Mathias Kessler in der Johanniterkirche

Ein menschlicher Schädel, der sich langsam in Form von Korallen auflöst, eine romantische Landschaft, die über zwei Jahrhunderte hinweg schmilzt, und eine aus illegal exportiertem Plastikmüll gewobene Decke, die über dem offenen Boden hängt. Mit diesen drei Verwandlungen thematisiert Mathias Kessler unseren epochalen Zustand der Schwebe. Die Ausstellung im sakralen archäologischen Raum der Johanniterkirche Feldkirch ist bis 26. September zu sehen.

„Between States of Matter“ nennt der im Kleinwalsertal und in New York lebende Künstler seine Ausstellung, mit der er Prozesse in der Schwebe sichtbar machen will, ein Zustand wie in einer Art Warteraum: „Jedes Werk ist eine andere Aufzeichnung desselben zugrunde liegenden Ereignisses: Die Welt, wie wir sie geerbt haben, ist dabei, sich in etwas anderes zu verwandeln, und wir verfügen noch nicht über die Sprache, die Theologie oder den Rahmen, um zu sagen, was. Wir warten, ohne genau zu wissen, worauf wir warten.“

Nach dem Eismeer
Im Kirchenschiff bezieht sich Mathias Kesslers Animation auf das Gemälde „Das Eismeer“, das Caspar David Friedrich 1823/24 malte. Es zeigt ein Schiff das von massiven Eisblöcken zerdrückt wird. Kesslers dreidimensionale Rekonstruktion des Gemäldes reagiert auf zwei Jahrhunderte dokumentierter Temperaturerhöhungen und Gletscherrückgänge. Die Szene entwickelt sich von 1824 bis 2024 weiter, während das Eis langsam schmilzt und das Schiff nach und nach verschwindet, so der Künstler: „Friedrichs Werk entstand nach den Napoleonischen Kriegen in einer Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Die Industrielle Revolution veränderte Europa schneller als bestehende Ideologien darauf reagieren konnten. In der Animation schmilzt nicht nur das Eis, sondern auch die Vorstellung von Natur, die im Bild eingeschrieben ist. Heute stehen Gesellschaften erneut vor einem vergleichbaren Moment. Künstliche Intelligenz bildet die jüngste dieser Entwicklungen, während die ideologischen Systeme der Gegenwart kaum auf ihre Konsequenzen vorbereitet sind.“

Gewebe aus Plastikmüll
Die zweite Arbeit entstand aus Feldforschung in Adana in der Türkei und wurde gemeinsam mit dem Künstler Ahmet Civelek entwickelt. Aus Verpackungen, Plastiktüten und Industriefolien entstanden handgewebte Paneele, die sich zu einer synthetischen Decke formen, die sich in den historischen Raum einfügt. Plastik ist nicht biologisch abbaubar. Es verwandelt sich nicht, es schmilzt nicht. Es sammelt sich einfach an, Schicht für Schicht, so Mathias Kessler: „Unter dieser Struktur liegen sechs freigelegte Bodenschichten und fünfundzwanzig Grabstätten. Zukünftige Archäologen werden auf dieses Plastik stoßen als geologisches Zeichen unserer Unfähigkeit, damit aufzuhören.“

Knochen als Korallenfutter
Im Altarraum steht ein Salzwasseraquarium, in dem ein menschlicher Schädel liegt, dessen Oberfläche von lebenden Korallen besiedelt wird. Die Organismen nutzen das Kalzium, das aus dem Knochen austritt, und wachsen auf und in das Material hinein, sodass sich der Schädel langsam in eine andere Form von Materie verwandelt, erklärt Mathias Kessler: „Während die Knochenreliquie traditionell auf Auferstehung verweist, zeigt diese Arbeit einen anderen Prozess — den kontinuierlichen Stoffwechsel der Materie, durch den Material in neues Material übergeht. Die Koralle weiß nicht, dass sie einen Schädel verzehrt. Sie wächst einfach.“

Verwandlungen und Widersprüche
Ein menschlicher Schädel wird zum Futter für Korallen und löst sich damit auf. Das Eismeer von Caspar David Friedrich schmilzt zu Wasser. Illegal exportierter Plastikmüll wird zu einer Decke gewoben — und bleibt doch Plastik. Was seine drei Arbeiten verbindet, ist der Prozess der Verwandlung an einem Ort der Verwandlung und der Widersprüche, sagt Mathias Kessler: „Die Johanniterkirche vereint alle drei. Ein Jahrhunderte altes Gebäude. Eine noch unvollendete Ausgrabung unter ihrem Boden. Ein Raum, der sich selbst in einem Zwischenzustand befindet – weder Ruine noch Museum, weder aktive Kirche noch Archiv. Dieser Raum beherbergt diese Werke nicht nur. Er ist das vierte.“

Mathias Kessler (geb. 1968, Österreich) lebt und arbeitet im Kleinwalsertal und in New York. Seine Arbeiten verbinden Fotografie, Installation und digitale Medien und setzen sich kritisch mit der Tradition romantischer Landschaftsdarstellung auseinander. Dabei verschiebt er Gegensätze wie Natur und Kultur, Ästhetik und Ideologie sowie Dokument und Fiktion. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Kunsthal Rotterdam, im Kunsthaus Graz, im Columbus Museum of Art, in der Marianne Boesky Gallery sowie im Palmengarten Frankfurt. Er erhielt einen MFA der School of Visual Arts.

Between States of Matter
Mathias Kessler in der Johanniterkirche
Vernissage: Freitag, 19. Juni, 20 Uhr
Begrüßung Kurator Arno Egger
Mathias Kessler im Gespräch mit Karin Guldenschuh
Dauer der Ausstellung: 20. Juni bis 26. Sept. 2026
Dienstag bis Freitag: 10 bis 12 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Samstag: 10 bis 14 Uhr