29. Januar 2013 - 3:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Steven Spielberg zeichnet nicht das Leben des 16. Präsidenten der USA nach, sondern beschränkt sich auf wenige Wochen während seiner zweiten Amtszeit. Anhand von Lincolns Kampf für den 13. Zusatzartikels zur Verfassung, mit dem das Verbot der Sklaverei in den USA festgeschrieben werden soll, entwickelt Spielberg ein packendes und zeitloses Lehrstück über den Weg der Mehrheitsfindung in einer Demokratie.

David Wark Griffith hat 1930 in "Abraham Lincoln" das Leben des 16. Präsidenten der USA nachgezeichnet, John Ford hat in "Young Mr. Lincoln" 1939 den jungen Rechtsanwalt porträtiert, Timur Bekmambetov hat den Politiker zuletzt in "Abraham Lincon: Vampirjäger" (2012) sogar auf die Jagd von Vampiren geschickt. 56 Titel listet die International Movie Data Base auf die Eingabe "Abraham Lincoln" auf. Unbestritten zu den beliebtesten US-Präsidenten zählt der Republikaner, wobei der Umstand, dass er am 15. April 1865 ermordet wurde, diesen Ruhm sicherlich begünstigt hat.

Jugend und erste Amtsperiode Lincolns spart Steven Spielberg aus, mit Inserts fasst er die Situation bei Antritt seiner zweiten Amtszeit im Winter 1864/65 zusammen, lässt dann die Handlung im Januar 1865 mit einer Schlachtszene einsetzen. Drastisch werden die Gräuel des Bürgerkriegs auch später in einer Lazarettszene gezeigt, doch solche Bilder bleiben die Ausnahme. Auch die erste Schlachtszene geht rasch in ein Gespräch Lincolns mit zwei afroamerikanischen Soldaten über.

Auf wenige Wochen im Januar 1865 beschränkt sich die Handlung, eher pflichtschuldig kurz abgehandelt werden am Ende die weiteren Ereignisse bis zur Ermordung Lincolns. Im Zentrum steht sein Kampf um die Verabschiedung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, mit dem das Verbot der Sklaverei in den USA in den Verfassungsrang erhoben werden soll. Gegner dieses Gesetzes gibt es nicht nur bei den Demokraten, sondern auch in der eigenen Partei. Taktieren ist gefragt, Stimmen müssen gewonnen werden und auch ein vorzeitiges Kriegsende wäre für die Abstimmung eher ungünstig.

"Wir sind Walfänger" erklärt Lincoln einmal und so versucht man Abgeordnete der Demokraten durch Versprechen von Jobs zu ködern. Pragmatische Überlegungen lassen dagegen einen radikalen Republikaner wie den Anwalt Thaddeus Stevens dem Gesetz schließlich zustimmen. Dieser fordert zwar die völlige Gleichstellung der Afroamerikaner, erkennt aber, dass er zumindest vorerst mit dem Kompromiss, den Lincolns Gesetz darstellt, zufrieden sein muss.

Pragmatisch handelt aber auch Lincoln, wenn er Friedensverhandlungen verzögert und damit eine Fortsetzung der Gemetzel in Kauf nimmt, weil er genau weiß, dass nach Friedensschluss kaum mehr eine Mehrheit für das Gesetz zu finden ist.

Nicht Action, sondern Diskussionen bestimmen so "Lincoln". Der Kongress, Debattierzimmer der Partei und Lincolns Wohnung sind die Hauptschauplätze. Die dunklen Farben von schweren Holzmöbeln und dicken Vorhängen drücken dem Film visuell den Stempel auf, nur ansatzweise dringt das grelle Licht von außen in die Innenräume.

Dicht und konsequent aufgebaut ist das Drehbuch, das Tony Kushner auf der Grundlage von Doris Kearns Goodwins 2005 erschienenem Sachbuch "Team of Rivals: The Political Genius of Abraham Lincoln" entwickelte. So historisch präzise "Lincoln" dabei ist, so zeitlos ist dieser Film gleichzeitig in der differenzierten Schilderung der Politik als ein zermürbendes und zähes Geschäft, in dem man nicht nur argumentieren und überzeugen, sondern auch taktieren muss und auch vor Stimmenkauf nicht zurückschrecken darf.

Unübersehbar als Parallelfigur zu Barack Obama und seinen Kampf um die Reformierung des Gesundheits- und Sozialwesens legt Spielberg Lincoln an. Welchen persönlichen Preis man für diesen Kampf zahlen muss, wird spätestens klar, wenn gegen Ende ein Mitstreiter feststellt, dass Lincoln in diesen Wochen zehn Jahre gealtert sei.

Vorwerfen kann man dem Film damit freilich auch, dass er die Sklavenfrage im Grunde nicht thematisiert, keinen Einblick in die Sklaverei bietet, sondern diese Frage nur benützt um einen grundsätzlichen Einblick in die Mechanismen der Mehrheitsfindung in einem demokratischen Staat zu schildern.

Doch jenseits solcher Einwände muss man nicht nur die stilsichere und überlegte Inszenierung, sondern auch das exzellente Ensemble bewundern. Großartig spielt Daniel Day-Lewis den Präsidenten, überzeugt allein schon physiognomisch, begeistert aber auch mit seiner Zurückhaltung, den kleinen Gesten und dem Sprachduktus. Großartig an seiner Seite ist aber auch Tommy Lee Jones als Thaddeus Stevens, der förmlich dadurch zerrissen wird, dass er gegen seine Überzeugung im Sinne einer Politik der kleinen Schritte dem Gesetz zustimmen muss, oder David Strathairn als Lincolns Außenminister William Seward.

Aber Spielberg zeigt Lincoln nicht nur als raffinierten Politiker, der die Moral auch über Bord wift, um sein Ziel zu erreichen, sondern auch als Familienmenschen. Er macht das Trauma sichtbar, das der Verlust eines Kindes bei Lincoln und seiner von Sally Field mit Leidenschaft und großem Einsatz gespielten Frau Mary Todd überschattet, schildert seinen liebevollen Umgang mit seinem jüngsten Sohn und seinen verzweifelten Versuch seinen älteren Sohn, der sich für den Kampf melden möchte, aus dem Krieg herauszuhalten.

Im nüchternen, fast dokumentarischen Erzählton kommt hier nur Pathos auf, wenn in wenigen dramatischen Momenten die Musik von John Williams aufdonnert, oder Lincoln als schwarze Silhouete vor einem Fenster inszeniert wird. Mit der zurückgenommenen Erzählweise arbeitet Spielberg auch der Mythenbildung weitgehend entgegen, er holt Lincoln in den Familienszenen ebenso wie im politisches Agieren auf die menschliche Ebene herunter, zeichnet ihn als Zerrissenen, dem mit seinem Hang zu schrulligen Anekdoten aus der Geschichte aber auch Witz zugestanden wird.

Läuft am Dienstag, 2.4. um 20 Uhr im Cinema Dornbirn (engl. O.m.U.)

Trailer zu "Lincoln"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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