„Leopoldstadt“ ist bei Tom Stoppard mehr als nur ein Ort. Es ist ein Echo, ein Schatten, ein Flüstern durch Generationen. In seinem letzten Stück erzählt der im Jahr 2025 verstorbene Dramatiker die jüdische Geschichte Wiens vom Glanz bis zur Auslöschung – nicht als museale Rückblende, sondern als sehr persönliche, berührend gegenwärtige Familiengeschichte.
Wir folgen der Familie Merz: Sie ist wohlhabend, säkularisiert und integriert – wie so viele, die um die Jahrhundertwende an den Fortschritt glaubten. Es ist eine Welt im Takt des Walzers und der Assimilation im Zentrum einer Metropole, die sich für aufgeklärt hält. Und das Schicksal dieser Familie ist keine Ausnahme, sondern steht exemplarisch für eine bedrückende Vielzahl von Geschichten, die mit der Shoah ein brutales Ende fanden. Was bleibt, ist das Erinnern.
Stoppard, der erst spät in seinem Leben von seiner jüdischen Herkunft erfuhr, verwebt in „Leopoldstadt” persönliche Fragen mit historischem Bewusstsein. Was bedeutet Herkunft, wenn ihre Spuren kaum noch lesbar sind? Was tun mit einem Erbe wie diesem? Wie lässt es sich fortleben, wenn man so lange nichts davon wusste? Und wie kann Theater, ohne Pathos und ohne falsche Verklärung, jene Würde retten, die so vielen genommen wurde?
Mit präziser Sprache, tiefem Humanismus und großer erzählerischer Eleganz entfaltet sich ein Panorama, das nicht lediglich die Vergangenheit abbildet, sondern eine Verantwortung benennt, die heute dringlicher ist denn je. „Leopoldstadt” ist ein Anschreiben gegen das Vergessen. Und ein Theaterabend über das, was Familie, Identität und Geschichte im Innersten verbindet.
Leopoldstadt
Tom Stoppard, Deutsch von Daniel Kehlmann
Ab Freitag, dem 2. Oktober 2026
Premiere: Freitag, 2. Oktober 2026, 19:00 Uhr, Werkstattbühne im Festspielhaus Bregenz
Vorstellungen: Sonntag, 4. Oktober | Dienstag, 6. Oktober | Mittwoch, 7. Oktober | Donnerstag, 8. Oktober | Freitag, 9. Oktober | Samstag, 10. Oktober, jeweils um 19:00 Uhr sowie Sonntag, 11. Oktober, um 17:00 Uhr, Werkstattbühne im Festspielhaus Bregenz
Publikumsgespräch: Samstag, 10. Oktober, im Anschluss an die Vorstellung, Werkstattbühne im Festspielhaus Bregenz (Eintritt frei).