31. Januar 2009 - 2:19 / Ausstellung / Archiv 
13. Dezember 2008 1. Februar 2009

Auf die Absurditäten des Alltags und seine Zwänge kann man ganz unterschiedlich reagieren: Man kann etwa ein notorisches Schuldbewusstsein angesichts der eigenen Unzulänglichkeit entwickeln, ihren Anforderungen zu entsprechen. Oder man kann diesen Zwängen offen trotzen. Man kann sich auch in ihrem starren Korsett aus Regeln einrichten. Oder man kann versuchen, das ganze Gerüst subversiv und auf scheinbar harmlose Weise zum Wanken zu bringen.

Der Pole Cezary Bodzianowski (geb. 1968) unternimmt Letzteres. Er ist den Absurditäten des Alltags direkt auf der Spur. Seine Methode ist es dabei, sich so strikt an die Regeln zu halten und das Gegebene so zustimmend zu spiegeln, bis sich alles ins Absurde verkehrt. Meist tut er das in Form von Performances, die im öffentlichen Raum stattfinden, ohne dass die Öffentlichkeit sie bemerkt (auch dann nicht, wenn sie selbst eine Rolle darin übernimmt), und als Foto oder Film dokumentiert und in den Ausstellungsraum übertragen werden. Dazu erschafft er eine Kunstfigur, die ebenso unangreifbar wie überhaupt greifbar ist: sich selbst. Der Hauptdarsteller Cezary Bodzianowski tritt also in den Performances des Regisseurs Cezary Bodzianowski auf. Markenzeichen: seine scheinbare Neutralität.

Bodzianowski kommentiert nichts, sondern bleibt ebenso unbewegt wie stumm. Nichts gibt uns einen Hinweis auf die Subversität seines Handelns. Nichts, bis auf den kleinen Oberlippenbart, Charakteristikum des Absurden von Chaplin bis Hitler. Und eben mit dieser Haltung des scheinbar Zustimmenden schafft er es nachhaltig, die Grenzen des Normalen zu sprengen und einen Hauch von Freiheit in den alltäglichen Abläufen offen zu legen.

Da wird zum Beispiel eine Absperrung für Kanalarbeiten mitten auf einer Hauptstraße dadurch zur Veranda umfunktioniert, dass Bodzianowski sich mit Bademantel, Pyjama und Hausschlappen hineinstellt und interessiert den Verkehr verfolgt (Verandah, 2000). Oder er lässt sich um sieben Uhr morgens vom Kranführer einer Baustelle zum fünften Stock eines Hochhauses hochfahren, klopft so lange an jedes Fenster, bis die völlig verwirrten Bewohner/innen es öffnen, wünscht ein fröhliches "Guten Morgen" und fährt auf diese Weise die komplette Fensterfront ab (Good morning, 1997). Oder er fasst die taoistische Philosophie von der harmonischen Einheit aller Bestandteile der Welt als eine Einpassung des eigenen Körpers in einen beengten Raum auf, indem er sich in verschiedensten Posen in eine winzige Abstellkammer drückt (Tao, 2007).

Cezary Bodzianowski (geb. 1968) gilt heute als einer der interessantesten und bekanntesten polnischen Künstler im internationalen Kunstbetrieb. In den vergangenen Jahren war er auf wichtigen Gruppenausstellungen wie der Berlin Biennale, im Städtischen Museum Abteiberg Mönchengladbach, im ICA Boston (alle 2008), dem Museum Sztuki Lodz, der Tate Modern London, dem MUMOK Wien (alle 2007) oder der Kunsthalle Sankt Gallen (2005) vertreten. 2005 hatte er eine große Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein.

Für die Ausstellung in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen hat er mehrere neue Projekte eigens vor Ort entwickelt, die im öffentlichen Raum aufgenommen und als Filme innerhalb der Ausstellungsräume wiedergegeben werden. Thematisch nähern sie sich den städtischen Gegebenheiten, wenn sie etwa die maritime Tradition Bremens, die Lage der GAK inmitten der Weser oder die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten in den Vordergrund stellen. Art der Umsetzung und Präsentation fordern eingefahrene Sehgewohnheiten heraus, indem sie sie auf überraschende Weise hinterfragen.


Cezary Bodzianowski - Maybe
13. Dezember 08 bis 1. Februar 09

Gesellschaft für Aktuelle Kunst
Teerhof 21
D - 28199 Bremen

T: 0049 (0)421 50 08 97
F: 0049 (0)421 59 33 37
E: office@gak-bremen.de
W: http://www.gak-bremen.de/

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The Biggest, The Strongest, 2008. Videostill; Courtesy the artist, GAK Bremen
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Wasser-Vagabund, 2008. Videostill; Courtesy the artist, GAK Bremen
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Greek Fire, 2008. Videostill; Courtesy the artist, GAK Bremen