22. Februar 2020 - 8:33 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
21. Februar 2020 6. September 2020

Michael E. Smith produziert Skulpturen, Installationen, Objekt-Collagen und Videos; er setzt zum Teil interaktive Klanginstallationen ein und versteht den jeweiligen Ausstellungsraum als aktiven Dialogpartner bei der Entstehung der Ausstellung. Seine Installationen eröffnen einen Erfahrungsraum, der weit mehr als nur unseren Sehsinn anspricht. Er bezieht immaterielle Komponenten wie Licht, Geräusche und gewohnheitsmäßige Abläufe ein und zielt auf die Schärfung der Wahrnehmung insgesamt.

Die Entwicklung neuer Arbeiten und Ausstellungen beginnt für gewöhnlich im Atelier, wo der Künstler zunächst "Materialskizzen" erstellt: Lose Arrangements, in denen er die Gegenstände hinsichtlich ihres Potentials als Bedeutungsträger testet. Erst während er die Werke im jeweiligen Ausstellungskontext installiert, finalisiert er sie, und viele Arbeiten nehmen überhaupt erst in dieser Phase konkrete Form an oder entstehen spontan. Seine Ausstellungen zeichnen sich durch den sparsamen Einsatz der Mittel und das Wissen um die Ausdruckskraft formaler Beziehungen aus. Mit gezielt platzierten Werken baut er einen Spannungsbogen zwischen den Objekten, ihrem Umgebungsraum und seinen mitunter auch immateriellen Interventionen auf. Die Konzentration auf wenige Objekte im Raum erzeugt den Eindruck von Weite und Leere, die – als Metaphern für die Einsamkeit und das Ausgesetzsein des Menschen überhaupt – den einzelnen Werken größere Bedeutung verleihen und zugleich integraler Teil der Arbeiten werden.

Smiths Umgang mit der gegebenen Architektur, dem Raum, in dem die Werke sich entfalten, verdient besondere Beachtung. Die Werke sind wie Spuren: Sie verweisen auf die Präsenz eines bestimmten Menschen an einem bestimmten Ort, wodurch eine Ausstellung zu einem phänomenologischen Ereignis – und einzigartig – wird. Mittels einfacher Eingriffe wie der Veränderung der üblichen Lichtverhältnisse durch Dimmen oder Entfernen von Lampen erzeugt der Künstler minimale Störungen im System des Gewohnten. Subtile Interventionen, etwa das Entfernen von Türgriffen etwa, verändern Abläufe, Wege, Funktionen und führen zur Sensibilisierung sowohl der BesucherInnen als auch der vor Ort arbeitenden Menschen. Mitunter zeigt er Objekte in Bereichen, die nicht öffentlich zugänglich sind und den Ausstellungsraum so zumindest gedanklich aufbrechen sowie Fragen nach Öffentlichkeit (Publikum) ebenso aufwerfen wie nach den Grenzen der Kunst und ihrer Institutionen.

Die Skulpturen und Objekt-Collagen sind meist aus wenigen Elementen zusammengesetzt oder stehen manchmal überhaupt wie Ready-Mades für sich. Smith arbeitet mit vorgefundenen, gebrauchten, ausrangierten und teilweise kaputten Gegenständen des Alltagslebens wie beispielsweise Möbeln, Kleidungsstücken und Elektronikartikeln. Häufig kombiniert er diese Elemente mit organischen Versatzstücken, in erster Linie präparierten Tieren beziehungsweise Tierteilen und Knochen, auch menschlichen Ursprungs. Generell steht der menschliche Körper beziehungsweise seine Abwesenheit im Zentrum der Arbeiten. Präsenz und Absenz, Bewegung und Stillstand, Schwere und Leichtigkeit wechseln sich ab, ergänzen oder überlagern sich.

In seinen skurrilen und bisweilen schockierenden Assemblagen erzeugt Smith zunächst einen düsteren, fast tragischen Grundton. Allerdings sind die Arbeiten voller Nuancen, die auch anderen Tönen Raum zugestehen. Kunst selbst ist eine komplexe Sprache: jedes Ding, jede Handlung, jeder Ort ist bereits mit Geschichten und Bedeutung aufgeladen. Das vom Künstler aufgeschlagene Beziehungsdreieck Mensch-Objekt-Natur wird von ihm auf sehr spezifische Weise beschrieben und in seiner Komplexität und Rätselhaftigkeit anerkannt. Smith ist dabei ein scharfsinniger Humor zu eigen, der sich in ästhetischer Sensibilität und formalem Witz niederschlägt, etwa wenn er einen Plastiksessel mit dem Schädelknochen einer Meeresschildkröte verbindet, deren Formen frappierend ähnlich sind. Sein Ziel ist die Konzentration auf das Wesentliche, und seine Strategie ist Reduktion und größtmögliche Fokussierung.

Smiths künstlerische Arbeit löst mitunter Assoziationen zu Umweltzerstörung und dem Verschwinden von Lebensräumen – von Menschen und Tieren – aus. Sie verweist auf politische und soziale Erfahrungen, ökologische Krisen, kapitalistisches Konsumverhalten und Ressourcenverschwendung sowie auf Gewalt, Tod und soziale Ungerechtigkeit. Prägend ist bis heute seine Herkunft aus Detroit, einer Stadt, die prototypisch für den Niedergang der US-amerikanischen Industrie und der Arbeiterschicht ist, in der aber gleichzeitig seit jeher eine vielfältige Musik- und Alternativkulturszene blüht.

Für seine Ausstellung in der Secession, die das Grafische Kabinett im Obergeschoss und die Galerie im ersten Untergeschoss umfasst, entwickelt Smith neue Arbeiten, die an Ort und Stelle produziert beziehungsweise arrangiert, assembliert und installiert werden. An dieser Stelle können daher noch keine Aussagen über einzelne Werke oder gar die Ausstellung als Gesamtheit getroffen werden. Bekannt sind lediglich Materialien, die im Vorfeld auf Wunsch des Künstlers besorgt wurden oder die er mitbringt. Dazu zählen eine größere Anzahl gebrauchter Turbolüfter, die bei der Trockenlegung von Räumen und Gebäuden durch Luftzirkulation die Leistungsfähigkeit der Trocknungsgeräte erhöhen, Gesteinsbrocken aus dem Steinbruch, ein menschlicher Schädelknochen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, Kaninchenfelle, ein gebrauchter Couchsessel, leere Gitarrenkoffer und getrocknete Kürbisse.

Vielleicht lässt sich die Erfahrung von Smiths Arbeiten und Ausstellungen mit der in Brechts epischem Theater vergleichen. Darin ging es gerade nicht um die Katharsis durch die Kunst, Theater sollte eben nicht zu einer reinigenden und erlösenden Erfahrung führen, sondern die ZuschauerInnen aufrütteln, zu eigenständigem Denken führen und im echten Leben zum Handeln bewegen.

Michael E. Smith, geboren 1977 in Detroit, lebt in Providence, Rhode Island, USA.

Michael E. Smith
21. Februar bis 6. September 2020
Wiener Secession
Galerie, Grafisches Kabinett
Kuratorinnen: Jeanette Pacher, Bettina Spörr

Wiener Secession
Friedrichstraße 12
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 5875307-10
W: http://www.secession.at/

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  •  21. Februar 2020 6. September 2020 /
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger
Ausstellungsansicht Secession 2020, Foto: Oliver Ottenschläger