Mo, 02.07.2012 / Walter Gasperi / Zoom

Lange galten die Filme des Kanadiers David Cronenberg als Schund und wurden von den renommierten Medien weitgehend ignoriert. International beachtet wurde der Kanadier, als er sich vom "body horror", den Filme wie "Scanners" (1980) oder "The Fly" (1986) kennzeichnete, ab- und der psychologischen Form des Grauens zuwandte. Jetzt kommt seine Don DeLillo-Verfilmung "Cosmopolis" in die Kinos und im Bertz + Fischer Verlag ist eine Monographie zum Meisterregisseur erschienen.

Explodierende Köpfe – das war das Bild, mit dem der 1943 in Toronto geborene David Cronenberg international erstmals nachdrücklich auf sich aufmerksam machte. Der Film hieß "Scanners" (1980) und erzählte von telekinetisch begabten Menschen, die durch ihre Fähigkeit in den Kopf ihrer Gegner eindringen und diesen zum Explodieren bringen können. Nicht weniger aggressive Gewalt kennzeichnete auch die fünf zuvor entstandenen Langspielfilme "Stereo" (1969), "Crimes of the Future" (1970), "Rabid" (1976) "Fast Company" (1979) und "The Brood" (1979), die teilweise nie in die deutschen Kinos kamen, sondern gleich in den Videotheken landeten.

Um telepathische Fähigkeiten kreist auch die Stephen King-Verfilmung "Dead Zone" (1984), die Cronenberg nicht zuletzt aufgrund des Autors und der damaligen Blüte der King-Verfilmungen erstmals größere Beachtung bei Publikum und Kritik bescherte. Der große kommerzielle Erfolg gelang ihm 1986 mit dem Remake von "The Fly", der ihm aber auch manche Kritikerschelte wegen seines ekligen Körperhorrors einbrachte. Gemeinsam ist diesen Filmen, dass es immer um den Gegensatz von Körper und Geist und die Transformation des Körpers geht, um äußere und innere Verwandlungen.

Um die Physis geht es auch im Meisterwerk "Dead Ringers – Die Unzertrennlichen" (1987), in dem nach einem realen Vorfall von der schließlich selbstzerstörerischen Abhängigkeit von zwei als Gynäkologen arbeitenden Zwillingen erzählt wird. Cronenberg ist aber nicht an vordergründigen Horroreffekten, sondern an den psychologischen Abgründen dieser modernen "Dr. Jekyll and Mr. Hyde"-Geschichte interessiert. Indem der Kanadier Motive des phantastischen Films und des Horrorfilms wie "Doppelgänger", "Tiermenschen" oder hellseherische Fähigkeiten naturwissenschaftlich mit neuen Technologien oder Traumatisierungen erklärt, erweist er sich als ein Regisseur, in dessen Filmen sich die Ängste und Entwicklungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts spiegeln.

So ist "The Fly", in dem sich ein Wissenschaftler bei einem Versuch "mit einer Fliege infiziert", nicht nur der wohl immer noch beunruhigendste Film zur Aids-Angst der 1980er Jahre, sondern auch ein Diskurs über die rationale und animalische Seite des Menschen. Diese Auseinandersetzung mit der Doppelnatur und damit auch mit Identitätskrisen zieht sich durch Cronenbergs Werk bis zu "A History of Violence" (2005) und "Eastern Promises" (2007), in denen es um die latent in jedem Menschen ruhende Gewaltbereitschaft geht, die unter einer nur dünnen Schicht der Zivilisiertheit liegt.

Näher am Mainstream sind diese Filme zwar, von Hollywood kaufen ließ sich der Kanadier aber nie und schlug die Regieangebote für "Total Recall", "Seven" oder "Alien 4" aus. Konsequent ging er seinen Weg, beharrte auf seiner Unabhängigkeit und verlieh seinem Werk nicht zuletzt durch die Arbeit mit einem gleich bleibenden Team Geschlossenheit. Seit "Dead Ringers" zeichnen bei allen Filmen Peter Suschitzky für die Kamera, Howard Shore für die Musik, Ronald Sanders für den Schnitt und Cronenbergs Schwester Denise für die Kostüme verantwortlich.

Aber nicht nur die Identitäten sind bei Cronenberg im Fluss und verschieben sich, sondern auch die Realitätsebenen verschwimmen vielfach. Unentscheidbar ist für den Zuschauer, der immer nur auf dem Wissenstand der Protagonisten ist ("First-Person-Films") in "Naked Lunch" (1991) und "eXistenZ" (1999), wo die Realität endet und der Drogenrausch des Autors beziehungsweise die virtuelle Welt eines Computerspiels beginnt. Cronenberg adaptiert dabei in "Naked Lunch" weniger William S. Burroughs gleichnamiges Kultbuch als dass er vielmehr den Prozess dessen Entstehungsgeschichte zum Thema macht: Da taucht der Schriftsteller nach dem Mord an seiner Gattin im Drogenrausch nicht nur in eine orientalische Parallelwelt – die so genannte Interzone – ab, sondern er erhält dort auch von Käfern Befehle und auch seine Schreibmaschine verwandelt sich in einen gewaltigen Käfer.

Kaum weniger schwer zu entschlüsseln und auch nicht frei von bizarren, ekelerregenden Details ist "eXistenZ" (1999), der eine vielschichtigere Variante zum Kassenschlager "Matrix" darstellt . Im Gegensatz zu den Brüdern Wachowski verzichtet Cronenberg auf Special-Effects und große Actionszenen. Geradezu bedächtig, aber mit enormer innerer Spannung erzählt er seine Geschichte von einem Spiel, das direkt ins Nervensystem geladen wird und so größten Realitätscharakter gewinnt. Die Grenzen zwischen Realität und Spiel verschwimmen dabei immer mehr und die Schlussfrage bleibt: "Are we still in the game?"

Auch in "Spider" (2002), der wenige Tage im Leben eines psychisch gestörten, sich von der Welt ausgrenzenden Menschen schildert, wird mit Fortdauer immer unklarer, was Realität und was Erinnerung ist, und ob diese Erinnerungen auch tatsächliche Erinnerungen oder vielleicht doch nur Fantasien sind. Auf ekligen Körperhorror wird ganz verzichtet und auch Spinnen kommen nicht vor. Wie in „Dead Ringers“ setzt Cronenberg ganz auf leise Töne und zeichnet dank visueller Geschlossenheit und durch konsequente Beschränkung auf die Perspektive des von Ralph Fiennes eindringlich gespielten Protagonisten nicht nur ein beklemmendes Psychogramm, sondern wirft auch Fragen zum menschlichen Gedächtnis und der inneren Freiheit des Individuums auf.

Zählt "Spider" trotz des Verschwimmens der Realitätsebenen zu Cronenbergs zugänglicheren Filmen, so gehört "Crash" (1996) zu seinen verstörendsten und enigmatischsten. Auf klassischen Handlungsaufbau wird in dieser kühlen Adaption eines Romans von James G. Ballard fast ganz verzichtet. Mit nichts außer mit Autos und Geschlechtsverkehr scheinen sich die Protagonisten zu beschäftigen. Autos und spektakuläre Unfalltode wie die von James Dean und Jane Mansfield üben auf sie ebenso einen erotischen Reiz aus wie Narben bei Menschen. Kann sich das im Mittelpunkt stehende Ehepaar zunächst noch durch Beschreibungen ihrer außerehelichen Affären sexuell stimulieren, sind in der Folge immer drastischere Mittel wie Autoverfolgungen dazu nötig. – Cronenberg inszeniert das mit einer Kälte und Schärfe, durch die die Emotionslosigkeit der beschriebenen von Betonbauten und Stahl bestimmten Welt konsequent in die filmische Form übertragen wird.

Eine ebenso kalte wie elegante Inszenierung zeichnet auch – erstmals seit "The Fly" lassen sich Cronenberg-Filme wieder einem Genre zuordnen - die Thriller "A History of Violence" (2005) und "Eastern Promises" (2007) aus. Scheinen die Grenzen zwischen Gut und Böse am Beginn in beiden Filmen jeweils klar gezogen, so löst sich die Gewissheit bald auf und die heile Welt der Kleinstadt und der Familie in "A History of Violence" erweist sich als schöner Schein. Hinter dem netten von Viggo Mortensen gespielten Ehemann tun sich ebenso Abgründe auf wie hinter dem scheinbar väterlich-gütigen von Armin Mueller-Stahl gespielten Paten der Londoner Russen-Mafia in "Eastern Promises". Die Familie – nicht zufällig spielt "Eastern Promises" um Weihnachten - ist nur scheinbar ein Hort der Geborgenheit, denn unter der Freundlichkeit und dem liebevollen Umgang lauert bei Cronenberg bei jedem Menschen ein Gewaltpotential.

Um Körper, um ihre Transformation oder auch Deformation, in diesem Fall allerdings nicht durch Maschinen, sondern durch den Menschen selbst geht es dann auch in "Eastern Promises", wenn sich die Mitglieder der kriminellen russischen Gemeinschaft "Wory w Sakone" ihre Lebensgeschichte auf den Körper tätowieren lassen, eine Leiche emotionslos und fachmännisch zerlegt wird und Viggo Mortensen sich mit zwei Killern einen brutalen Kampf liefert, wie man ihn im Kino wohl noch nie gesehen hat.

Im Gegensatz zu diesen Gewaltexzessen, die sich auch in "A History of Violence" finden steht "A Dangerous Method" (2011), mit dem Cronenberg seinen ersten historischen und auch stark von Dialogen bestimmten Film vorlegte. In der Schilderung der Dreiecksbeziehung zwischen C.G. Jung, Siegmund Freud und Sabina Spielrein gibt weder physische Gewalt noch bizarre Details. Klassisch ist das erzählt, besticht durch perfekte Dialoge, punktgenaue Ausstattung und großartige Darsteller und eine hochkonzentrierte Inszenierung. – Dass Cronenberg aber immer noch auch ganz anders kann, dürfte sein neuer Film "Cosmopolis" beweisen.

Wer sich intensiver mit David Cronenbergs Gesamtwerk auseinandersetzen möchte, dem sei der im Bertz + Fischer-Verlag erschienene 16. Band der Reihe "Film" empfohlen. In "David Cronenberg" (Herausgeber: Marcus Stiglegger) bieten führende deutsche FilmjournalistInnen in acht Essays zunächst eine Einführung in Cronenbergs Werk, sein Körperbild und seine Noir-Fantasien, ehe in einem zweiten Teil auf jeweils rund fünf Seiten alle Filme - inklusive der Kurzfilme - des Kanadiers bis "A Dangerous Method" vorgestellt werden.

Trailer zu "Cosmopolis"



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David Cronenberg (geb. 1943)
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Scanners (1980)
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Dead Zone (1984)
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The Fly (1986)
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Naked Lunch (1991)
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eXistenZ (1999)
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Spider (2002)
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Eastern Promises (2007)
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A Dangerous Method (2011)