Das Museum der Moderne Salzburg zeigt am Standort Altstadt (Rupertinum) das Frühwerk einer der herausragendsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Die Ausstellung versammelt frühe Zeichnungen sowie Ausstellungsplakate von Georg Baselitz. Gemeinsam mit den künstlerischen Manifesten machen sie den jungen Baselitz der 1960er-Jahre greifbar.
Georg Baselitz’ Werk umspannt knapp sieben Jahrzehnte internationaler Ausstellungstätigkeit und wurde mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Seit 1969 unterläuft er mit der radikalen Umkehrung seiner Motive die Konventionen des Sehens und verschiebt die Frage nach dem Bildinhalt hin zur Malerei selbst. Die Ausstellung im Rupertinum zeigt Werke des Künstlers, die vor diesem einschneidenden Schritt entstanden sind. Neben dem Ammersee und Imperia in Italien war Salzburg über viele Jahre ein Lebensmittelpunkt von Georg Baselitz. Er verstarb am 30. April 2026 im Alter von 89 Jahren. Diese Ausstellung wurde noch gemeinsam mit ihm konzipiert – ebenso wie die parallellaufende Schau am Mönchsberg zu seinem Spätwerk „Baselitz jetzt”. Bei deren Eröffnung im März 2026 übergab Georg Baselitz dem Museum ein bedeutendes Werk der Ausstellung als Schenkung: „Weißes Bett, weiß” (2022).
Das Museum der Moderne Salzburg blickt vom Heute aus neu auf sein Werk – in seiner ganzen ästhetischen und intellektuellen Schärfe. Die Doppelausstellung konfrontiert über den Festspielsommer hinweg die frühen Zeichnungen der 1960er-Jahre im Rupertinum mit den monumentalen Gemälden der letzten zehn Jahre auf dem Mönchsberg. Diese beiden Pole eignen sich gut, um Reflexionen zum Ineinandergreifen von Biografie, künstlerischer Entwicklung und Allgemeingeschichte anzustellen. Die Ausstellung wird durch zahlreiche Leihgaben des Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen und der Peter und Irene Ludwig Stiftung unterstützt. Dank dieser guten Zusammenarbeit kann die Werkgruppe – auch auf Wunsch des Künstlers – nach langer Zeit wieder in ihrer Gesamtheit gezeigt werden.
Baselitz Manifeste
Georg Baselitz erlebte den Zweiten Weltkrieg, den Faschismus und die Teilung Deutschlands nach 1949, was ihn zu einer starken Ablehnung ideologischer Denksysteme führte. Seine Haltung wurde durch die Verweisung von der Kunsthochschule in Ostberlin im Jahr 1957 sowie die Beschlagnahmung zweier Gemälde aus seiner ersten Einzelausstellung im Jahr 1963, kurz nach seiner Emigration nach Westberlin, noch verstärkt. Deshalb erscheint es auf den ersten Blick überraschend, dass der Künstler dennoch Manifeste verfasste.
Die 1960er-Jahre waren eine prägende Zeit für Baselitz. In den Jahren des Wiederaufbaus waren die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs im geteilten Deutschland immer noch spürbar. Mit seiner Kunst polarisierte Baselitz und erlangte durch einen großen Skandal schlagartig landesweite Bekanntheit. Inmitten von Anfeindungen der Nachkriegsgesellschaft und einem durch Konkurrenz geprägten, rasant wachsenden Kunstmarkt schuf er durch seinen expressiven Stil ein markantes und bis heute einzigartiges Werk. Anfang der 1960er-Jahre entschied er sich bewusst für die Figuration – ein Schritt, der in einer Zeit, in der die abstrakte Kunst dominierte, als Provokation empfunden wurde. Damit schlug er nicht nur neue Wege in der Malerei ein, sondern schrieb sich auch als Erneuerer der Nachkriegskunst in die Kunstgeschichte ein.
In seinen frühen grafischen Arbeiten zeigt er ein von physischer und psychischer Versehrtheit geprägtes Menschenbild im geteilten Nachkriegsdeutschland. Desillusionierte, von Geschwüren und Verletzungen gezeichnete Helden prägen sein Frühwerk. Er setzte sich mit deutscher Geschichte, Identität und dem Künstler-Ich auseinander. Dabei waren Themen wie Kriegszerstörungen, der Wiederaufbau und der Kalte Krieg besonders präsent. Dabei verknüpfte er klassische Bildtraditionen mit einer kraftvollen Bildsprache, die oftmals als roh und verstörend empfunden wurde.
Die Schau eröffnet den Besucher:innen mit insgesamt 57 frühen Zeichnungen und Plakaten einen Einblick in die frühe Ausstellungsgeschichte des Künstlers bis hin zu seiner richtungsweisenden Entscheidung, die Bildmotive radikal umzukehren, wodurch er die Konventionen des Sehens hinterfragte. Die Arbeiten sind im Rupertinum auf vier Räume aufgeteilt, angelehnt an die vier Manifeste, die Baselitz – teils mit seinem Studienkollegen Eugen Schönebeck – in den 1960er-Jahren verfasste.
