8. November 2010 - 2:50 / Ausstellung / Archiv 
16. September 2010 14. November 2010

Die Kunsthalle Nürnberg zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung "Any Day Now" Installationen, Skulpturen, Fotografien, Videoarbeiten und Performances der niederländischen Künstlerin Mathilde ter Heijne. Bekannt wurde ter Heijne durch lebensgroße Skulpturen, die ihr durch die Verwendung von Abgüssen ihres Gesichts und ihrer Hände stark ähneln. Diese Repliken treten als Protagonistinnen in ihren Videoarbeiten oder auch als Soundskulpturen auf und ermöglichen der Künstlerin, gesellschaftliche Konflikte auf ihre Stellvertreterinnen zu übertragen und sie zugleich (fast) am eigenen Körper zu erleben.

Die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstandene Ausstellung gibt mit wichtigen Arbeiten aus den letzten 12 Jahren einen umfassenden Überblick über das Schaffen ter Heijnes und stellt bereits bekannte wie auch neue Arbeiten erstmals in den Kontext ihres konsequenten Gesamtwerkes.

In vielen ihrer Arbeiten forscht Mathilde ter Heijne danach, was sich nach Jahrhunderten patriarchaler Gesellschaftsstrukturen über Frauen und ihre Biografien tradiert hat: Die Fotoserie der "Unknown Woman" (2010), der auch das Ausstellungsmotiv einer jungen Frau in niederländischer Tracht entnommen ist, zeigt Frauenporträts von den Anfängen der Fotografie bis in die 1920er Jahre. Die Fotos basieren auf historischem Bildmaterial, das die Künstlerin auf Flohmärkten, in Antiquariaten und auch über Auktionsplattformen im Internet zusammengetragen hat. Über das Leben der Unbekannten ist nichts überliefert, jedoch rückt ter Heijne diese durch ihre Arbeit aus der Anonymität und stellt die Frage nach der individuellen und gesellschaftlichen Identität von Frauen. Zugleich thematisiert sie die unsichtbaren Mechanismen einer selektiven Geschichtsschreibung. Denn ein Blick in die (Kunst‐)Geschichte offenbart die weitgehende Abwesenheit von Frauen.

Diesem Umstand setzt Mathilde ter Heijne die sieben Soundskulpturen der F.F.A.L. (Fake Female Artist Life, 2003‐2007) entgegen, die der Künstlerin ebenfalls stark ähneln. Für jede der Figuren hat ter Heijne eine Identität entworfen, die durch eine Tonspur akustisch vermittelt wird. Die erdachten Künstlerbiografien haben teilweise historische Wurzeln, wie die der holländischen Kupferstecherin Geertruyd Roghman (F.F.A.L. #4, 2005). Teilweise sind es jedoch auch reine fiktive Biografien, wie die Identitäten der drei Künstlerinnen Elvire Goulot, Elaine Risley und Ueno Otoko (F.F.A.L. #1, F.F.A.L. #2, F.F.A.L. #3, alle 2003). Wieder andere Biografien sind literarischen Vorlagen entnommen, wie die der Protagonistin Madonna aus dem umstrittenen Roman "Shanghai Baby" der chinesischen Autorin Zhou Wei Hui (F.F.A.L. #5, 2006). Mit dieser Werkgruppe reichert Mathilde ter Heijne die Kunstgeschichte mit (fiktiven) weiblichen Protagonistinnen an.

Neben den Werken, die Aspekte und Phänomene einer patriarchal geprägten Gesellschaft visualisieren, widmet sich ter Heijne auch alternativen Systemen, deren soziale, politische oder religiöse Realität sie inspiriert hat: Ein alternatives Gesellschaftssystem thematisiert ter Heijne in ihrer Arbeit "Export Matriarchy", die das künstlerische Ergebnis einer Reise ist, die sie 2007 in den Südosten Chinas geführt hat. Bis heute lebt dort die Mosuo Minderheit in einer matriarchalen Gesellschaftsordnung, die sich in dem zentralen Begegnungsort des Familienclans, dem Zumu‐Holzhaus, widerspiegelt.

