Noch bis zum 5. Oktober zeigt eine Sonderpräsentation das meisterhafte Porträt der neun Monate alten Prinzessin Marie-Thérèse von Bourbon-Sizilien und ermöglicht es, die Werke der beiden gefeierten Hofkünstler Anton Raphael Mengs und Diego Velázquez näher zu betrachten.
Lange im Depot verwahrt, hat das Bildnis der nicht einmal einjährigen Prinzessin dank einer jüngst erfolgten Restaurierung seine außerordentlichen malerischen Qualitäten zurückgewonnen. Die Restaurierung und die damit verbundene kunsthistorische Analyse werfen ein neues Licht auf Mengs: Er ließ sich stärker als bisher bekannt von Diego Velázquez inspirieren, seinem Vorgänger als Hofmaler in Madrid. Neu ist zudem die lebendige Natürlichkeit, die dieses Porträt auszeichnet und die eine veränderte Auffassung von Kindheit im späteren 18. Jahrhundert widerspiegelt.
Im Jahr 1770 kehrte Anton Raphael Mengs (1728–1779), der Hofmaler König Karls III. von Spanien, nach Italien zurück, um sich zu erholen und zugleich Bildnisse im Auftrag seines Dienstherrn zu schaffen. In Neapel sollte er unter anderem die Familie von König Ferdinand IV. und dessen Gemahlin Maria Carolina von Österreich porträtieren. Als Höhepunkt dieser Arbeiten kann das Porträt der Marie-Therese von Bourbon-Sizilien gelten, das die erstgeborene Tochter des Königspaares zeigt.
Das Porträt der etwa neun Monate alten Prinzessin beeindruckt durch seine künstlerische Raffinesse. Mit diesem Werk verband Mengs traditionelle Repräsentation mit einer neuen Natürlichkeit und Lebendigkeit. Damit spiegelt das Bild eine im 18. Jahrhundert verbreitete veränderte Auffassung von Kindheit wider, die von den pädagogischen Ideen Jean-Jacques Rousseaus geprägt war – diese schätzte Maria Carolina besonders.
Mengs’ Werk zeigt zudem deutliche Anleihen am Stil von Diego Velázquez (1599–1660), seinem bedeutendsten Vorgänger als spanischer Hofmaler. Insbesondere fallen Ähnlichkeiten mit dessen Porträt der Infantin Margarita von Spanien in rosafarbenem Kleid auf. Diese betreffen nicht nur Pose und Kleidung, sondern auch die malerische Technik: In keinem anderen Gemälde kommt Mengs’ virtuoser Pinselstrich so prägnant zum Ausdruck wie hier. Farbtupfer lassen die Stickereien und Spitzen des Kleides vibrieren. Das Porträt demonstriert nicht nur Mengs' außergewöhnliche Fähigkeit, Repräsentation und Persönlichkeit zu vereinen, sondern spiegelt möglicherweise auch die dynastischen Interessen der Mutter der Dargestellten wider: Maria Carolina ließ das Gemälde an die Großmutter der Kleinen, Kaiserin Maria Theresia, nach Wien senden. Wohl nicht zufällig knüpfte Mengs an die Tradition der Infantinnenporträts von Velázquez an, die am Habsburger Hof hoch geschätzt wurden. Ähnlich wie die Infantin zuvor wurde Marie-Therese durch ihre Heirat mit ihrem Cousin Franz II./I. (1790) später Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches.
Mengs und Velázquez
Die Prinzessin von Neapel
Bis 5. Oktober 2025
Gemäldegalerie, Kabinett 13