15. August 2019 - 4:42 / Ausstellung / Fotografie  / Reminder
1. September 2019 27. Oktober 2019

Nahezu überall und zu jeder Zeit findet Mahtola Wittmer (*1993) Ideen für ihre Arbeit in den Bereichen Fotografie, Performance, Intervention und Objekt. Oftmals sind es leicht zu übersehende Dinge oder unspektakuläre Begebenheiten, denen sie im privaten oder öffentlichen Raum begegnet, die ihr Anregung zur künstlerischen Auseinandersetzung bieten. In ihrer CARAVAN-Ausstellung im Aargauer Kunsthaus lässt uns Wittmer in ihr immenses Bildarchiv blicken und führt uns viele kleine Absurditäten des Alltags vor Augen.

Während Marcel Duchamp im Jahr 1917 mit seinem Werk Fountain ein Urinal zur Skulptur erhob und somit den Gedanken festigte, dass nahezu alles zum Kunstwerk werden kann, erfand der US-amerikanische Künstler Allan Kaprow Ende der 1950er-Jahre die Form des «Happenings»: improvisierte Ereignisse mit Einbezug des Publikums. Auch Wittmer konfrontiert mit ihren oft im öffentlichen Raum stattfindenden Performances und Interventionen ein – nicht immer freiwilliges – Publikum mit ihrer Kunst. So liess die Künstlerin anstelle von Glockengeläut den charakteristischen Klingelton eines Smartphones aus einem Kirchturm ertönen (Zeitzeichen, 2018, Intervention im öffentlichen Raum Luzern und Düsseldorf, in Zusammenarbeit mit Klarissa Flückiger).

Das Handy nimmt auch in Wittmers fotografischer Arbeit einen wichtigen Stellenwert ein, denn es erlaubt ihr, spontan Aufnahmen zu machen. Als Bildsujets wählt sie keine besonders aussergewöhnlichen oder exotischen Dinge aus, sondern nimmt Papierschnipsel, ein Paar Gummihandschuhe oder einige Brocken Tiefkühlspinat vor die Kameralinse. Die meisten Gegenstände, die Wittmer abbildet, kennen wir aus dem Alltag, schenken ihnen aber in der Regel wenig Beachtung. In diesem Sinn folgt Wittmer den Spuren Duchamps. Ihre Fotografien sind nicht gestellt, sie bildet ab, was sie vorfindet.

Die Inszenierung der Motive beginnt erst später, wenn die Künstlerin die Bilder in verschiedenen Formaten ausdruckt, sie unterschiedlich kombiniert und im Raum installiert. Dann werden plötzlich Beziehungen zwischen einzelnen Bildern ersichtlich: Gemeinsamkeiten in Form, Struktur und Farbe. Manchmal entstehen dabei feste Bildpaare, wie der erwähnte tiefgefrorene Spinat, der mit aus einem Holzboden herausquellenden grünen Schaumstoff zusammenkommt, oder ein Mülleimer, der sich neben einen antiken Tempel gesellt. Diese sogenannten «couples» verwendet Wittmer anschliessend oft nur noch gemeinsam.

Nebst pragmatischen Gründen, welche Wittmer zum Entscheid führten, mit ihrem Smartphone zu fotografieren, interessiert sie sich auch für die gesellschaftlichen Auswirkungen der Allgegenwart dieses Geräts. In Bezug auf die Fotografie hat durch die Erfindung der kameratauglichen Handys eine Art Demokratisierung stattgefunden: Es ist heute kinderleicht, sich ein eigenes Bildarchiv anzulegen und dieses in der Hosentasche mit sich herumzutragen. Die Kameras unserer Smartphones ermöglichen es, jeden erdenklichen Moment als Bild zu speichern. Genau diese unbeschränkte Möglichkeit wirft aber die Frage auf, wann wir davon Gebrauch machen und wann nicht. Wittmer reflektiert mit ihrer Arbeit diese Entscheidung und setzt sich weiter mit der Trennung von öffentlichem und privatem Leben auseinander.

Wittmers umfangreiches Bildarchiv lässt sich nicht auf eine Thematik beschränken, aber es sind einige Schwerpunkte auszumachen. So finden wir viele Aufnahmen von Nahrungsmitteln oder Kosmetik- und Hygieneprodukten, mit denen wir meist mehrmals täglich zu tun haben. Auch Ansichten des menschlichen Körpers, jener der Künstlerin oder von Personen aus ihrem Umfeld, häufen sich. Weitere Bildmotive sind eigentliche «Moderne Stillleben», konkreter «Badezimmer-Stillleben» oder «Büro-Stillleben», die statt wie im 18. Jahrhundert erhabene Gegenstände wie edles Geschirr, schöne Blumenarrangements oder appetitliches Obst, ein Parfümflakon auf dem Spülkasten einer Toilette, die irrwitzige Kombination von Putzmittel und einem Hai aus Plastik oder eine Pflanze neben einem Kopiergerät zeigen.

Schliesslich drängt sich bei vielen von Wittmers Bildern die Frage auf: «Was ist hier bloss passiert?» Während Brosamen eines Croissants auf einer Serviette gewöhnliche Spuren eines Frühstücks zeigen, geben andere Motive Rätsel auf: Wozu dienen all diese Klebestreifen im Türrahmen? Wieder andere Szenen scheinen einfach «so geschehen», unbeabsichtigt entstanden zu sein: Der weisse Kissenbezug im Fenster wird unvermittelt zur weissen Fahne – und schon nimmt das Gedankenkino seinen Lauf.

Mit ihren Bildern schärft Wittmer unsere Aufmerksamkeit und lässt uns an ihrer Faszination für das Alltägliche teilhaben. Indem sie triviale Gegenstände und Situationen fotografiert und als "bildwürdig" deklariert, spricht sie auf den ersten Blick Unwichtigem einen Wert zu. Wittmer fordert ihr Publikum auf, bereits tausend Mal Gesehenes auf neue Art zu betrachten und Selbstverständliches immer wieder zu hinterfragen. Mahtola Wittmer, geboren 1993 in Luzern, lebt und arbeitet in Adligenswil und Luzern.

Mahtola Wittmer
1. September bis 27. Oktober 2019
Eröffnung: Sa 31. August 2019, 18 Uhr

Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH - 5001 Aarau

T: 0041 (0)62 83523-30
F: 0041 (0)62 83523-29
W: http://www.aargauerkunsthaus.ch/

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  •  1. September 2019 27. Oktober 2019 /
Mahtola Wittmer: IMG_2501, 2019. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_2501, 2019. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_5106; 2017. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_5106; 2017. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_0911 / IMG_0910, 2018. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_0911 / IMG_0910, 2018. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_4409, 2017. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_4409, 2017. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_8190 / IMG_7644, 2018/2015. Fotografie; © Mahtola Wittmer
Mahtola Wittmer: IMG_8190 / IMG_7644, 2018/2015. Fotografie; © Mahtola Wittmer