Miao Ying – Hundeerziehung und KI-Training

Die chinesische Künstlerin Miao Ying präsentiert in ihrer ersten Personale in Europa eine ungewöhnliche Analogie zwischen künstlicher Intelligenz und der Tierwelt. Wie kaum eine technische Neuerung zuvor wird KI unsere Gesellschaft grundlegend verändern. Miao Ying setzt dem kollektiven, ungläubigen Staunen eine bemerkenswerte künstlerische Leistung entgegen. Sie zeigt die technischen Bedingungen von künstlicher Intelligenz auf und thematisiert dabei auch den menschlichen Wunsch, diese neue Technologie zu kontrollieren.

Nach künstlerischen Ausbildungen in China und den USA entwickelt Miao Ying ein kritisches, oft ironisches Werk an der Schnittstelle von Technologie, Ideologie und digitalen Bildwelten. Ihre Installationen, Videos und Gemälde thematisieren die Mechanismen digitaler Überwachung, staatlicher Kontrolle und medialer Manipulation. Der an Hundebefehle angelehnte Titel ihrer Einzelausstellung „Come, Sit, Stay” im Belvedere 21 in Wien verweist auf Miao Yings bewusste Gegenüberstellung von Hundeerziehung und KI-Training durch den Menschen. Klar definierte Befehle steuern gleichermaßen Lernen und Kontrolle – sowohl bei Hunden als auch bei KI.

In ihren jüngsten Arbeiten setzt Miao Ying KI-generierte digitale Bilder ein, die sie mithilfe generativer neuronaler Netzwerke unter festgelegten Parametern erzeugt und anschließend in analoge, malerische Formate überführt. So verschränkt sie digitale Technologien mit klassischer Bildproduktion und hinterfragt dabei unsere Wahrnehmung von Realität und Kontrolle. Durch die Übersetzung vom Digitalen ins Physische erhalten die oft abstrakten Vorgänge der Datenverarbeitung eine konkrete Form und ihre Ästhetik wird sinnlich erfahrbar. Gleichzeitig greift die Künstlerin auf kulturelle Metaphern zurück, deren Ursprünge lange vor der Entwicklung moderner Computertechnologien liegen. Anspielungen auf mittelalterliche Vorstellungen von Magie, Alchemie und Beschwörung verweisen darauf, dass technische Innovationen stets von Projektionen, irrationalen Ängsten und Hoffnungen begleitet sind. Indem Miao Ying diese historischen Bildwelten mit den neuesten Fortschritten der künstlichen Intelligenz verbindet, entsteht ein kritischer und humorvoller Blick auf eine Technologie, deren gesellschaftliche Auswirkungen erst allmählich sichtbar werden.

Miao Ying (geboren 1985 in Shanghai) gehört zu jener Generation chinesischer Künstler:innen, deren Sozialisation maßgeblich durch das Aufkommen des Internets, die Ein-Kind-Politik sowie die zunehmende digitale Zensur geprägt ist. Als Digital Native erlebt sie die schrittweise Transformation eines zunächst offenen Internets hin zu einem durch die sogenannte „Great Firewall” regulierten System unmittelbar mit. Ihre Ausbildung als interdisziplinäre Künstlerin beginnt klassisch: Um an einer Kunstakademie aufgenommen zu werden, wird sie professionell in Zeichnung und Malerei geschult. 2007 schloss sie ihr Studium mit Schwerpunkt New Media Art an der China National Academy of Arts in Hangzhou ab. Diese war eine der ersten Bildungseinrichtungen in China, die sich der digitalen Kunst widmeten. 2009 folgt ein Masterabschluss in Electronic Integrated Arts an der Alfred University in New York.

In ihrer forschungsbasierten Praxis, die Malerei, Video, Sound und Installationen miteinander verbindet, untersucht Miao Ying die Technologie und Soziopolitik einer global vernetzten Welt ebenso wie jene des modernen China. Dabei legt sie die Mechanismen digitaler Überwachung, staatlicher Zensur und sozialer Medien offen. In ihren jüngsten Arbeiten setzt sie sich intensiv mit künstlicher Intelligenz und dem maschinellen Lernen auseinander und entwirft dabei Szenarien der Koexistenz von Mensch und Algorithmus. Bereits heute erscheinen ihre Werke wie künstlerische Zeugnisse eines tiefgreifenden technologischen Umbruchs.

Miao Ying lebt und arbeitet in New York und Shanghai.

Miao Ying
Come, Sit, Stay
bis 4. Oktober 2026