5. Juli 2020 - 4:33 / Ausstellung / Fotografie 
1. Juli 2020 18. Oktober 2020

Mit dieser Ausstellung präsentiert die Landesgalerie Niederösterreich bereits fünfte Personale eines zeitgenössischen Künstlers seit dem Grand Opening im Mai 2019. Die Foto- und Filmarbeiten von Michael Goldgruber umkreisen den Menschen und seinen Blick auf die Natur sowie seinen Gang in die Landschaft.

Als Wanderer und Bergsteiger, als Forscher und Künstler untersucht Goldgruber, wie sich der Mensch einen Kulturraum schafft. Für die Personale in der Landesgalerie Niederösterreich hat sich der Fotograf und Videokünstler eingehend mit der niederösterreichischen Natur- und Kulturlandschaft auseinandergesetzt. Ein viele Monate andauernder Annäherungsprozess mit Erkundungsausflügen, Recherchen und schließlich zahlreichen neuen Arbeiten.

"Wenn ich unterwegs bin, überlege ich mir gar nicht mehr, wie das mit dem Schönheitsbegriff funktioniert. Sondern ich überlege eigentlich nur, was ich noch zeigen kann. Die Fotografie einer Landschaft ist immer auch eine politische und gesellschaftliche Zustandsbeschreibung, eingebunden in einen historischen Kontext", so Michael Goldgruber. "Es gibt kein sinnentleertes Bild von Natur." Der Foto- und Videokünstler vermeidet eine klischeehafte romantische Landschaftsdarstellung. "Postkartenidylle und beschauliche Naturstimmungen sucht man in seiner Kunst vergebens", bestätigt Günther Oberhollenzer, der die Personale kuratiert hat. Der Blick des Künstlers ist nicht der des Umweltaktivisten oder Gesellschaftskritikers, der Umweltsünden, Medialisierung oder wirtschaftliche Nutzung von Natur mit erhobenem Zeigefinger anprangert. Es ist aber auch nicht der kritiklose, naive Blick eines unbedarften Wanderers, sondern vielmehr der geschärfte Blick eines leidenschaftlichen Naturmenschen und Beobachters. "Goldgruber möchte uns sensibilisieren, darüber nachzudenken, wie Bilder von Naturräumen funktionieren, welche historische und politische Funktion sie erfüllen und wie sehr der Begriff Wildnis ein kulturelles Konstrukt sein mag", so Oberhollenzer.

Goldgruber faszinieren die "Restmodule" so genannter Wildnis, wie sie es in Niederösterreich noch gibt, insbesondere aber auch die Übergansgebiete von der Wildnis zur Kulturlandschaft. Jenseits eines touristischen Blicks umkreist er am Beispiel des Raxmassivs, der Ybbsitzer Alpen mit dem Ötschergebiet, des Schneebergs, der Wachau, des Waldviertels, der Buckligen Welt oder auch des Wechselgebiets das Spannungsfeld von Begriffen wie Ursprünglichkeit, Urtümlichkeit und Urlandschaft, die leicht zum Klischee verkommen. Er dokumentiert die unscheinbaren Randzonen als ausschnitthafte Fragmente, zeigt die Übergangsgebiete wie beiläufig festgehalten und doch präzise komponiert. So entstehen Fotografien und Filme von hohem visuellem Reiz, die sich aber nicht anbiedern oder kritisch belehren wollen. Sie erzählen von Inbesitznahme und Verlust, Konstrukt und Relikt, scheinbarer Ursprünglichkeit und kultureller Aneignung.

Was ist eine Wildnis? Wie sieht diese aus? Ist sie nicht nur ein Konstrukt von uns Menschen? In diesem Kontext interessiert den Goldgruber auch der Wolf als Modell des wilden Tieres, der in Mitteleuropa wieder heimisch wird. Ihm ist es egal, ob sein Lebensraum ein vom Menschen definierter Naturpark oder eine Kulturlandschaft ist. Er geht dorthin, wo er gute Lebensbedingungen vorfindet. Der Künstler zeigt den Wolf in seinen Fotografien fast wie in einem Suchbild, er ist nur versteckt hinter Bäumen oder als unscharfer Fleck sichtbar. In einer Filmarbeit lässt Goldgruber den Wolfsexperten Kurt Kotrschal zu Wort kommen und ihn über die Kulturgeschichte des Wolfes und die aktuellen Herausforderungen im Zusammenleben von Mensch und Wolf erzählen.

Konzentrierte fotografische Ausschnitte zeigen unscheinbare Randzonen und abstrahierte landschaftliche Strukturen ohne eine klare Verortung. Ein großes Panorama greift wieder das Postkartenidyll auf, um durch das Fragmentieren in mehrere Hundert Einzelbilder mit Auslassungen und Überlappungen die Konstruiertheit von Landschaftspanoramen zu entlarven. Begleitet wird die Arbeit durch einen poetischen Text von Bodo Hell, dessen literarischer Blick auf die Landschaft jenen des Fotografen Goldgruber spiegelt.

Goldgruber, der seinen Lebensmittelpunkt zwischen der Großstadt (Wien), den Alpen (im steirischen Etmissl) und dem Meer (Istrien) teilt, ist seit den 1980er-Jahren mit Einzel- und Gruppenausstellungen in Wien, Berlin, Zürich, Brüssel, Paris, New York, Mexico City, Shanghai, Moskau, Sarajevo, Belgrad oder Athen auf dem internationalen Parkett vertreten.

Michael Goldgruber "Traum.Land"
1. Juli bis 18. Oktober 2020
Kurator: Günther Oberhollenzer

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  1. Juli 2020 18. Oktober 2020 /
(c) Michael Goldgruber
(c) Michael Goldgruber
Michael Goldgruber, Modulation, 2019 Fotografie Fineart-Pigmentprint © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
Michael Goldgruber, Modulation, 2019 Fotografie Fineart-Pigmentprint © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
Michael Goldgruber, Restmodul, 2019 Dyptichon, Fotografie Fineart-Pigmentprint © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
Michael Goldgruber, Restmodul, 2019 Dyptichon, Fotografie Fineart-Pigmentprint © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
Michael Goldgruber, Traum.Land, 2019 2-Kanal-Videoinstallation © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
Michael Goldgruber, Traum.Land, 2019 2-Kanal-Videoinstallation © Michael Goldgruber / Bildrecht, Wien, 2019
(c) Michael Goldgruber
(c) Michael Goldgruber
(c) Michael Goldgruber
(c) Michael Goldgruber
Michael Goldgruber, Selbstportrait (c) Bildrecht Wien, 2020
Michael Goldgruber, Selbstportrait (c) Bildrecht Wien, 2020