Maggy Mauritz - eine wiederentdeckte Pionierin des Lettrismus und der Street-Art

In der traditionellen Kunstgeschichtsschreibung wurden Frauen der historischen Avantgarde oft übersehen oder auf die Rolle der Ehefrau und Muse reduziert. Ein eindrucksvolles Beispiel für eine solche zu Unrecht vergessene Künstlerin ist die 1941 geborene Maggy Mauritz. Als Mitglied der Lettristischen Bewegung im Paris der 1960er-Jahre schuf sie ein radikal innovatives Werk, das Schrift, visuelle Poesie und neue Maltechniken miteinander verband. Unter dem Titel "… und ich bin auch Malerin!" widmet ihr das Küefer Martis Hus in Ruggell (Liechtenstein) von 16.8. bis 25.10 eine umfassende, von Frédéric Acquaviva kuratierte Retrospektive, die das Leben und die künstlerischen Innovationen von Maggy Mauritz neu beleuchtet und damit einen wichtigen Baustein zur hochverdienten Wiederentdeckung der Künstlerin liefert. In der Ausstellung im Küefer Martis Hus sind auch ganz neue Arbeiten von Mauritz zu sehen. 

Margarethe "Maggy" Mauritz wurde 1941 im sudetischen Böhmen geboren. Nach den Wirren der Vertreibung wuchs sie unter schwierigen Bedingungen in einem Flüchtlingslager nahe Stuttgart auf. In ihrer Jugend erlernte sie unter anderem die deutsche Stenografie (Kurzschrift). Dass diese pragmatische Ausbildung einmal das Fundament ihrer Kunst bilden würde, war damals noch nicht abzusehen.

Ein Au-pair-Aufenthalt in London (1962) und der dortige Besuch des Rosetta-Steins im British Museum weckten ihr tiefes Interesse an Schriftzeichen als visuelle Kunstformen. 1963 zog sie schließlich nach Paris. Dort arbeitete sie als Sekretärin für den Verleger Robert Altmann und begegnete dessen Sohn, dem Künstler Roberto Altmann, den sie später heiratete. In diesem intellektuellen Umfeld kam sie mit dem Lettrismus in Kontakt und begann autodidaktisch, eigene Werke zu erschaffen.

Stenografie und Sprühdose

Der Lettrismus, begründet von Isidore Isou, erhob den Buchstaben und das Schriftzeichen zum zentralen Element der bildenden Kunst. Mauritz entwickelte hierbei zwei völlig eigenständige Alleinstellungsmerkmale. So nutzte sie erstens als einzige Künstlerin der Bewegung die deutsche Stenografie für ihre hypergraphischen Kompositionen. Sie entfremdete die gelernten Kürzel und fügte sie zu abstrakten, poetischen Mustern auf Papier und Leinwand zusammen.

Und zweitens verwendete sie bereits ab 1966, also lange vor dem weltweiten Graffiti-Boom, Sprühlacke und Schablonen, um Buchstaben- und Zahlenkompositionen aufzutragen. Damit gilt sie kunsthistorisch als eine der ersten Frauen (und Künstler:innen überhaupt), die Street-Art-Techniken in die Galerie-Kunst integrierten.

Späte Wiederentdeckung

Obwohl Mauritz in den 1960er- und 70er-Jahren an wichtigen Ausstellungen in Paris, Berlin und Hamburg beteiligt war, wurde ihr Name in zeitgenössischen Dokumenten und Katalogen oft verschwiegen, ignoriert oder schlicht weggelassen. Nach dem Umzug nach Liechtenstein organisierte sie über 50 Ausstellungen für das dortige Zentrum für Kunst und Kommunikation, stellte ihr eigenes Schaffen ab Mitte der 1980er Jahre jedoch zugunsten der Familie und der Galeriearbeit für ihren Mann hintenan.

Die kunsthistorische Gerechtigkeit setzte erst im 21. Jahrhundert ein. Angeführt von Kuratoren wie Frédéric Acquaviva und Galerien in Paris (wie Loeve&Co) wurden ihre jahrzehntelang verborgenen oder als verloren geglaubten Arbeiten ab 2019/2021 systematisch aufgearbeitet. Mit der Veröffentlichung ihres umfassenden Werkverzeichnisses (Catalogue raisonné) im Jahr 2026 und großen Retrospektiven, wie jetzt auch dieser im Ruggeller Küefer Martis Hus, wird Maggy Mauritz endlich als die Avantgarde-Ikone gewürdigt, die sie immer war. 

Anhand des Werkes von Maggy Mauritz zeigt sich einmal mehr eindrucksvoll, dass die Geschichte der modernen Kunst noch immer Lücken aufweist, die geschlossen werden müssen. Mauritz’ Werk ist nicht nur ein faszinierendes Zeugnis des Pariser Lettrismus, sondern beweist auch ihren visionären Geist, der nachfolgende Generationen von Graffiti- und Konzeptkünstlern unbewusst vorwegnahm. Ihr Zitat "... und ich bin auch Malerin!" ist heute kein zaghafter Einwand mehr, sondern ein triumphales Statement einer großen Künstlerin.

Quellen: 
- Werkverzeichnis „Maggy Mauritz: Œuvres lettristes (1963–2025)“, herausgegeben von Frédéric Acquaviva (erschienen 2026)
- Küefer Martis Huus, Ruggell

 


Maggy Mauritz: „… und ich bin auch Malerin!”
Eine Retrospektive
Kuratiert von Frédéric Acquaviva
16. August – 25. Oktober 2026

Ausstellungseröffnung
Sonntag, 16. August, 15 Uhr 
mit Präsentation des Werkverzeichnisses 

Buchvorstellung (englisch): Frédéric Acquaviva, Komponist, Lettrismus-Historiker, Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Werkverzeichnisses

Zur Ausstellung: Maggy Mauritz im Gespräch mit Johannes Inama, Leiter des Küefer-Martis-Huus