Lukas Birk - Topografie der Erinnerung

Zehn persönliche Geschichten machen den Zweiten Weltkrieg als weltumspannendes Ereignis begreifbar. Der Fotograf und Weltreisende hat historische Schicksale, die er fundiert recherchiert hat, zu literarisch verdichteten Biografien verarbeitet. Eine indische Krankenschwester, ein kenianischer Feldkoch, ein japanischer Soldat, eine philippinische Guerillaführerin oder eine von Stalin deportierte Krimtatarin – sie alle erzählen in der Ich-Perspektive von Krieg, Verlust und Hoffnung. Ihre Stimmen verbinden sich durch Fotografien, Karten, Archivmaterialien und Tonaufnahmen zu einer vielschichtigen Erzählung. Die Ausstellung vermittelt einen Eindruck davon, wie Menschen in verschiedenen Erdteilen den Zweiten Weltkrieg erlebt und erinnert haben – jenseits europäischer Perspektiven und vertrauter Erinnerungskulturen.

Mit „Topografie der Erinnerung” erweitert Birk die europäische Erinnerungskultur um eine globale Perspektive. In den Ländern Asiens und Afrikas erscheint der Zweite Weltkrieg als Kulminationspunkt einer langen Geschichte kolonialer Gewalt. „Wir betrachten ihn oft isoliert, als Geschichte von Nationalsozialismus, Holocaust und Wiederaufbau“, erklärt Birk. „Doch tatsächlich ist er das Resultat einer sehr langen europäischen Gewaltgeschichte.“ In der Ausstellung werden Opfer, Mitläufer, Täter, Zivilpersonen, Kollaborateure und Widerstandskämpfer:innen ohne moralische Gleichsetzung, aber mit klar markierten Standpunkten gezeigt. Optisch entfaltet sie sich wie ein begehbares Pop-up-Buch: eine großformatige Pinnwandlandschaft mit Hörstationen, die den Raum in ein sinnliches Erinnerungsfeld verwandelt. Wer tiefer eintauchen möchte, kann dies mit dem zur Ausstellung erscheinenden Buch „Topografie der Erinnerung/Topography of Remembrance” tun.

Obwohl Lukas Birk mit historischen Themen arbeitet, ist er kein Geschichtswissenschaftler. Seine künstlerische Praxis nutzt erzählerische Mittel, ohne die Realität zu verfälschen. „Fiktion ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, jedoch nicht, um Unwahrheiten zu erzeugen, sondern um auf Realitäten aufmerksam zu machen.” Seine Erzählungen ähneln literarischen Formen oder Spielfilmen, die auf Tatsachen basieren: Sie sind subjektiv und perspektivisch. Diese Haltung prägt auch seinen Umgang mit den zehn Biografien der Ausstellung. Sie beruhen auf intensiver Recherche, Interviews und historischen Quellen. Einige Figuren sind realen Personen nachempfunden, andere verdichten mehrere Lebensgeschichten zu einer literarischen Stimme. Besonders berührt hat Birk die Geschichte der Krim-Tatarin Firuza Bakhçesaraylı. Deren Schicksal – Vertreter des stalinistischen Machtapparats ordneten ihre Deportation an – habe ihm „einen völlig neuen historischen Raum erschlossen“.

Lukas Birk, 1982 in Vorarlberg geboren, lebt in Südfrankreich und ist seit vielen Jahren in Asien, dem Mittleren Osten und anderen Regionen des Globalen Südens künstlerisch tätig. Seine Arbeiten verbinden persönliche Familiengeschichte, historische Fotografie und internationale Recherche zu einem vielschichtigen Blick auf Identität, Erinnerung und die Macht der Bilder.

Ausstellung im Atrium
Lukas Birk – Topografie der Erinnerung
18. April bis 5. Juli
Eintritt frei

Veranstaltungen zur Ausstellung

Freitag, 17. April, 17:00 Uhr: Vernissage
Begrüßung: Michael Kasper, Direktor Vorarlberg Museum
Gespräch: Lukas Birk mit Kathrin Dünser, Kuratorin Vorarlberg Museum

Samstag, 18. April, 14:00–17:00 Uhr: Workshop mit Lukas Birk
Fotografieren mit der Boxkamera – Magie der Langsamkeit

Sonntag, 19. April, 15:00 Uhr: Künstlerführung mit Lukas Birk
durch die Ausstellung „Topografie der Erinnerung”

Donnerstag, 7. Mai, 18:00 Uhr: Dialogführung mit Franziska Völlner
(#OhneAngstVerschiedenSein/Jüdisches Museum Hohenems) und Kathrin Dünser: Lukas Birk – „Topografie der Erinnerung”