1. Mai 2014 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Ein faschistischer Politiker will einen amerikanischen Durchschnittsbürger, den die Medien zum Idol der Massen aufgebaut haben, für seine Zwecke einspannen. – Frank Capras 1941 gedrehter Klassiker, dessen satirischer Blick auf Medien, Masse, Politik und Manipulation immer noch aktuell ist, ist bei Schroeder-Media auf DVD erschienen.

Arbeiter am Fließband, Menschen bei Sportveranstaltungen, Telefonistinnen, Soldaten in der Armee, selbst auf der Geburtsstation eines Krankenhauses geht das Individuum in der Masse auf. Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist die Massengesellschaft, prägnant stellt sie Frank Capra in einer den Film einleitenden Montagesequenz vor, ehe er in die Redaktion einer Zeitung wechselt.

"A free press means a free people" lautete bislang das Motto des "Bulletin", doch nach einer Übernahme wird nicht nur der Name auf "New Bulletin" geändert, sondern auch das Motto auf "A streamlined newspaper for a streamlined era". Auch Umstrukturierungen sind angesagt – Dialog ist nicht nötig, um zu zeigen, was dies bedeutet. Erst nach dieser brillanten, allgemein gehaltenen Eröffnung beginnt Capra seine konkrete Geschichte zu erzählen.

Auch die junge Kolumnistin Ann Mitchell (Barbara Stanwyck) soll entlassen werden. Um ihren Job zu behalten, schreibt sie kurzerhand einen reißerischen Artikel über einen Brief eines gewissen arbeitslosen John Doe, der die Politik für seine Lage verantwortlich macht und ankündigt, sich an Weihnachten vom Rathaus in den Tod zu stürzen.

Der Artikel erregt großes Aufsehen und steigert auch die Auflage der Zeitung. Weil aus der Story deshalb eine Fortsetzungsgeschichte werden soll, muss man den Massen auch diesen John Doe präsentieren können. Man findet ihn in einem arbeitslosen ehemaligen Baseballspieler (Gary Cooper). In ihm baut zunächst die Journalistin den prototypischen amerikanischen Wutbürger auf, der sich Luft Macht über Missstände, doch bald will ihn auch der Herausgeber der Zeitung selbst, der politische Karriere machen und dafür sorgen will, dass Amerika mit eiserner Hand regiert wird, für seine Zwecke einspannen.

Unübersehbar auf Hitler und den Faschismus wird mit diesem Politiker und seiner Schutztruppe angespielt, aber auch ohne diesen konkreten Bezug besticht "Meet John Doe" auch heute noch durch den satirischen Blick auf das Verhältnis von Masse, Medien und Politik, in seiner bissigen Kritik am Sensationsjournalismus, der das Schicksal von Menschen zynisch ausbeutet, aber auch an der Korrumpierbarkeit des Menschen durch Geld sowie in der Schilderung der Instrumentalisierung und Manipulation von Menschen.

Abgefedert wird dieser scharfe und böse Blick auf Mensch und Gesellschaft wie stets bei Capra freilich durch den Glauben an das Gute und die Rückbesinnung auf "amerikanische Grundwerte und Tugenden", an die in pathetischen Reden erinnert wird. Märchenhaft und sentimental ist diese Komödie auch in der Verknüpfung mit Weihnachten und in der Anknüpfung an die christliche Botschaft von Güte und Nächstenliebe und auch eine Liebesgeschichte mit Happy-End darf freilich nicht fehlen.

Dennoch bietet "Meet John Doe" dank rasanter Dialoge, temporeicher Erzählweise, bis in die Nebenrollen hinein exzellenter Besetzung und der beim klassischen Hollywood-Kino gewohnt perfekten Inszenierung auch 73 Jahre nach der Uraufführung immer noch zwei Stunden lang vorzügliche Unterhaltung mit Tiefgang.

An Extras bietet die bei Schröder Media erschienene DVD, die über die englische und deutsche Sprachversion verfügt (aber über keine Untertitel), vor allem einen fundierten und informativen – allerdings nur englischen – Audiokommentar. Weiters finden sich hier drei insgesamt 45-minütige Dokumentationen über Frank Capra, Gary Cooper und Barbara Stanwyck sowie eine Bildergalerie mit Filmstills und Promotion-Fotos.

Trailer zu "Meet John Doe"



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