in der Mojave-Wüste Kaliforniens aus und bearbeitet sie in seinem Kölner Atelier weiter. Jedes Werk beginnt mit dem Readymade-Gestus – ein industriell gefertigtes, authentisches Teil wird in den Kunstkontext überführt –, überschreitet diesen im Produktionsprozess jedoch entscheidend. Durch Abtragen, Schleifen, Polieren und gezielte Fragmentierung wird das Material so weit von seiner ursprünglichen Funktion entfernt, dass seine Lesbarkeit als Gebrauchsobjekt nur noch eine marginale Rolle spielt. Was entsteht, ist eine Abstraktion, die nicht konstruiert, sondern freigelegt wird.
In dieser materialbasierten Praxis schreiben sich vielschichtige kunsthistorische Referenzen ein. Die Skulpturen reaktivieren neben den Mechanismen des Readymade auch Konventionen des Minimalismus und des Postminimalismus – und hinterfragen sie zugleich. In Material und Form verweisen sie auf minimalistische Skulpturen. Doch während minimalistische Skulpturen auf Kontrolle, Homogenität und die Tilgung jeder Handschrift abzielen, arbeitet Pirgelis gegen diesen Impuls. Die Oberflächen bleiben bewusst unvollkommen, Kratzer erzeugen grafische Elemente und verbliebene Farbspuren lassen gestische Qualitäten aufscheinen – Spuren eines abstrakten Expressionismus, der hier nicht Ausdruck von Subjektivität, sondern von Gebrauch und Zeit ist. Das Material steht an der Schwelle zwischen Objekt und Nicht-Objekt: Es ist in seiner Materialität vertraut, in seiner Bedeutung jedoch fremd und in seiner Form nicht mehr benennbar.
Eine eigene Dimension erschließt sich über die Titelgebung. „China Girl”, „No Dancing in the Aisles”, „Never Ending Story (I, II und III)”, „Desert Star”, „LOST” oder „Motor Guide” – die Namen der Werke zitieren Popkultur, Gebrauchssprache und kollektives Bildgedächtnis, bisweilen mit einem ironischen Unterton. So wird die „Unendliche Geschichte” beispielsweise dreifach fragmentiert. „China Girl” war zunächst ein Song, den David Bowie 1983 weltberühmt machte. Zugleich war es der Beiname eines Virgin-Atlantic-Airbus, der eines Tages auf einem Flugzeugfriedhof landete. Material und Titel berühren sich, ohne einander zu erklären – eine Schicht, die sich nur dem erschließt, der sie sucht. Die Titel fixieren die Bedeutung nicht, sondern halten sie in der Schwebe.
Die in Dornbirn ausgestellten Arbeiten machen diese Vielschichtigkeit formal sichtbar. Ein Motiv zieht sich durch die Ausstellung: die runde, halbrunde, gewölbte Form – Variationen eines Querschnitts, den das Flugzeug vorgibt und den Pirgelis in unterschiedliche formale Register überführt. „Echo“ (2022, 308 × 490 × 290 cm) und „Univrs“ (2012/2018, 305 × 556 × 62 cm) sind monumentale Bögen: „Echo“ besetzt den Raum als dreidimensionales Volumen, das Innen und Außen definiert, während „Univrs“ die Form in die Horizontale dehnt – eine ausgreifende Geste des Überspannens. „Memory Games“ (2017, 414 × 395 × 120 cm) und „Lost“ (2022, 338 × 338 × 80 cm) setzen dem auf unterschiedliche Weise die Geschlossenheit der Rundform entgegen: keine Öffnung, kein Durchgang – die Form kehrt in sich zurück. Den großformatigen, horizontal ausgerichteten Arbeiten wie „Desert Star I und II“ (beide 2022) kommt eine komplementäre Rolle zu. Sie setzen der runden Bewegung die Ruhe gleichformatiger Paneele entgegen – eine serielle Logik, die auf monochrome Bildfelder verweist.
Die Positionierung der Skulpturen in der Montagehalle macht diese Vielschichtigkeit räumlich erfahrbar und verbindet die Materialgeschichte der Werke mit der Industriegeschichte des Hauses. Beide Werke erzählen von Nutzung, Abnutzung und Transformation. Doch „hyle” meint mehr als Rohstoff – es meint Potenzial, den Zustand des Noch-nicht-Entschiedenen. Pirgelis’ Skulpturen verlassen diesen Zustand nie vollständig. Sie sind geformt, aber nicht abgeschlossen; lesbar, aber nicht benennbar. „Hyle” als Ausstellungstitel ist daher kein Rückblick auf das Ausgangsmaterial, sondern eine Zustandsbeschreibung, die bis in die Rezeption reicht – das Werk bleibt in Bewegung, solange es betrachtet wird.
Michail Pirgelis: HYLE
3. Juli – 8. November 2026
Eröffnung: Donnerstag, 2. Juli 2026, 19 Uhr