Menschenverachtend und mörderisch: Zwangsarbeit unter den Nazi und die Folgen

Der 1975 in Bad Tölz geborene und heute in Zürich lebende Künstler Franz Wanner setzt sich im Zuge seiner künstlerischen Praxis seit Jahren unter anderem mit der menschenverachtenden Ausbeutung durch NS-Zwangsarbeit und den Nachwirkungen, die bis in die Gegenwart andauern, auseinander. Anhand von Fotografien, Texten, Filmen und Objekten, bei denen er dokumentarische Quellen mit fiktionalen Elementen verbindet, thematisiert Wanner im Rahmen seiner Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten. Bilder einer Ausbeutung“ (noch bis 18.1.2026) bei Kunst Meran / Merano Arte das institutionalisierte Wegsehen und die blinde Erinnerungskultur und entwickelt dazu neue Lesarten und Perspektiven.

 

Ikonografischer und symbolträchtiger Aufhänger der Ausstellung ist die mittelformatige Fotografie einer improvisierten selbstgefertigten Schutzbrille aus Plexiglas, die 2006 bei Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen gefunden wurde. Sie belegt, wie jemand, der dem Lagersystem der Nazis ausgesetzt ist, entgegen der Vorschriften versucht, sich ein Mindestmass an Schutz zu verschaffen. Somit verkörpert die Brille eine individuelle Art des Widerstands, andererseits verweist sie durch ihre Materialität auf den Komplex industrieller Ausbeutung durch Zwangsarbeit. Denn der Hintergrund dazu ist, dass der deutsche Konzern Röhm und Haas unter der Bezeichnung „Plexiglas“ 1933 einen neuen Werkstoff erfand, der in der Folge in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurde. Laut Franz Wanner statteten die Heinkel-Werke (heute Airbus) damals unter Ausbeutung Internierter des KZ-Sachsenhausen die Kanzeln ihrer Kampfflugzeuge damit aus.

Insgesamt mussten während der Naziherrschaft in Deutschland und den vom Hitlerregime besetzten Ländern rund 26 Millionen Menschen, die zumeist eingepfercht in feuchten, verwanzten Baracken und Bergwerksstollen untergebracht waren, Sklavenarbeit verrichten. Millionen kamen dabei ums Leben. Allein in Deutschland gehörte es für rund 2‘500 Unternehmen zum Tagesgeschäft, Zwangsarbeitende in großem Stil einzusetzen und entsprechenden Profit, ohne Rücksicht auf Verluste, daraus zu schlagen. BMW zum Beispiel griff auf etwa 29‘000 Zwangsarbeitende zurück, der Konzern Bosch auf mindestens 20‘000. Wanner zufolge gab es in Deutschland damals an die 30‘000 Zwangsarbeiterlager. Dies entspricht in etwa der heutigen Zahl an Supermärkten. Für den Großteil der Bevölkerung sei es daher praktisch unmöglich gewesen, von diesen Unterbringungsstätten nicht Kenntnis zu haben. Auch die Kolonnen halbverhungerter Menschen, die jeden Tag durch die Straßen der Städte zu den Fabriken marschierten, seien nicht zu übersehen gewesen, so Wanner. Allerdings sei dieses unbequeme Kapitel fast völlig aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt worden. Gegen dieses Ausradieren von dunklen Teilen der Geschichte wendet sich der Künstler mit seinen Recherchen und Ausstellungen mit grösster Vehemenz.

Die informationsdichte Schau von Franz Wanner in Meran beginnt mit Fotografien entlang des Verbindungsganges zum ersten Ausstellungsraum unter anderem vom ehemaligen Konzentrationslager Bozen. Das Lager in Bozen wurde zwar als Durchgangslager bezeichnet, doch auch hier wurden die Internierten zu Zwangsarbeit innerhalb und ausserhalb des Lagers gezwungen. Die Baracken und Gebäude, die auf dem Lagergelände standen, wurden in den 1960er Jahren sämtlich abgerissen. Nur noch die Außenmauer steht und umschließt noch heute die Wohngebäude, die inzwischen hier errichtet wurden.

Sichtbare Unsichtbarkeit

Im ersten Ausstellungsraum folgen dann Objekte aus Plexiglas. Unter dem Titel „Schatten I-III“ sind aussortierte Objekte der Gegenwart wie etwa abgenutzte Schutzschilde der Bereitschaftspolizei oder Teststücke aus der Raumfahrtforschung zu sehen. Auch durchsichtige Hauben, die Museen zum Schutz von Kunst verwenden, stellt Wanner zur Schau.

Die Nazis nutzten die Materialästhetik einer „sichtbaren Unsichtbarkeit“ auch häufig für Propagandazwecke. Die glasartige Technik sollte eine schattenlose Transparenz suggerieren, wie der Künstler wissen lässt.

Akteneinsicht 

In einem weiteren Raum gewährt der Künstler sozusagen „Akteneinsicht“ zu verschiedenen damaligen Konzernen und Organisationen. Präsentiert wird zum Beispiel ein „Freiflächengestaltungsplan“ der Dornierwerke. Der Flugzeughersteller Dornier setzte in seinem Werk in München-Neuaubing während der Naziherrschaft rund 2‘000 Zwangsarbeiter:innen aus verschiedenen Ländern und auch Gefangene des Konzentrationslagers Dachau zur Herstellung von Kampfflugzeugen für die Deutsche Wehrmacht ein. Nach dem Krieg expandierte Dornier zunächst weiter, wurde später dann aber von Daimler, von EADS und schließlich von Airbus übernommen.

Integriert in die Ausstellungsräume sind auch sechs Filme, anhand denen Wanner ein eindringliches Bild der Niedertracht und dem bewussten Verdrängen erstehen lässt. Mit „Kommuniziere über die Vergangenheit, aber fokussiere auf die Zukunft“ könnte man das Leitmotiv des Wanner’schen Vorgehens überschreiben. Der sechste Film mit dem Titel „Mind the Memory Gap“ wird in einer Grossprojektion in einer Black Box gezeigt. Hier thematisiert der Künstler eindrucksvoll den Umgang vieler deutschen Unternehmen mit ihrer eigenen Vergangenheit: Zuerst jahrzehntelanges Verschweigen der eigenen Verflechtungen mit den Nazis, dann Studien in Auftrag geben und unter Auslassung wesentlicher Fakten auch kapitale Verbrechen geschäftsverträglich vermitteln. In diesem fiktionalen filmischen Werk führt eine findige Kommunikationsmanagerin durch eine bereinigte Erinnerungslandschaft und lässt ein Unternehmen, das unter den Nazis zwangsausbeuterisch agierte, quasi in die Opferrolle schlüpfen.

Bei der Entwicklung des filmischen Materials arbeitete Wanner eng mit den Harun Farocki Instituten in Berlin und Zürich zusammen. 

Begleitend zur absolut sehenswerten Ausstellung ist auch ein sehr empfehlswertes Buch erschienen. Das 176 Seiten Hardcoverbuch „Eingestellte Gegenwarten“ von Franz Wanner ist im Hirmer Verlag erschienen und wurde von Kunst Meran Merano Arte, Kristina Kreutzwald, Martina Oberprantscher sowie Anna Zinelli herausgegeben. 

Franz Wanner: Eingestellte Gegenwarten
Bilder einer Ausstellung
Kunst Meran/ Merano Arte
Bis 18.1.2026
Di-Sa 10-18, So u. Fe 11-18
www.kunstmeranoarte.org