24. Mai 2019 - 13:59 / Ausstellung / Installation 
25. April 2019 6. Oktober 2019

In Fortsetzung einer Reihe von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Theseustempel zeigt das KHM heuer ein Werk des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan.

Eine Taubenschar hockt hoch oben auf dem Gesims eines leeren Raumes. Die Vögel sitzen in kleinen Gruppen oder alleine und scheinen die Besucherinnen und Besucher tief unter sich zu mustern, wie diese amüsiert über die ungewöhnliche Situation, in der sich alle Beteiligten befinden. Nach einer Weile bemerken wir, dass dies keine lebenden Tiere sind.

Die 15 ausgestopften Vögel sind eine Installation des Künstlers Maurizio Cattelan. Dieser wurde 1960 in Padua geboren und ist einer der bekanntesten und provokantesten Künstler der Gegenwart. Alle seine humoristischen und satirischen Figuren – von La Nona Ora (1999), einer Wachsstatue des von einem Meteorit getroffenen Papstes Johannes Paul II., bis Him (2001), einer lebensgroßen Figur, die Adolf Hitler als im Gebet kniendes Kind darstellt – sind kontrovers und regen zu Diskussionen an. Wie früher ein Hofnarr instrumentalisiert Cattelan Respektlosigkeit und das Absurde, um gesellschaftliche Konventionen und Hierarchien zu hinterfragen und auszuhöhlen.

Vor über zwanzig Jahren lud der Kurator Germano Celant Cattelan ein, an der Biennale 1997 teilzunehmen. „Ich fuhr ungefähr einen Monat vor der Eröffnung nach Venedig, um mir den Pavillon anzuschauen“, erzählte Cattelan später. „Drinnen herrschte das völlige Chaos und alles, wirklich alles war voller Tauben. Für mich als Italiener war es, wie wenn man etwas sieht, das man nicht sehen soll, so wie beispielsweise das Ankleidezimmer des Papstes. Aber auf der anderen Seite ist das doch die Situation in Venedig, und deshalb dachte ich, ich sollte es einfach so präsentieren, wie es ist, als eine völlig normale Situation.“

Der Titel des Werkes – Turisti (Touristen) – ist ein humoristischer Verweis auf die Besucherhorden, die Venedig und die Biennale regelmäßig heimsuchen und die nur noch von der Anzahl der in der Stadt ansässigen Tauben übertroffen werden. Cattelans Werk blickt auf den leeren Raum hinunter, in dem einst Antonio Canovas monumentale Marmorgruppe Theseus besiegt den Kentauren ausgestellt war (übrigens ein Landsmann von Cattelan, der gut 200 Jahre früher in einer Stadt nicht weit von Venedig zur Welt kam). Er spielt so auf die Vergänglichkeit der Zeit sowie die Demonumentalisierung der Kunst an und lädt uns ein, unsere persönliche Beziehung zur Stadt, ihren Gebäuden und Grünflächen zu hinterfragen. Wer, so könnte man fragen, ist denn hier eigentlich der Tourist?

Das ausgestellte Werk ist im Besitz der Sammlung Prada und wurde in Zusammenarbeit mit ihr ausgewählt. Auch für die Ausstellung Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treausures, kuratiert von Filmemacher Wes Anderson und Autorin und Illustratorin Juman Malouf, haben das Kunsthistorische Museum und die Fondazione Prada kooperiert. Die Ausstellung, die bis 28. April in Wien zu sehen war, wird im September 2019 in Mailand eröffnet.

Maurizio Cattelan lebt und arbeitet in Mailand und New York und erklärte 2011 seinen Rückzug aus der Kunst. Die Ausstellung wird von Jasper Sharp kuratiert und von den Contemporary Patrons des Kunsthistorischen Museums Wien unterstützt.

Zeitgenössische Kunst im Theseustempel

2012 begann das Kunsthistorische Museum, den Theseustempel im Wiener Volksgarten für eine Ausstellungsreihe zu nutzen. Der vom kaiserlichen Hofarchitekten Pietro Nobile zwischen 1819 und 1823 errichtete Tempel war ursprünglich als Rahmen und Präsentationsort für ein einziges zeitgenössisches Kunstwerk gedacht: Antonio Canovas monumentale Gruppe Theseus besiegt den Kentauren. Fast siebzig Jahre lang stand diese beeindruckende Skulptur aus weißem Marmor allein im Theseustempel, erst 1890 wurde sie in das neu errichtete Kunsthistorische Museum überführt, wo sie sich noch immer befindet.

Mit dieser Ausstellungsreihe entspricht der Theseustempel nun erneut seiner ursprünglichen Funktion als Ort, an dem bedeutende Werke eines zeitgenössischen Künstlers gezeigt werden.

Im Rahmen der Ausstellungsreihe waren bisher Werke von Ugo Rondinone (2012), Kris Martin (2012), Richard Wright (2013), Edmund de Waal (2014), Susan Philipsz (2015), Ron Mueck (2016), Kathleen Ryan (2017) und Felix Gonzalez-Torres (2018) zu sehen.

