„Marisol“ – die Wiederentdeckung einer rätselhaften Figur zwischen Pop-Art und Nouveau Réalisme

Das Kunsthaus Zürich widmet der US-amerikanischen Künstlerin venezolanischer Herkunft María Sol Escobar (1930–2016), die unter dem Namen Marisol bekannt ist, die erste Retrospektive in Europa. Die Ausstellung umfasst fünf Schaffensjahrzehnte und macht ein außergewöhnliches Werk neu erfahrbar, das Popkultur, Satire und gesellschaftliche Analyse auf eindringliche Weise verbindet.

Marisol zählte in den 1960er-Jahren zu den enigmatischsten Persönlichkeiten der New Yorker Kunstszene. Ihre oft lebensgroßen bemalten Holzskulpturen, die sie mit Alltagsgegenständen kombinierte, sorgten für Furore. Sie verband Elemente der Popkultur, des Dadaismus und der Volkskunst mit Selbstporträts und schuf unverwechselbare, häufig satirische Ensembles. Andy Warhol, mit dem sie eng befreundet war und der sie in mehreren seiner Filme auftreten ließ, nannte sie die „erste Künstlerin mit Glamour”.

Marisols Biografie ist geprägt von Bewegung zwischen Kontinenten und Kulturen. 1930 in Paris als Tochter wohlhabender venezolanischer Eltern geboren, verbrachte sie ihre Kindheit zwischen Europa, Venezuela und den Vereinigten Staaten. Früh erlebte sie einschneidende Brüche: Mit elf Jahren verlor sie ihre Mutter durch Freitod. In der Folge sprach sie über ein Jahrzehnt lang nur das Nötigste. Ihr zurückhaltendes, geheimnisvolles Auftreten trug später wesentlich zu ihrer Faszination innerhalb der New Yorker Szene bei.

1949 begann Marisol ihr Studium an der École des Beaux-Arts in Paris, wechselte jedoch bald nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann School besuchte. Vieles eignete sie sich autodidaktisch an. 1957 zeigte Leo Castelli ihre erste Einzelausstellung in New York. Den endgültigen Durchbruch erzielte sie jedoch erst mit Ausstellungen in der Stable Gallery 1962 und 1964, bei denen sie neben Künstlern wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle präsentiert wurde.

Ihr Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop-Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zuordnen zu lassen. Früh entwickelte sie eine eigenständige, unverkennbare Formensprache. Mehrfach zierten ihre Arbeiten die Titelseite des Time Magazine und anderer Zeitschriften.

Auch in Europa erregte Marisol früh Aufmerksamkeit. 1967 zeigte die Hanover Gallery in London unter dem Titel „Figures of State” mehrere neue Arbeiten, darunter „The Royal Family”. Zuvor hatte The Daily Telegraph sie eingeladen, ein plastisches Porträt der britischen Königsfamilie und des damaligen Premierministers Harold Wilson zu schaffen. Die daraus entstandenen Ganzfigurenskulpturen verbinden Leichtigkeit mit subtil bissigem Humor.

1968 vertrat Marisol Venezuela auf der 34. Biennale in Venedig mit acht Ensembles, die sich unter anderem kritisch mit der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft auseinandersetzten. Im selben Jahr war sie eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden auf der documenta in Kassel. Ebenfalls 1968 zeigte das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam die erste und bis heute letzte monografische Museumsausstellung der Künstlerin in Europa.

Die weltweiten Proteste von 1968 und deren gewaltsame Niederschlagung führten dazu, dass sich Marisol vorübergehend aus dem Kunstbetrieb zurückzog. Sie reiste durch Südasien, beschäftigte sich intensiv mit östlicher Philosophie und entdeckte beim Tauchen die Unterwasserwelt als neues Bildthema. Dabei setzte sie sich zunehmend mit ökologischen Fragestellungen auseinander.

Ab den 1970er-Jahren mied sie das Rampenlicht, arbeitete jedoch kontinuierlich weiter. Neben Skulpturen entstanden Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien sowie Bühnenbilder und Kostüme für Tanzkompagnien. Später realisierte sie auch Denkmäler für den öffentlichen Raum. Trotz ihrer anhaltenden Produktivität geriet sie zunehmend in Vergessenheit.

Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses, den sie dem Buffalo AKG Art Museum vermacht hatte, führte in Nordamerika zu einer umfassenden Neubewertung. Von 2023 bis 2025 war eine vielbeachtete monografische Wanderausstellung in Montreal, Toledo, Buffalo und Dallas zu sehen, die von Cathleen Chaffee, Chief Curator am Buffalo AKG Art Museum, initiiert und kuratiert wurde.

Im Anschluss an diese Präsentation realisieren das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, das Kunsthaus Zürich, das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und das Museum der Moderne in Salzburg gemeinsam die erste umfassende Retrospektive von Marisols Œuvre in Europa. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem Marisol Estate am Buffalo AKG Art Museum. Die Überblicksschau im Kunsthaus Zürich versammelt rund 100 Werke: etwa 60 Skulpturen und Objekte, rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien sowie ausgewählte Filme und Archivmaterialien – ein Großteil davon ist erstmals in Europa zu sehen. Neben ikonischen Hauptwerken werden weniger bekannte Werkgruppen präsentiert, die Marisols formale Innovationskraft und gesellschaftskritische Schärfe verdeutlichen.

Marisols radikale Kunst verhandelt zentrale Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts: die Rolle der Frau, das traditionelle Familienbild, soziale Ungleichheit, kapitalistische Strukturen, den Umgang mit politischer Macht und Prominenten. Mit Ironie und Präzision entlarvt sie gesellschaftliche Inszenierungen und entwirft zugleich vielschichtige Selbstbilder. Die Ausstellung rückt eine Künstlerin ins europäische Bewusstsein, deren Werk heute aktueller denn je erscheint.

Marisol
Bis 23.08.2026