8. Mai 2019 - 7:05 / Ausstellung / Malerei 
5. April 2019 12. August 2019

Die Berliner Malerin Lotte Laserstein (1898 –1993) ist eine der sensibelsten Porträtistinnen der frühen Moderne zwischen Tradition und Innovation. Bereits als 30 -jährige war sie eine berühmte und erfolgreiche Künstlerin.

Die Wiederkehr des modernen Realismus

Wiederentdeckungen – von Künstler*innen, deren Karrieren in den Wirren des 20. Jahrhunderts, einer Epoche der Extreme, oft brutal beendet wurden. Und in einer Zeit der Wiederkehr des Realismus. Zurecht war jahrzehntelang die Abkehr von feudaler Repräsentation, konventionellen Schönheitsbegriffen und klassischem Realismus legitim. Die Kunst einer neuen Gesellschaftsordnung wollte und brauchte Experimente und neue Sichtweisen. Nun entdeckt die Kunstwelt, dass der Kontrast von Form und Formlosigkeit, von Gegenständlichkeit und konzeptioneller Symbolik die Wahrnehmung wieder erweitern und bereichern kann.

Menschenbilder, Intimität, Sinnlichkeit

Lotte Laserstein hatte das Talent, zwei Universen zu verbinden. Sie spielte mit Zitaten aus der Kunstgeschichte ebenso wie mit der Flächigkeit und dem Pinsel­strich des Spätimpressionismus. Ihr Lebenswerk wird dominiert von Menschenbildern, von Intimität, Wärme und Sinnlichkeit. Sie idealisierte ihre Modelle nie, sie gab ihnen Würde und intensive Präsenz, bekleidet oder nackt. Laserstein war eine sanft-gefühlvolle Chronistin der 1920er und 30er Jahre: Sie malte Frauen und Männer der neuen Zeit und aller Klassen in ihrer ganzen Natürlichkeit. Sie setzte sich bildnerisch über damals normative Vorstellungen von Geschlech­terrollen hinweg.

Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur präsentiert 58 Werke, darunter 48 Gemälde, 9 Zeichnungen und Dokumente Lasersteins aus ihrer Berliner Erfolgsperiode und ihren schwedischen Exiljahren. Die vom Frankfurter Städel Museum organisierte und bis zum 17. März dort gezeigte Ausstellung „Von Angesicht zu Angesicht“ wird von der Berlinischen Galerie übernommen. In Berlin wird das Werk Lasersteins mit Porträts, Landschaftsbildern, Spätwerken und Bildern aus ihrem künstlerischen Umfeld der 1920/30er Jahre erweitert. Vergleiche mit Konrad Felixmüller, George Grosz, Max Liebermann, Christian Schad u.a. demonstrieren deutlich die Besonderheit und Originalität des Laserstein-Realismus.

Glanz und Elend einer Biographie

Lotte Laserstein wurde 1898 als Tochter eines protestantischen Apothekers mit jüdischen Wurzeln im heutigen Pasłęk, damals Ostpreußen, geboren. Ihr Vater starb, als sie erst drei Jahre alt war. Die Mutter zog daraufhin mit ihren beiden Töchtern Lotte und Käte zur großbürgerlichen, ebenfalls verwitweten Großmutter nach Danzig. Bereits ab 1908 erhielt Lotte ersten Malunterricht bei der Malerin Elsa Birnbaum, der Schwester ihrer Mutter.