Die Manifeste
- Pandämonium I, 1961 (erste und zweite Version)
- Pandämonium II, 1962
- Lieber Herr W., 1963
- Warum das Bild Die großen Freunde ein gutes Bild ist!, 1966
Manifeste sind programmatische Texte an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik, die Karl Marx als „Poesie der Revolution“ bezeichnete. Als fester Bestandteil der künstlerischen Praxis der historischen Avantgarden sind Manifeste Ausdruck der Ablehnung vergangener und bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse.
Pandämonium I, 1961 (erste und zweite Version)
Das erste Manifest verfasste Georg Baselitz in zwei Versionen gemeinsam mit Eugen Schönebeck in einer Zeit tiefgreifender Krisen während der Hochphase des Kalten Krieges. Die beiden verband nicht nur ihre Herkunft aus Ostdeutschland, sondern auch ihre ablehnende Haltung gegenüber der vorherrschenden abstrakten und informellen Kunst. Wütend über fehlende Ausstellungsmöglichkeiten verfassten sie eine Streitschrift, die sie in gedruckter Form als Ankündigung ihrer ersten selbst organisierten Ausstellung in einem Berliner Abrisshaus verteilten. Das Manifest besteht aus provokativen und schwer verständlichen Aussagen in teils pathetischem, teils vorwurfsvollem Ton und ist geprägt von überhöhtem Selbstbewusstsein. Damit positionierten sich Baselitz und Schönebeck nicht nur als grundsätzliche Verweigerer, sondern auch als Grenzgänger am Rande des Wahns. Rückblickend legte dieses Manifest das Fundament für Baselitz’ Karriere.
Pandämonium II, 1962
1962 riefen Baselitz und Schönebeck erneut das Pandämonium aus. Sie beschworen das düstere Gegenstück zum Pantheon herauf und riefen statt der Gesamtheit der Götter die der Dämonen an. Das Manifest enthält maschinengeschriebene Textbeiträge von Baselitz’ Frau Elke sowie Zeichnungen beider Künstler. Die geplante gemeinsame Ausstellung konnte jedoch nicht realisiert werden. Selbstbewusst und provokativ äußerten die beiden Kritik an der Kunstszene und beschäftigten sich intensiv mit der Figur des Künstlers als Außenseiter in der Gesellschaft. Dabei bezogen sie sich auf Künstlerpersönlichkeiten wie den französischen Theatervisionär und Dichter Antonin Artaud, der nicht nur durch Zitate und seinen Sprachstil, sondern auch durch Porträts, die Baselitz von ihm anfertigte, präsent war.
Lieber Herr W., 1963
Das dritte Programm erschien 1963 als Brief an den Galeristen Michael Werner. Baselitz deklarierte es rückblickend als Manifest zu seiner ersten Einzelausstellung in der neu gegründeten Galerie Werner & Katz. Die Ausstellung führte zu einem öffentlichen Skandal und zwei seiner Bilder wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Er wurde gemeinsam mit den Galeristen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angeklagt. Besonders provozierte das Gemälde „Die große Nacht im Eimer”. Es zeigt einen kleinen, masturbierenden Mann mit einem überdimensionalen, erigierten Penis. Das eigentliche Thema des Bildes ist jedoch die deutsche Geschichte, wobei es einen Verweis auf ein Mitglied der Hitlerjugend gibt: Seitenscheitel und kurze braune Hosen. Baselitz sträubte sich gegen das Verschweigen und Verdrängen der Elterngeneration und wollte eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erzwingen. Er wurde über Nacht einer breiten Öffentlichkeit bekannt, allerdings mit zweifelhaftem Ruf.
Das dritte Manifest wurde erst knapp zehn Jahre später publiziert, und zwar in der von Günter Brus während seiner Zeit im Berliner Exil herausgegebenen Zeitschrift „Die Schastrommel”. Brus, einer der Hauptvertreter des Wiener Aktionismus, teilte mit Baselitz denselben Geist des Widerstands gegen die bürgerliche Moral. Beide sprengten die Grenzen des Sag- und Zeigbaren und sahen sich öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt.
Warum das Bild „Die großen Freunde”, 1966, ein gutes Bild ist!
Im Februar 1966 präsentierte Baselitz in der Galerie Springer erstmals eine Auswahl seiner „Neuen Typen“ oder „Helden“. Das Plakat zur Ausstellung gestaltete seine Frau Elke. Es zeigt nicht nur das zentrale Werk der Präsentation, das Gemälde „Die großen Freunde“, sondern liefert auch gleich die Erklärung „Warum das Bild Die großen Freunde ein gutes Bild ist!“ mit. Dieser Text, Baselitz’ viertes Manifest, legte sein Verständnis von künstlerischem Schaffen und Ästhetik offen. Wesentliche Impulse hierfür entnahm er der „Liste der Merkmale schizophrener Bildnerei“ aus der gleichnamigen Publikation von Helmut Rennert aus dem Jahr 1962.
Seine Faszination für das Unangepasste und seine Verortung als gesellschaftlicher Außenseiter ließen Baselitz gezielt die Nähe zu nonkonformistischen Ausdrucksformen suchen.
Baselitz Manifeste
bis 4. Oktober 2026