verfasst von Haimo L. Handl / 28. Oktober 2007 - 6:02 / Wort zum Sonntag
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Gedächtnis ist eine Determinante für Person. Ohne Gedächtnis wäre der Mensch nicht nur keine Persönlichkeit, er wäre keine Person mehr. Identität, das, was zusammenfassend die Person ausmacht, ist unabdingbar an Gedächtnis gebunden. Nicht alles wird unvergesslich gespeichert. Vieles wird "abgebaut". Aber Vieles wird "einverleibt", verwoben, eingraviert, abgelegt. Daraus bildet sich die Vielschichtigkeit des Lebens, der Person.

Gemachte Erfahrungen werden gespeichert, "verarbeitet". Daraus resultiert Lernen. "Durch Schaden wird man klug." oder "Ein gebranntes Kind scheut das Feuer." und Ähnliches aus dem Volksmund drückt das aus. Während aber das "Ergebnis" gespeichert wurde, die Einsicht in ein Kausalverhältnis gemerkt wird, geht der Schmerz der Erfahrung verloren. Der Körper erinnert sich nur vage daran. Das ist gut so. Es gäbe keine Heilung, keine Gesundung, wenn wir permanent den Schmerz reaktivierten, wachriefen oder pervers wach hielten.

Umgekehrt zeichnet Lusterfüllung und Glückserfahrung das Momenthafte, das Zeitliche aus. In Goethes "Faust" wird uns Schulkindern das "klassisch" vorgeführt, später entdecken wir es mit einem Zug von Traurigkeit in der Erkenntnis der Endlichkeit und damit verbundener Vergänglichkeit.

Im Alltag äussert und wirkt Wahrnehmung, Merken und Vergessen weniger spektakulär, ausser es nimmt pathologische Formen an. Bedauernswerte jene, die nichts mehr behalten können, die "auslaufen". Ihre Krankheit macht sie abhängig von Betreuung. Die Grenzen sind diffus.

Im Normalfall wird sofort viel vergessen und gerade deshalb das Leben, das individuelle wie das kollektive der Gesellschaft, ohne viel Friktionen am Leben erhalten. Wäre dem nicht so, würden die Massen nicht selbstvergessen immer wieder für das Immergleiche über die Medien zu begeistern sein, würden sie die stereotypen Lügen nicht "naiv" nicht erkennen, würden alte Reden, wiederholt zu gewissen Anlässen, sofort als solche bemerken, weil sie sich die früheren gemerkt hätten, und damit die Redner, ob Politiker oder Unternehmer, blossstellen.

Die Unterhaltungsindustrie könnte nicht so intensiv von Wiederholungen und Täuschungen leben. Überhaupt, die vielgepriesenen Innovationen wären welche, die man eher so nennen dürfte als jetzt, wo in weiten Bereichen es sich nur um kaschierte Täuschungen handelt.

Das Genuine, das Eigene, das Eigentliche würde sich vom Hergebrachten, Bekannten unterscheiden und entsprechend geschätzt anders kommuniziert werden. Alles wäre intensiver, aufregender, komplexer. Allerdings auch anstrengender. Aus eigenen ökonomischen Gründen wird das Wahrnehmen und Merken gefiltert, simplifiziert. Und bis zu einem hohen Grad funktioniert das nicht nur, sondern wird auch gesellschaftlich gefördert.

Paradoxerweise wissen heute viele wenig, weil sie sich fast nichts merken, behalten, obwohl beste Medien für die Informationsverarbeitung genutzt werden. Auch klappt das mit dem blitzschnellen Abrufen nach Bedarf nicht. Es wird nämlich meist der Bedarf nicht bemerkt...

Machen Sie für sich eine Probe: erinnern Sie sich an die Aussage der Politikerin X oder des Politikers U vom März dieses Jahres, vom letzten Nationalfeiertag vor einem Jahr? Erinnern Sie sich an die Wahlversprechen der wahlwerbenden Parteien? Können Sie Deckung und Nichtdeckung erkennen, benennen, bewerten? Wie schaut es mit der Weltpolitik aus? Nicht nur Who is who oder what is what, wie man"s im Millionenspielraten belohnt, sondern wer sagte wann nicht nur was, sondern tat auch? Wie steht"s um und in historischen Zeiten und Epochen? Wie war das damals in und nach Vietnam? Wurde die Annexion Tibets durch China je "anerkannt"? Wer hat den Koreakrieg begonnen? Wer den 1. Weltkrieg? Wie lange dauerte der Dreissigjährige Krieg? Wo fand er eigentlich statt und wer waren die Streitparteien? Wann hat Frankreich seine letzte Kolonie "frei gegeben"? Wann wurde Österreich im 20. Jahrhundert befreit und von wem? Wer hat was wie tief vergessen? Wem hilft das Vergessen? Den Amerikanern? Den Israelis? Den Afrikanern in Südafrika? Den Türken? Den Engländern? Den Österreichern?

Das ist verkürzt und einseitig. Denn Merken und Wissen ist komplex und vielschichtig. So auch das Vergessen. Von der Psychopathologie des Alltagslebens des Einzelnen bis zu den kollektiven "Übungen". Welche persönlichen Vorsätze vergessen Sie sofort? An welche erinnern Sie sich? Was resultiert aus dem Erinnern, dem Wissen? Üben Sie eine gewisse Unverbindlichkeit des Gemerkten? "Ja, ich weiss, aber ..." Üben Sie gleicherweise diese Indifferenz gegenüber und mit gesellschaftlichen Werten, z.B. wichtigen Gesetzen oder Sätzen, nämlich Grundsätzen (z.B. Menschenrechte, Glaubenssätze etc.)? Hilft da ein gewisses Vergessen dem Alltag, der Hinnahme? Wird da Vergessen zur Kollaboration?

Merken und Vergessen hängt auch mit Bezügen ab, dem Grad der Involviertheit, der Betroffenheit. Es ist auch eine Frage der Sensibilität. Dann kann gewisses Vergessen eine Form von Grösse und Würde sein. Aber das haben, leider, viele vergessen, wenn sie es je gewusst haben.