Ein solches 200 Jahre altes Holzhaus hat ter Heijne dem Dorf abkaufte, um seinen spiritus loci einfangen und "exportieren" zu können. Denn die Wohnhäuser sind für die Familienclans der Mosuo zentraler Begegnungsort und repräsentieren zugleich ihre kulturellen, hierarchischen und sozialen Gesellschaftsstrukturen. Mit dem im Maßstab verkleinerten Plastikhaus Export Matriarchy, dem Nachbau des originalen Zumu, präsentiert die Künstlerin die Idee einer alternativen, matriarchal geprägten Gesellschaft. Das Plastikhaus übernimmt dabei eine Stellvertreterfunktion und repräsentiert eine Gesellschaftsform, über die Mathilde der Heijne sagt: "Nachdem ein glaubwürdiger Kommunismus auch aus China nicht mehr exportiert werden kann, bleibt doch noch ein anderes nicht verhandelbares Produkt zum Exportieren, eine lebendige, erfolgreiche matriarchale Gesellschaftsordnung."

Ein zum Kapitalismus alternatives Wirtschaftssystem thematisiert die für die Kunsthalle neu entstandene Installation "Give and Take" (2010). Mathilde ter Heijne hat einen Shop entwickelt, der als wohl einziger "Museumsshop" der Welt auf dem Prinzip des Tauschhandels basiert. Die angebotenen Produkte (Poster, Amulette, Aufkleber, Comichefte, CDs, T‐Shirts etc.) können gratis mitgenommen werden. Das unerwartete Geschenk und auch die Produktgestaltung laden zum Nachdenken über ein zum Kapitalismus alternatives Wirtschaftssystem ein und provozieren auch die Frage nach einer (ideellen) Gegenleistung.

Ausgangspunkt für die Installation war die Erfahrung, dass Wirtschaftssysteme anderer Kulturen, wie beispielsweise die der Mosuo Minderheit, nicht durch die Anhäufung privaten Vermögens motiviert sind. Sie orientieren sich vielmehr an der Frage, was zum alltäglichen Leben notwendig ist und funktionieren auf der Basis einer Kooperative, in der innerhalb eines Netzwerkes jeder seinen individuellen Beitrag leistet. Auch zur Entstehung von "Give and Take" ist ein solches Netzwerk aufgebaut worden, das die speziellen Displays sowie viele der Produkte des Shops entworfen hat.

Alternative Traditionen, die auf Magie, Hexenkult oder Voodoo basieren, werden beispielsweise in der Werkgruppe Experimental Archeology (2006) thematisiert, in der die Künstlerin archäologische Fundstücke in inszenierten Weiheritualen rekonstruiert. Das Video "Moon Rituals" (2007) zeigt Fragmente dieser Rituale, in der die tönernen Artefakte während einer Vollmondnacht in archaischen Öfen gebrannt wurden. In Form und Bemalung beziehen diese sich auf die Publikation Die Sprache der Göttin. Das verschüttete Symbolsystem der westlichen Zivilisation (1989) der Prähistorikerin und Anthropologin Marija Gimbutas. Die Artefakte weisen im Original wie auch in ter Heijnes Rekonstruktion Ornamente von Linien, gestreiften und gepunkteten Bändern, Zickzack‐ und Wellenlinien auf, die Gimbutas als alternatives Schriftsystem deutet.

Solch alternative Schrift‐ und Zeichensysteme thematisiert Mathilde ter Heijne in ihren Arbeiten vielfach. In der Vergangenheit boten diese Symbole Frauen den Raum, mündliche Überlieferungen zu tradieren. Auch die aus gewebten Ponchos bestehende Installation "Red, Black, Silver and White" (2009) thematisiert ein solches auf archaischen Zeichen basierendes Schriftsystem. Diese Ponchos, eine Art heidnisches Pendant zum christlichen Schutzmantel, sind mit mystischen Symbolen versehen, die dem Träger Schutz versprechen und ihn zu magischen Handlungen befähigen sollen.

Das die Ausstellung begleitende, zweisprachige Künstlerbuch (104 S., dt./engl., ca. 24 EUR, Verlag für moderne Kunst Nürnberg) umfasst neben zahlreichen Abbildungen und umfangreichem Quellenmaterial auch einführende Texte zu den Themenkomplexen und Arbeitsmethoden der Künstlerin. Hinzu kommen von Mathilde ter Heijne geführte Interviews mit Gesprächspartnerinnen und ‐partnern, mit deren Leben, Arbeit und Forschung sich ter Heijne im Kontext ihrer Recherchen beschäftigt hat.

Mathilde ter Heijne. Any Day Now
16. September bis 14. November 2010

Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Straße 32
D - 90402 Nürnberg

T: T 0049 (0)911 231 2853
F: F 0049 (0)911 231 3721
E: kunsthalle@stadt.nuernberg.de
W: http://www.kunsthalle.nuernberg.de/

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