Geschichte des Theseustempels

Der Theseustempel wurde 1819–1823 von Pietro Nobile (1774–1854, führender Architekt des Spätklassizismus in Wien) im Rahmen der Neugestaltung des Volksgartens erbaut. Auftraggeber war Kaiser Franz I. Die neue Gestaltung war nötig geworden, nachdem die Franzosen 1809 bei ihrem Abzug aus Wien die Bastei vor der Hofburg gesprengt hatten. Ursprünglich als Privatgarten für die Mitglieder der kaiserlichen Familie gedacht, wurde die Anlage später auf Vorschlag der Hofgartenverwaltung der erste öffentlich zugängliche Park in Hofbesitz. Seit 1825 ist die Bezeichnung „Volksgarten“ gebräuchlich.

Bei dem spätklassizistischen Bauwerk handelt es sich um eine verkleinerte Nachbildung des Theseions in Athen, die speziell für die Aufstellung der Figurengruppe Theseus besiegt den Kentauren von Antonio Canova, eine der bedeutendsten klassizistischen Monumentalskulpturen, gebaut wurde. Antonio Canova (1757–1822, ein Hauptvertreter des italienischen Klassizismus) wird auch die Idee zur Gestaltung des Theseustempels in dieser Form zugeschrieben.

1890 wurde die Theseusgruppe im Rahmen der Errichtung des Kunsthistorischen Museums in den großen Stiegenaufgang des Neubaus gebracht, wo sie noch heute zu sehen ist.

In der unter dem Theseustempel liegenden Krypta, die von einem seitlich liegenden Eingang in Sarkophagform aus betreten werden konnte (er ist heute nicht mehr erhalten), war ursprünglich ein Teil der Antikensammlung des österreichischen Kaiserhauses untergebracht. Ab 1901 wurde die sogenannte Cella (der Innenraum) des Theseustempels zunächst zur Ausstellung von Funden aus Ephesos herangezogen (heute im Ephesos Museum in der Neuen Burg), später diente sie als Ort für Kunstausstellungen der Akademie der bildenden Künste und ab 1992 wurde sie durch das Kunsthistorische Museum genutzt.

Mit der Generalsanierung durch die Burghauptmannschaft in den Jahren 2008 bis 2011 wurde unter Einbeziehung des Bundesdenkmalamtes dem Theseustempel sein ursprüngliches Erscheinungsbild in polierter Bleiweißfassung zurückgegeben. Dank der neu installierten Beleuchtung des Gebäudes fügt sich der Theseustempel nun auch sehr ansprechend in die abendliche Gebäudekulisse des Hofburg- und Ringstraßenensembles ein. In den Wintermonaten 2014/15 wurde die kassettierte Gewölbedecke des Theseustempels aufwendig saniert. Die Decke konnte so wieder in den Originalzustand zurückgeführt werden.

Vor dem Theseustempel ist die Bronzestatue Jugendlicher Athlet von Josef Müllner (geschaffen 1921) zu sehen.

Maurizio Cattelan im Theseustempel
25. April bis 6. Oktober 2019

Kunsthistorisches Museum
Maria Theresien-Platz
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 525 24-0
F: 0043 (0)1 525 24-503
E: info@khm.at
W: http://www.khm.at/

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  •  25. April 2019 6. Oktober 2019 /
Maurizio Cattelan turisti 1997, Detail Collezione Prada, Mailand © Maurizio Cattelan Foto: KHM-Museumsverband
Maurizio Cattelan turisti 1997, Detail Collezione Prada, Mailand © Maurizio Cattelan Foto: KHM-Museumsverband
Maurizio Cattelan turisti 1997, Detail Collezione Prada, Mailand © Maurizio Cattelan Foto: KHM-Museumsverband
Maurizio Cattelan turisti 1997, Detail Collezione Prada, Mailand © Maurizio Cattelan Foto: KHM-Museumsverband
Die renovierte Decke im Theseustempel 2015 © KHM-Museumsverband
Die renovierte Decke im Theseustempel 2015 © KHM-Museumsverband
Theseustempel © KHM-Museumsverband
Theseustempel © KHM-Museumsverband
Theseustempel Beleuchtung bei Nacht © KHM-Museumsverband
Theseustempel Beleuchtung bei Nacht © KHM-Museumsverband
Theseustempel, Querschnitt Zeichnung von Karl Schmidt (1825) nach dem Entwurf von Pietro Nobile (1820) Wien, Albertina, Architektursammlung © Wien, Albertina
Theseustempel, Querschnitt Zeichnung von Karl Schmidt (1825) nach dem Entwurf von Pietro Nobile (1820) Wien, Albertina, Architektursammlung © Wien, Albertina
Antonia Canova Theseus und der Kentaur (1804–1819) Die Gruppe an ihrem ursprünglichen Standort im Theseustempel Wien, ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung © Wien, Österreichische Nationalbibliothek
Antonia Canova Theseus und der Kentaur (1804–1819) Die Gruppe an ihrem ursprünglichen Standort im Theseustempel Wien, ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung © Wien, Österreichische Nationalbibliothek