5. Juli 2008 - 3:49 / Musiktheater
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Georges Bizets "Carmen", so heisst es, sei die meistgespielte Oper der Welt. Seit ihrer Uraufführung hat sie immer wieder für Überraschungen gesorgt, ihr Erfolg hat immer neue Versionen, Interpretationen und Bearbeitungen hervorgebracht, und bis heute beansprucht das Wort Friedrich Nietzsches Gültigkeit, dem Bizets Musik "vollkommen" erschien: "Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht.

Zwar hat Friedrich Nietzsche sein Lob der hochbewunderten "Carmen" vor allem in der Abgrenzung von den Werken Richard Wagners geäussert, aber das Urteil bleibt gültig, charakterisiert die Vielfalt dieser Musik, in der helle Lyrik, strahlende Unbekümmertheit und Humor ebenso zu finden sind wie Dämonie und abgrundtiefe Dramatik. Eine mediterrane Klarheit paart sich mit Sinnlichkeit, die nie schmalzig wird. Nichts an der "Carmen"-Partitur ist konventionell, alles ist von einer unmittelbaren, ungestümen Originalität in Einfall und Ausführung.

Dabei war Bizets Oper der Erfolg nicht an der Wiege gesungen worden: Bei der Uraufführung in der Salle Favart der Pariser Opéra-Comique am 3. März 1875 fiel die Geschichte von der freiheitsliebenden Zigeunerin Carmen, die sich rigoros über die Besitzansprüche der Männerwelt hinwegsetzt und das Recht auf Selbstbestimmung bis zu ihrem Tod verteidigt, beinahe durch. Der Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle von Prosper Mérimée war dem Publikum zu drastisch realistisch, die Musik zu "wagnerisch". Dabei haben die Librettisten die bei Mérimée mit dem Unterton leiser Ironie behandelten Charaktere und die manchmal ans Triviale grenzende Handlung schon erheblich gemildert und idealisiert.

Obwohl Bizet nie spanischen Boden betreten hat, gilt "Carmen" als Schlüsselwerk für eine Stilrichtung, die sich durch die französische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts wiederfindet – den sogenannten "Hispanismo". Viel ist über das spanische Element in Bizets Musik geschrieben worden, doch im Grunde geht, wie Winton Dean in seiner Bizet-Monografie schreibt, "die gesamte spanische Frage an Bizets eigentlichen Absichten vorbei. Ein Komponist, der seine Musik in einer bestimmten Gegend spielen lässt, muss ja nicht auch gleich die Musik des Landes nachahmen. Es genügte, dass Bizet für französisches Publikum eine spanisch erscheinende Atmosphäre schuf; ansonsten konnte er nichts Besseres tun, als französische Musik zu schreiben.

Die musikalische Leitung der Zürcher Neuinszenierung liegt in den Händen von Franz Welser-Möst, der damit seine letzte Premiere als Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich dirigieren wird. Benutzt werden die Rezitative, die Bizets Freund Ernest Guiraud nach dem Tod des Komponisten erstellt und in der dieser die gesprochenen Dialoge durch Rezitative ersetzt hat. Neben den sprachlichen Problemen, die sich für ein international besetztes Sängerensemble bei einer Aufführung der Dialogfassung ergeben, sprechen auch musikalische Gründe für die Guiraud-Fassung: Mit dem seit Ende des 19. Jahrhunderts ständig stärker besetzten Orchester sind auch grössere Stimmen erforderlich geworden, wodurch die für eine Aufführung mit Dialogen notwendige Balance zwischen gesungenem und gesprochenem Wort aus dem Gleichgewicht gerät.

Nach seinen Inszenierungen von Smetanas "Verkaufter Braut" und Eugène d’Alberts "Tiefland" inszeniert Matthias Hartmann bereits zum dritten Mal am Opernhaus Zürich. Dabei ist "Carmen" für den Chef des Zürcher Schauspielhauses und designierten Direktor des Wiener Burgtheaters sicher die grösste, weil mit den höchsten Erwartungen verbundene Herausforderung. Schon am Beginn seiner Auseinandersetzung mit "Carmen" stand fest, dass er keinesfalls das Kitschpostkartenklischee von der feurigen spanischen Zigeunerin bedienen würde. Vielmehr ist ihm daran gelegen, jede Art von Niedlichkeit zu vermeiden und die der Oper innewohnende Härte und Unerbittlichkeit offenzulegen.

Im Rahmen der Zürcher Festspiele
Carmen von Georges Bizet (1838-1875)
Premiere: Sa 28. Juni 08, 19.00 Uhr

Weitere Vorstellungen:
Di, 01.07.2008
Fr, 04.07.2008
So, 06.07.2008
Mi, 09.07.2008
Fr, 11.07.2008



  •  28. Juni 2008 11. Juli 2008 /
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© Suzanne Schwiertz
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