Maria Stuart und Elisabeth, historisch schicksalsverwoben, in Gaetano Donizettis Oper als psychologisches Doppelportrait zweier starker Frauen gezeichnet, finden in der atemberaubenden Inszenierung von Ulrich Rasche und dem hervorragenden Duo Lisette Oropesa / Kate Lindsey eine Darstellung mit dramatischer Wucht. Kongeniale Partner: der musikalische Leiter Antonello Manacorda und die Wiener Philharmoniker. Regisseur wie Dirigent stellen sich erfolgreich der Herausforderung, hinter der scheinbaren Schönheit Donizettis Musik die gesellschaftlichen und politischen Spannungen herauszuarbeiten.
Maria Stuart, Königin von Schottland, muss sterben. Zu groß ist die Bedrohung für den Thron Englands, den Elisabeth seit zehn Jahren innehat. In der Oper geht es um die letzten 24 Stunden vor Marias Hinrichtung (tatsächlich 1587 stattgefunden). Beide erscheinen als mächtige Frauen, sind aber zugleich Getriebene. „Ihr Handeln wird permanent kontrolliert, kommentiert und manipuliert – von Männern, vom Volk, von religiösen und politischen Interessen. Sie sind Projektionsflächen und zugleich Zielscheiben“, interpretiert Ulrich Rasche, und die Inszenierung zeigt diesen Mechanismus im wahrsten Sinne des Wortes. „Die Frauen stehen im Zentrum, doch um sie herum formieren sich Gruppen von Männern – als Wächter, Vollstrecker, Beobachter“, es zeige sich ein symbolisches Machtgefüge.
„Diese Oper braucht ein Bühnenbild das nicht illustriert, sondern einen Raum für die inneren und äußeren Konflikte schafft.“ Als Regisseur und Bühnenbildner zugleich hat Rasche eine gigantische Apparatur entworfen: Zwei große rotierende Scheiben repräsentieren die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Königinnen, eine dritte, schwebende Scheibe trennt sie – oder verbindet sie über die eigenen Projektionen, wenn darauf Elisabeths innere Bilder von Maria erscheinen. Zwei Gegenpole entstehen in einem symbolischen Raum. Wenn sich bei Elisabeth am Anfang alles um Maria dreht, wird deren imaginäre Präsenz als Gefangene sichtbar. Die eine Scheibe entfernt sich, die andere bleibt im Fokus, kippt, wenn die Schwere der Gedanken groß wird. Alle Personen verbleiben in unaufhörlichem Schreiten, im Zentrum die Königin. Ihre Berater – der wichtigste Minister Cecil (Thomas Lehman), der die Hinrichtung als einzigen Weg sieht; Talbot, der Graf von Shrewsbury (Aleksei Kulagin), der Maria auf Fotheringhay bewacht; und Roberto, Conte di Leicester, den beide Frauen lieben – treten plötzlich aus der Formation der Tänzer (Salzburg Experimental Academy), die die Partitur in Bewegungsabläufe gießt, hervor und wieder ab, indem sie sich erneut integrieren. Faszinierend! So wird selbst Leicester – der usbekische Tenor Bekhzod Davronov ist überzeugend in Gesang und Präsenz – zu einer Nebenrolle, dem auch von Donizetti keine eigene Arie im engeren Sinn zugestanden wird.
Maria und Elisabeth sind in ihren Biografien, ihrem politischen Handeln und im Charakter grundverschieden. Elisabeth ist eine vorsichtige und kluge Herrscherin, die sich mit ihrem Parlament abstimmt; auf der anderen Seite die unbesonnene und impulsive Maria, furchtlos, elegant und verführerisch. Sie hat sich selbst durch ihre Entscheidungen in die Gefangenschaft manövriert. Donizetti kontrastiert die beiden Rivalinnen mit musikalischen Mitteln in hoher Stringenz – in der Generalprobe 1834 seien die Sängerinnen bei der Schlüsselszene wutentbrannt aufeinander losgegangen! – und die zwei Protagonistinnen in Salzburg wissen dies in Erscheinung und hochkarätigem Gesang darzubringen.
Die lyrische Koloratursopranistin Lisette Oropesa ist Maria, und es wirkt authentisch, wenn sie es nicht lange aushält in demütiger Haltung um Gnade zu bitten, und den Beleidigungen Elisabeths Kontra gibt, vermeintlich triumphiert. Damit ist allen klar, ihr Schicksal ist besiegelt. Auch der wunderbaren Mezzosopranistin Kate Lindsey gelingt es als Elisabeth die Gebrochenheit der Figur, ihre Gewissensbisse und Empörung glaubwürdig nachvollziehbar zu machen.
Die Entscheidung zur Hinrichtung fällt ihr schwer, sie ist gefangen in einer politischen Mechanik, die monumentale Architektur der Drehscheiben (ein unüberhörbarer Makel: das Geräusch beim Heben und Senken, bis zum zeitweiligen Wispern …) verbildlichen die auf sie wirkenden Kräfte. Maria geht als Souveränin in einen Märtyrertod, der für sie einer Erlösung gleichkommt. Dramatisch das Finale, und bedrohlich senkt sich die schwebende Scheibe auf das Szenario, es gibt kein Entrinnen.
Frenetischer Applaus, das hier Erlebte schwingt lange nach.
* Zur fundierten Recherche diente das Programmbuch der Salzburger Festspiele, insbesondere die Essays von Elisabeth Bronfen und Anselm Gerhard sowie das Gespräch mit Ulrich Rasche, dem Regisseur und Bühnenbildner.
Maria Stuarda | Gaetano Donizetti (1797 - 1848)
Tragedia lirica in zwei Akten (1835)
nach dem Trauerspiel Maria Stuart von Friedrich Schiller
Antonello Manacorda, Musikalische Leitung
Ulrich Rasche, Regie und Bühne
Kate Lindsey, Elisabetta
Lisette Oropesa, Maria Stuarda
Bekhzod Davronov, Roberto, Graf Leicester
Aleksei Kulagin, Giorgio Talbot
Thomas Lehman, Lord Guglielmo Cecil
Nino Gotoshia, Anna Kennedy
Tänzer und Tänzerinnen von SEAD — Salzburg Experimental Academy of Dance
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor