22. April 2008 - 4:29 / Walter Gasperi / Filmriss
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George Clooney gerät als Anwalt in Tony Gilroys packendem Thriller zwischen die Fronten, als er hinter die Machenschaften eines Konzerns kommt, der von Clooneys Kanzlei in einer Schadenersatzklage vertreten wird.

Wenn dieser Thriller beginnt, ist man schon mitten drin im Geschehen: Aus dem Off kommentiert eine Stimme zu kühlen Bildern von blanken Fassaden und Räumen eines New Yorker Bürogebäudes, dass die Anwälte nur als Ausputzer benutzt werden, um den Dreck von Konzernen zu entfernen. Parallel dazu sitzt Tilda Swinton als Leiterin der Rechtsabteilung des Konzerns U/North schweissgebadet auf einer Toilette. Und auf einer dritten Ebene verabschiedet sich George Clooney als Anwalt Michael Clayton von einer Pokerpartie, nimmt per Handy einen Auftrag entgegen und fährt aufs Land. Auf der Rückfahrt bleibt er im Morgengrauen an einer Wiese stehen, geht in Richtung von drei Pferden, als plötzlich sein Wagen explodiert.

Grundgelegt sind in dieser knappen Exposition die drei Erzählstränge, die durch den ganzen Film konsequent miteinander verzahnt wird. Angedeutet wird aber auch schon die latente Spielsucht Michael Claytons, die immer wieder angesprochen wird, ebenso wie seine innere Krise, sein Ausgebranntsein und seine Sehnsucht nach Ausbruch aus dem System und Neustart.

Geschickt ist diese Exposition auch, weil sie im Zuschauer das Interesse weckt zu erfahren, wie es zu diesem Anschlag kommen konnte. Denn dieser Moment wird der einzig explosive bleiben. "Michael Clayton" kommt ganz ohne Action und Gewalt aus, lebt dafür von einer konventionell ganz im Stil des amerikanischen Thrillers der 1970er Jahre ("Three Days of the Condor", "The Conversation", "The Parallex View") erzählten, aber starken Geschichte und von exzellenten Darstellern. Da gibt es keine Spielerei und keine Gimmicks. Ernsthaftigkeit und kühle Sachlichkeit kennzeichnen von Beginn an den Erzählton.

Wie Clayton lässt Gilroy den Zuschauer dabei lange im Ungewissen über die Zusammenhänge. Langsam und sukzessive werden dann aber durch die stringente, auf alle Schnörkel und Nebengeschichten verzichtende Inszenierung und die souveräne Verknüpfung der drei Parteien (Clayton – Kanzlei – U/North) die Hintergründe und Konfliktfelder klar sichtbar.

Zunächst einmal soll Clayton, der seit 15 Jahren für die Kanzlei – natürlich immer im edlen Anzug - als "Aufräumer von Problemen" fungiert, sich um einen psychisch labilen Mitarbeiter und Freund (Tom Wilkinson), dem bei der Behandlung der von kleinen Farmern eingebrachten Schadenersatzklage gegen U/North offensichtlich endgültig die Nerven durchgingen, kümmern. Ganz klar ist ihm zwar nicht, ob dieser Freund nun wirklich übergeschnappt ist oder nicht, aber zunehmend kommen bei Clayton doch Zweifel auf, ob denn die Kanzlei in diesem Fall auf der richtigen Seite steht.

Für seinen von Sydney Pollack gespielten Chef (die Rolle erinnert an Pollacks Auftritt in Kubricks "Eyes Wide Shut") ist die Frage von richtig und falsch völlig unwichtig, denn hier geht’s um viel Geld und damit um die Existenz der Kanzlei. Und auch der von der dafür mit einem Oscar ausgezeichneten Tilda Swinton als Leiterin der Rechtsabteilung von U/North geht es nicht um Rechtmäßigkeit, sondern einzig um die Interessen der Firma. Eindringlich vermittelt Swinton den psychischen Druck, unter dem sie steht, lässt aber auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie Leute nicht nur überwachen und ihre Telefone abhören, sondern – wenn nötig - auch ohne mit der Wimper zu zucken ausschalten lässt.

Ganz anders wird man die Szene vom Anfang sehen – und teils auch aus anderer Perspektive – wenn der Film nach rund eineinhalb Stunden zu ihr zurückkehrt. Nicht weniger spannend wird sie bei diesem zweiten Mal sein, sondern durch die Kenntnis der Zusammenhänge, aber auch gerade durch das Wissen, wie sie verlaufen muss, spannender: Löste die Explosion am Beginn einen Schock aus, so arbeitet Gilroy hier mit geschickt aufgebautem und langsam sich steigerndem Thrill.

Längst sind die Grenzen von Gut und Böse im Kino nicht mehr so klar gezogen wie früher. Der Chef der Rechtsanwaltskanzlei ist ebenso nur ein Rädchen im Getriebe wie die Leiterin der Rechtsabteilung von U/North. Alle stehen sie unter Druck. Und auch Clayton hat keine "weiße Weste", auch wenn angesichts der Besetzung mit George Clooney, der diesen ausgebrannten Anwalt jenseits allen Glamours und "Nespresso"-Charmes eindringlich spielt, von Anfang an ziemlich sicher ist, dass er letztlich die moralisch richtige Entscheidung treffen wird.

Die Unsicherheit, die "Michael Clayton" über 120 Minuten aufbaut, wird freilich auch mit dem Ende nicht aufgelöst: Wenn einer da mit heiler Haut davon kommt, kann man das bei weitem noch nicht als Happy End bezeichnen, denn höchst ungewiss bleibt, wie es mit ihm weitergehen wird und ob es für ihn überhaupt weitergehen kann.

Läuft am Mittwoch, den 25.6. um 20 Uhr sowie am Samstag, den 28.6. und Sonntag, den 29.6. jeweils um 17 Uhr im Kino Kiwi in Werdenberg/Buchs (engl. O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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