Am Samstag, 8. Dezember 07, hat Stephan Kimmigs Inszenierung von Tom Lanoyes Adaption des Medea-Mythos mit Sandra Hüller in der Titelrolle Premiere am Münchner Schauspielhaus: In "Mamma Medea" schafft Lanoye den Sprung in die Gegenwart, ohne die archaische Wucht der antiken Vorlage preiszugeben. Die Konfrontation zwischen den beiden Kulturen legt er in die Sprache: Wenn die "Barbaren" in Versen und die Griechen in flapsiger Prosa sprechen, zeigt das die Ambivalenz unserer Auffassung von Zivilisation.

"Dem Fremden, sagt man, kann man niemals trauen / Denn eine Mauer, undurchdringlich schier / Trennt den Verwurzelten vom Heimatlosen stets", ahnt Medea, begabte Seherin und Königstochter von Kolchis. Doch Medea, deren Wurzeln längst zu Fesseln zu verhärten drohen, ist bei all ihrer klugen Voraussicht auch eine gefühlsbetonte junge Frau, die vom Glück der großen Liebe träumt. Und die sich, als der Fremde, der Grieche Jason, vor ihr steht, verliebt, alles riskiert und sich hineinstürzt in eine Amour Fou.

Mit seinen Argonauten ist Jason aus Griechenland gekommen, um von den Kolchern, den "Barbaren", das goldene Vlies einzufordern. In der Fremde will er Heldenhaftes vollbringen - halb Abenteurer halb kalkulierender Karrierist. Medea besorgt Jason das Vlies und macht so den feindlichen Eindringling mit List und Zauberkunst zu dem Helden, der er sein will. Für das Versprechen mit ihr zu fliehen, sie in seiner Heimat zu heiraten und ein gemeinsames Leben zu führen, lässt sie alles Vertraute radikal hinter sich, kappt die familiären Bindungen und nimmt sogar den grausamen Brudermord in Kauf.

Der zweite Teil "In der Fremde / Zuhause" spielt Jahre später. Nun ist Medea fremd in Jasons Heimatland und alles ist anders als erhofft: Statt in den Palast hat der Gatte Medea ins Reihenhaus geführt. Die Liebe hat den hohen Erwartungen nicht standgehalten. Zwei Söhne sind inzwischen geboren, aber der Alltag ist trist, der männliche Held beruflich nicht wirklich erfolgreich. Er sucht sein Glück in den Armen einer Anderen, Medea will er verlassen. Sie will nicht gehen, denn es gibt für sie kein zurück in die alte Heimat. Medea kämpft nun mit der gleichen Entschlossenheit gegen Jason, mit der sie ihn einst zum Helden gemacht hat. Dem erbarmungslos konsequenten Versuch, den Alptraum zu beenden, fallen schließlich die Kinder zum Opfer - werden zur traurigen letzten Waffe im Ehekrieg. Aber anders als im Mythos, getötet von den Eltern, die sich in der Schuld wieder nahe sind.

Der flämische Autor Tom Lanoye ist bereits mit "Schlachten!", seiner spektakulären Bearbeitung von Shakespeares Rosenkriegs-Dramen, die in der 11-stündigen Inszenierung von Luk Perceval 2001 auch in der Jutierhalle zu sehen war, international bekannt geworden. Für "Mamma Medea" greift er auf die antike Medea-Tragödie von Euripides und das Zorn-Epos des griechischen Dichters Apollonios von Rhodos zurück.


Mamma Medea von Tom Lanoye
Premiere: Sa 8. Dezember 07, 19.30 Uhr
Deutsch von Rainer Kersten

Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Dramaturgie: Julia Lochte
Musik: Michael Verhovec
Licht: Björn Gerum

Weitere Vorstellungen:
10. Dezember 20.00 Uhr
11. Dezember 19.30 Uhr
15. Dezember 19.30 Uhr
30. Dezember 19.00 Uhr
08. Januar 20.00 Uhr
13. Januar 19.00 Uhr
29. Januar 20.00 Uhr

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  •  8. Dezember 2007 29. Januar 2008 /
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