1912 zog die Familie in die Metropole Berlin. Nach ihrem Abitur begann Lotte 1921 mit dem Studium an der Berliner Akademischen Hochschule. Die Weimarer Republik erlaubte Frauen endlich an staatlichen Kunstschulen zu studieren. Ihr Lehrer hieß Erich Wolfsfeld, eines ihrer Idole war der Naturalist Wilhelm Leibl. 1927 beendete sie als schon mehrfach ausgezeichnete Meister­schülerin das Studium. Mit der Teilnahme an ca. 22 Gruppenausstellungen und Wettbewerben erlebte Laserstein in kurzer Zeit einen glanz­vollen Aufstieg in der Kunstwelt. Bereits 1928 kaufte die Stadt Berlin ein erstes Gemälde von ihr an. Ob­wohl sich in ihren Bildern Anklänge an die damals populäre Neue Sachlichkeit finden, war ihr Malstil weder objektivierend unterkühlt noch gesellschaftskritisch überzeichnet. 1931 kam es zu ihrer ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Fritz Gurlitts.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie ab 1933 vom öffentlichen Kulturbetrieb ausgeschlossen und arbeitete ein paar Jahre als Kunstlehrerin an einer jüdischen Privatschule. 1937 emigrierte sie nach Stockholm, wo sie mit einer Ausstellung in der Galerie Moderne gefeiert wurde. Von dort musste sie die Inhaftierung und Ermorderung ihrer Mutter miterleben. Ihre Schwester schafft es, im Berliner Untergrund zu überleben. Nach wechselvollen Jahren und isoliert vom internationalen Kunstbetrieb zog Laserstein 1954 ins südschwedische Kalmar und sicherte ihre Existenz unter anderem als Auftragsmalerin.

Noch während ihrer Lebenszeit begann ihre internationale Wiederentdeckung 1987 und 1990 in den Londoner Galerien Thos. Agnew & Sons und The Belgrave Gallery. 1993 verstarb sie in Kalmar. Mit der Aus­stellung „Lotte Laserstein. Meine einzige Wirklichkeit“ 2003 im Ephraim-Palais wurde ihre Kunst erstmalig auch wieder in Deutschland durch Das Verborgene Museum präsentiert, kuratiert von Anna-Carola Krausse, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Berliner Ausstellungskonzept der Kuratorin Annelie Lütgens, Leiterin der Grafischen Sammlung

Die Berlinische Galerie präsentiert nicht nur Werke aus den prägenden Berliner Jahren Lotte Laser­steins, sondern wirft einen Blick auf die zweite Lebenshälfte der Malerin im Exil. Anlässlich einer Aus­stellung zu ihrem 85. Geburtstag 1983 in Kalmar wurde Peter Fors (1957 in Kalmar) auf sie aufmerksam. Der kunstbegeisterte, junge Mann begleitete und unterstützte Laserstein dann als enger Vertrauter bis zu ihrem Tod. 2009 übergab er hunderte von dokumentarischen Materialien aus ihrem Nachlass in die Künstlerinnen-Archive der Berlinischen Galerie, die auszugsweise in der Ausstellung gezeigt werden. Hinzu kommen einige Dinge aus Fors‘heutigem Besitz. In der Berlinischen Galerie hat Lotte Laserstein daher seit langem ihren Platz. Anlässlich der Ausstellung Kunst zweier Metropolen konnte Lasersteins verschollen geglaubtes Gemälde „Im Gasthaus“ (1927) im Jahr 2014 erstmals seit 1928 wieder gezeigt werden. Es war vom Magistrat der Stadt angekauft, im Zuge der Aktion Entartete Kunst entfernt worden und galt bis 2013 als verschollen. Die Berlinische Galerie präsentierte in ihrer Ausstellung Wien Berlin insgesamt drei Leihgaben von Gemälden Lasersteins, darunter das Meisterwerk „Abend über Potsdam“ (1930), das sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin befindet. Die Berlinische Galerie schätzt sich glücklich, Lasersteins frühes „Selbstporträt im Atelier Friedrichsruher Straße“ seit 2016 als langfristige Leihgabe aus Privatbesitz in der ständigen Sammlung präsentieren zu können.

Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht
5. April bis 12. August 2019

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
D - 10969 Berlin-Kreuzberg

W: http://www.berlinischegalerie.de

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  •  5. April 2019 12. August 2019 /
Lotte Laserstein, Kopf eines jungen Mannes, um 1926, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Kopf eines jungen Mannes, um 1926, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau, um 1931, Privatbesitz Berlin, Courtesy Das Verborgene Museum, Berlin, Foto: Das Verborgene Museum, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Liegendes Mädchen auf Blau, um 1931, Privatbesitz Berlin, Courtesy Das Verborgene Museum, Berlin, Foto: Das Verborgene Museum, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kulturstiftung und anderer, Bild: bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kulturstiftung und anderer, Bild: bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Abendunterhaltung, 1948, Privatbesitz, Repro: Kai-Annett Becker © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Abendunterhaltung, 1948, Privatbesitz, Repro: Kai-Annett Becker © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Bauerntochter, 1932, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
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Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Maler in den Dünen, um 1933, Dr. Michael Nöth, Kunsthandel und Galerie, Ansbach, Potsdam, Bild: Christian Mitko, Fotografie, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Maler in den Dünen, um 1933, Dr. Michael Nöth, Kunsthandel und Galerie, Ansbach, Potsdam, Bild: Christian Mitko, Fotografie, München © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Mongole, um 1927, Private Collection, London, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
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Lotte Laserstein, Selbstporträt mit Katze, 1928, New Walk Museum and Art Gallery, Leicester, Reproduced courtesy of Leicester Arts and Museums Service © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Selbstporträt mit Katze, 1928, New Walk Museum and Art Gallery, Leicester, Reproduced courtesy of Leicester Arts and Museums Service © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, Bild: Lotte-Laserstein-Archiv/ Krausse, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Traute im grünen Pullover, um 1931, Privatbesitz, Schweden, Foto: Matthew Hollow Photography © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Traute im grünen Pullover, um 1931, Privatbesitz, Schweden, Foto: Matthew Hollow Photography © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Am Motorrad, 1929, Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr. 1990/2491 © Foto: Deutsches Historisches Museum/ A. Psille © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Am Motorrad, 1929, Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr. 1990/2491 © Foto: Deutsches Historisches Museum/ A. Psille © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Russisches Mädchen mit Puderdose, 1928, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum- ARTOTHEK © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein, Russisches Mädchen mit Puderdose, 1928, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum- ARTOTHEK © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildete Gemälde: Lotte Laserstein, Junge mit Kasper-Puppe (Wolfgang Karger), 1933, Städel-Museum, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 und Lotte Laserstein, Rauchender Mann (Wilhelm Thiermann), ca. 1930, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildete Gemälde: Lotte Laserstein, Junge mit Kasper-Puppe (Wolfgang Karger), 1933, Städel-Museum, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 und Lotte Laserstein, Rauchender Mann (Wilhelm Thiermann), ca. 1930, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, Berlin, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Lotte Laserstein, Plakatentwurf zur Ausstellung "Die gestaltende Frau", 1930, Privatbesitz, Berlin, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019 und Lotte Laserstein, Morgentoilette, 1930, National Museum of Women in the Arts, Washington D.C., Gift of the Board of Directors, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatbesitz, Berlin, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Lotte Laserstein, Plakatentwurf zur Ausstellung "Die gestaltende Frau", 1930, Privatbesitz, Berlin, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019 und Lotte Laserstein, Morgentoilette, 1930, National Museum of Women in the Arts, Washington D.C., Gift of the Board of Directors, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kulturstiftung und anderer, Bild: bpk/Nationalgalerie, SMB/Roman März, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht, Berlinische Galerie, Ausstellungsansicht, Foto: Harry Schnitger (abgebildetes Gemälde: Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, erworben mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kulturstiftung und anderer, Bild: bpk/Nationalgalerie, SMB/Roman März, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Wanda von Debschitz-Kunowski, Ohne Titel (Lotte Laserstein vor dem Gemälde „Abend über Potsdam“), undatiert, Schenkung aus Privatbesitz, Repro: Anja Elisabeth Witte © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Wanda von Debschitz-Kunowski, Ohne Titel (Lotte Laserstein vor dem Gemälde „Abend über Potsdam“), undatiert, Schenkung aus Privatbesitz, Repro: Anja Elisabeth Witte © VG Bild-Kunst, Bonn 2019