Mahlers monumentale Achte Symphonie wird mit den Berliner Philharmonikern – und acht Solistinnen, Solisten sowie vier Chören – unter Kirill Petrenko zum unbeschreiblichen Erlebnis. Meisterhaft balanciert er das gigantische Werk mit den über dreihundert Musizierenden zwischen klanglicher Wucht und atmosphärischer Dichte im Großen Salzburger Festspielhaus.
Einen Gipfelpunkt in Gustav Mahlers Schaffen – aber nicht nur seines eigenen, sondern der Gattung überhaupt – stellt die sogenannte „Symphonie der Tausend“ dar, wobei der Komponist den zur Uraufführung (1910) geprägten Begriff nur als vorübergehende Werbemaßnahme akzeptierte. „… Es ist das Größte, was ich bisher gemacht habe … Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen“, schreibt er 1906 an den Dirigenten Willem Mengelberg.
Symphonie, Oratorium, Oper, Orchesterlied – die Komposition erreicht in Ausmaß und Aufgebot der Mitwirkenden Rekorde. Über ein Jahrzehnt (2013 Dudamel, 2001 Welser-Möst, 1986 Maazel …) musste offenbar wieder bis zu einem solchen Highlight in Salzburg vergehen. Wobei die Aufführung in dieser Konstellation – mit Rundfunkchor Berlin und Bachchor Salzburg – im Jänner in der Philharmonie Berlin bejubelt wurde.
Es beginnt mit dem mittelalterlichen Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“, die Idee zu dieser Vorlage kam Mahler in seinem Komponierhäuschen am Wörthersee, wo ihm ein katholisches Messbuch in die Hände fiel. Der zweite, längere Teil vertont die über eintausend Jahre jüngere Schlussszene aus Goethes „Faust II", ein Stoff, der Mahler sein Leben lang beschäftigte. Was dieser eher nicht wusste: Goethe hatte den Pfingsthymnus selbst ins Deutsche übersetzt und interpretierte den Text „Komm Schöpfer Geist“ als Appell an das Genie zum kreativen Schaffen. Eine stimmige Zusammenstellung.
Das Werk beginnt mit Orgel und vollem Orchestersound – achtzig Streicher, acht Hörner, 130 insgesamt! – „Veni creator spiritus“, ein musikalisches Gebet, eindringlich, verständlich, allein durch die Musik und die geformten Worte – niemand wird sie übersetzen wollen, sie sind fühlbar. Kirill Petrenko weiß über Intention und Inspiration des Komponisten. Kontrastreich gelingt es die heftige Dauerpräsenz von Chor wie Orchester meisterlich zu gestalten und mit den emotionalen Gesangspassagen der Solistinnen und Solisten zu verschmelzen. Am Ende des ersten Teils wendet sich der Dirigent plötzlich zum Publikum – doch tatsächlich den Blechbläsern am Rang zu, den Energiefluss der Musik für alle durch und durch spürbar machend.
Noch mehr Gestaltungsspielraum bietet der zweite Teil, die Vertonung der Schlussszene aus Goethes "Faust II". Mit impressionistischer Klangsensibilität, fast kammermusikalisch, erscheint die Natur mit Waldung, Felsen, Wurzeln … so geheimnisvoll, „Löwen, sie schleichen stumm“ … . Die Motive aus dem ersten Part entfalten sich hier zur Vollendung. Engel erheben ihre Stimmen – hervorragend und auswendig singend, der Tölzer Knabenchor sowie der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Das Mater gloriosa „Komm! Hebe dich zu höheren Sphären“ der unsichtbaren Sopranistin erklingt aus himmlischen Höhen. Verklärend die Schlussszene, in einem betörenden, unvorstellbaren pianissimo, der Chorus mysticus: „Alles Vergängliche / ist nur ein Gleichnis / Das Unzulängliche / Hier wird´s Ereignis / Das Unbeschreibliche / Hier ist´s getan“ – um dramatisch sich steigernd mit „Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan!“ glanz- und prachtvoll im Orchesternachspiel ins überwältigende Finale zu münden. Standing Ovations!
Gustav Mahler Symphonie Nr. 8 in Es-Dur
für Soli, Knabenchor, zwei gemischte Chöre und Orchester
Dirigent Kirill Petrenko
Sopran I / Magna peccatrix Jaquelyn Wagner
Sopran II / Una poenitentium Sarah Wegener
Sopran / Mater gloriosa Liv Redpath
Alt I / Mulier Samaritana Beth Taylor
Alt II / Maria Aegyptiaca Fleur Barron
Tenor / Doctor Marianus Benjamin Bruns
Bariton / Pater ecstaticus Gihoon Kim
Bass / Pater profundus Le Bu
Rundfunkchor Berlin, Bachchor Salzburg
Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, Tölzer Knabenchor
Berliner Philharmoniker